Medienmeute in San Bernardino Ran, ran, ran

Was müssen Journalisten berichten? Und was ist nur noch abstoßender Voyeurismus? Der Überfall von Kamerateams auf die Wohnung des Täterpaars von San Bernardino war ein medialer Sündenfall.

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Bude voll: TV-Kamerateams stürmen die Wohnung des Mörderpaars
AP/dpa

Bude voll: TV-Kamerateams stürmen die Wohnung des Mörderpaars


Kein Fernsehteam recherchierte am Freitagnachmittag so tiefgehend wie MSNBC, beobachtete David Zuwarik von der "Baltimore Sun" voller Abscheu. Der MSNBC-Reporter, der natürlich nonstop live in die Kamera sprach, zeigte nicht nur den Teddybär, an den sich bis Kurzem noch das kleine Kind der 14-fachen Mörder von San Bernadino schmiegte. Er wühlte sich auch live in die Tiefen des Kinderbettes, suchte in Bettlaken und unter Matratzen nach ... - ja, wonach eigentlich?

Dass auch Terroristen schlafen, Kinder bekommen, Essen und ihre Notdurft verrichten, war schon vor der Erstürmung der Wohnung klar. Und dass das Böse oft banal daherkommt, ist eine so abgenutzte Einsicht, dass sie noch nicht einmal mehr für heiser raunende Kommentare taugt. Was sollte man da auch sagen: Mit diesem Handtuch hat sich Syed F. noch vor Tagen die Hände getrocknet?

Nein, natürlich ging es nicht um Informationen, sondern um Zugang. Um die vermeintliche Exklusivität des Eindringens in die Privatsphäre toter Massenmörder. Der Zweck: Informationspornografie. Neue Häppchen, mit denen man irgendwie die immer gleichen Bilder ergänzen kann, die seit Tagen in Dauerschleife laufen. Frisches Futter für den hungrigen Fernsehzuschauer.

Mediale Reflexe

Das MSNBC-Team stand in Konkurrenz zu all den anderen TV-Teams, die die Wohnung zeitgleich stürmten. Es war eng und proppevoll, Fotografen und Kameraleute behinderten sich gegenseitig, und jeder suchte nach diesem Etwas und dem Blickwinkel, den noch keiner der anderen erkannt hatte.

Da muss man schnell sein, da muss man sich durchsetzen können, da denkt man nicht viel nach. Schau da! Halt drauf! Zoom ran!

Die Aufwertung des Trivialen: Für die Kamera wird in Rückschau alles zum Indiz
REUTERS

Die Aufwertung des Trivialen: Für die Kamera wird in Rückschau alles zum Indiz

Das ist kollektives Hyperventilieren. Es ist getrieben von den Sendern, die nach frischem Material schreien, aber auch von dem verinnerlichten Drang nach dem Besonderen, nach der absoluten Nähe zur Sache: Das ist der Ehrgeiz, seinen Job ganz besonders gut zu machen.

Ran, ran, ran geht ja nicht nur die Kamera. Die ist nur ein Vehikel, ein Kasten, der den Blick von Millionen Augen bündelt: Ran, ran, ran geht am Ende der Zuschauer. Man trägt ihn hinein ins Geschehen!

Erst seine virtuelle Anwesenheit, seine Nachfrage gibt den Bildern ihren Wert. Das macht den medialen Sündenfall von San Bernardino keinen Deut besser, aber auch zu einem gesellschaftlichen Thema: Die Aufmerksamkeitsökonomie der Medien fußt auf Angebot und Nachfrage, sie hat zwei Seiten. Medien und Konsumenten tragen die Schuld an solchen Exzessen gemeinsam.

Und was ist mit der Ethik?

Doch wie passt all das zu den immer wieder beschworenen Idealen des Journalismus? Wenn man ehrlich ist, ganz prächtig: Es ist das Extrem, die dunkle Kehrseite eines journalistischen Ideals. Einfach draufhalten mit der Kamera, die Wirklichkeit bis ins Detail abbilden. Den Zuschauer dabei sein lassen, zum Zeugen machen. Nichts kommentieren, filtern, zensieren, einordnen, deuten, relativieren. Die Dinge einfach so zeigen, wie sie sind.

Wir Journalisten bekommen diese Forderung oft genug zu hören. Nicht wenige Medienkonsumenten wollen genau das. Im Extrem wird der Reporter dabei zur Erweiterung der Sinne des Zuschauers, so denkt man sich das. Oft ist so etwas mutig und gut und dient dem Erkenntnisgewinn. Aber noch öfter ist es eine Haltung, der am Ende eine Haltung fehlt: Eine ethische Dimension, die nach richtig und falsch fragt. Die fragt: Bringt das was? Ist es das wert? Was bedeutet das? Sollen wir das tun?

