Sammlung Rothschild Die Rekord-Versteigerung

Alle Erwartungen übertroffen hat die Versteigerung der Kunstsammlung der Bankiersfamilie Rothschild. Im Londoner Auktionshaus Christie's wurde für die 250 Kunstwerke ein Preis von umgerechnet 173 Millionen Mark erzielt.


London - Das ist einer der größten Umsätze, die jemals bei einer Versteigerung erzielt wurden. Noch prüft man bei Christie's, ob es sich um einen Weltrekord handelt. Klar ist, daß in verschiedenen Einzelbereichen bisher nicht erreichte Spitzenpreise erzielt wurden.

Illustriertes Gebetbuch - für 25,5 Millionen Mark versteigert
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Illustriertes Gebetbuch - für 25,5 Millionen Mark versteigert

Der Höhepunkt: Die Versteigerung eines fast 500 Jahre alten Gebetbuches für den Rekordpreis von 8,5 Millionen Pfund (25,5 Millionen Mark)! Das Meisterwerk aus der Renaissance ist mit 67 ganzseitigen Miniaturen illustriert und wurde wahrscheinlich im belgischen Gent oder Brügge hergestellt. Nun ist es in den Besitz eines privaten Sammlers übergegangen. Vor der Versteigerung war der Kunstschatz auf umgerechnet sechs bis neun Millionen Mark geschätzt worden - am Ende wurde etwa das Vierfache gezahlt.

"Porträt des Tielemann Roostermann" von Frans Hals
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"Porträt des Tielemann Roostermann" von Frans Hals

Für 24,6 Millionen Mark wechselte das "Porträt des Tielemann Roostermann" des niederländischen Meisters Frans Hals den Besitzer. Es ist nun das teuerste verkaufte Bild des Künstlers. Zwei andere Gemälde von Hals, einem der größten Porträtisten des 17. Jahrhunderts, wurden für 2,2 Millionen Pfund (6,6 Millionen Mark) und 900.000 Pfund (2,7 Millionen Mark) versteigert.

Der dritthöchste Preis ergab sich für eine Kommode. Das Möbelstück wurde 1778 im Auftrag des französischen Königs Louis XVI. von Jean-Henri Riesener gefertigt. Für umgerechnet 21 Millionen Mark wurde es einer Stiftung der Freunde des Schlosses Versailles, unterstützt vom Staat Frankreich, ersteigert. Auch hier ein Rekord: Die Kommode ist das teuerste französische Möbelstück.

Versteigerung bei Christie's in London
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Versteigerung bei Christie's in London

Angaben über die Käufer machte Christie's in den meisten Fällen nicht. Offensichtlich aber wurden fast drei Viertel der Kunstgegenstände von europäischen Bietern ersteigert worden. Ein Gemälde von David Teniers d.J. aus dem 17. Jahrhundert, das Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Gemäldegalerie in Brüssel zeigt, wurde für 2,9 Millionen Pfund (8,7 Millionen Mark) zugeschlagen. An diesem Tag schon fast selbstverständlich: Rekordpreis auch für diesen Maler. Das "Cornaro-Missal", ein Meßbuch aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, erzielte mit 8,4 Millionen Mark deutlich mehr als seinen geschätzten Wert von 600.000 Mark. Nach der mehr als vierstündigen Versteigerung sah der erschöpfte Chef-Auktionator Lord Hindlip das Ergebnis als "sensationell". Von den Brüdern Nathaniel und Albert Rothschild angelegt, fand die gesamte Sammlung bei der Rekord-Auktion neue Eigentümer.

Teuerste versteigerte Uhr aller Zeiten
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Teuerste versteigerte Uhr aller Zeiten

Sie zählt zu den wichtigsten Privatsammlungen der Welt. Die Familie hatte die Kunstschätze vor allem während des 19. Jahrhunderts erworben, als sich viele europäische Königs- und Adelshäuser auflösten. 1938 in Wien raubten die Nationalsozialisten der jüdischen Familie die Besitztümer. Sie waren für ein geplantes persönliches Museum von Adolf Hitler gedacht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lagerten die Kunstwerke in einem Salzstock, anschließend wurden sie dem Staat Österreich übergeben. Fortan wurden sie in Museen ausgestellt. Gemäß einem neuen Gesetz über die Rückgabe geraubter Kunstschätze, wurden sie Anfang dieses Jahres den Rothschild-Erben zurückgegeben.

Angeblich wußten die in den USA lebenden Nachfahren des Wiener Rothschild-Zweiges bis dahin nichts von den in Europa lagernden Schätzen. Da sie aber nach eigenen Angaben nicht über angemessene Ausstellungsräume verfügten, und nicht in der Lage seien, die Werte zu pflegen, entschlossen sie sich zum Verkauf. Erbin Bettina Looram-Rothschild sagte, die Versteigerung sei "traurig". Sie sei aber froh über die Rückgabe der Sammlung durch die österreichischen Behörden: "Aus Unrecht ist wieder Recht geworden."



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