San Bernardino zeigt, dass Objektivität eine Fiktion ist. Sie endet spätestens im Kontext ihrer Verwertung: Info-Porn ist formal objektiv, letztlich aber nichts als Entertainment. So macht man den Zuschauer nicht zum Zeugen, sondern zum Voyeur.

Hauptsache zeigen: Welchen Erkenntnisgewinn hat die Durchsuchung eines Kinderbetts?
AP/dpa

Hauptsache zeigen: Welchen Erkenntnisgewinn hat die Durchsuchung eines Kinderbetts?

Seriöser Journalismus bemüht sich um mehr als nur die wahllose Abbildung der Welt. Er ordnet ein, er ist um Verständnis bemüht. Denn nur Kontext ermöglicht es uns, Schlüsse zu ziehen und handeln zu können. Zum Kontext der Information aber gehört auch ihr Verwertungszusammenhang.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, nicht eine Meute TV-Journalisten hätte Zugang zur Wohnung von Tashfeen M. und Syed F. bekommen, sondern nur ein einziger Journalist, mit oder ohne Kamera.

Er hätte sich in dieser Wohnung bewegt, sie nach und nach erschlossen, sie auf sich wirken lassen. Vielleicht hätte er in einem Sessel gesessen und ferngesehen. Familienbilder in den Händen gehalten und in den Gesichtern nach etwas gesucht, das nicht zu finden ist. Hätte an der Decke des Babys gerochen und der Liebe im Kinderzimmer nachgespürt. Vielleicht hätte es ihn zu einer profunden, gedankenvollen Reportage, zu einem Essay geführt, der am Ende mit einem renommierten Preis ausgezeichnet worden wäre.

Denkbar? Natürlich: Das Schaffen von Kontext hätte dem Eindringen in diese Privatsphäre Sinn gegeben und es so legitimiert. Selbst das Handgeld an den Vermieter, der angeblich vierstellige Eintrittssummen für die Wohnung verlangte, wäre Teil einer Geschichte gewesen, die statt Voyeurismus etwas über den Kontext des Terrors und die Realitäten unserer Gesellschaften transportiert hätte.

Der Unterschied liegt in der Qualität der Information und darin, was sie transportiert. Ob so etwas entsteht, oder ob Meuten von hyperventilierenden Kameraträgern Wohnungen stürmen, entscheidet am Ende der Markt - also Sie und wir.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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robert1000 05.12.2015
1. Wieder hat CIA nichts verhindert
Außer Spesen nicht gewesen? Oder besser, außer Riesenaufwand an CIA-Leuten, Speicherdaten und riesigen Kosten nichts vorher bemerkt und verhindert? Verliert der Intelligence Service und alle anderen Sicherheitsdienste der USA seine Bedeutung und seine Bedrohung für uns? Einerseits beruhigend oder ist der BND auch nicht besser?
akeley 05.12.2015
2.
Es ist in den USA üblich, so schnell wie möglich volle Namen und Adressen von Tatverdächtigen zu veröffentlichen. Jeder, der auch nur geringfügig verurteilt wurde, erscheint in öffentlichen Datenbanken. Die wohnung auszuleuchten ist nur die logische steigerung der free speech über alles philosophie.
yves1981 05.12.2015
3.
Die CIA ist fürs Ausland zuständig. Die hat mit Homegrown Terrorismus absolut gar nichts zu tun ;)
hapebo 05.12.2015
4. Ruhe,Ruhe bitte nicht stören!
Wo waren denn die ganzen Geheimdienste,wie NSA,CIA,FBI,CSY und weitere ei,ei,ei,tja auch der Behördenschlaf bei den Amis hält Einzug,aber bestimmt gibt es irgendwo einen Aktenvermerk, in der Regristatur.Natürlich müssen diese Dienste jetzt aufgerüstet werden,ändern tun sie nichts aber wieder ein paar Leute sind in der warmen Stube.
Barry.1964 05.12.2015
5. Die Bilder waren schockierend
Ich habe die Bilder von der Meute gesehen und mich einfach erschreckt. Es kann nicht sein, dass die Qualität des Journalismus in den USA so tief gesunken ist. Voyeurismus pur. Kenntnisgewinn gleich Null. Da wird es in der Zukunft leider immer öfter geben. Da die beiden eindeutig die Täter waren, wird es keine Diskussion um deren Privatsphäre geben. Einfach scheußlich. Danke für den Bericht. Ich hätte meine Abscheu nicht so gut ausdrücken können.
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