"Maischberger"-Talk zur Türkei Reden ja, aber bitte nicht zu freundlich

Berlin und Ankara nähern sich wieder an - nicht aus Zuneigung, sondern aus Notwendigkeit. Moderatorin Maischberger ließ darüber diskutieren, wie künftig mit Präsident Erdogan umzugehen sei. Bis auf einen Gast waren sich alle einig.

Recep Tayyip Erdogan
AP

Recep Tayyip Erdogan

Von


Es ist etwa ein Jahr her, da verglich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan deutsche Spitzenpolitiker mit Nazis und rückte selbst nach Kritik aus Deutschland nicht davon ab. Jetzt, da die Türkei auf unabsehbare Zeit in eine wirtschaftliche Krise gestürzt und mehr denn je auf Europa angewiesen ist, gibt es plötzlich zuckersüße Töne aus Ankara. Da ist plötzlich von "gemeinsamen Interessen" die Rede, dass man "nach vorne schauen" müsse und doch lieber "Brücken bauen" solle. Auf jeden Fall, heißt es aus Erdogans Umfeld, solle man doch die alten Streitereien begraben.

Und Deutschland? Setzt ebenfalls auf Entspannung. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) reiste am Donnerstag nach Ankara und traf seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu, der ihn umarmte, als wären sie gute Freunde. Auch mit Erdogan sprach Maas. Man habe Wirtschaftsbeziehungen, "die Tausenden von Menschen Arbeit geben" - und "ein gemeinsames Interesse in der Flüchtlingspolitik".

Ach ja, da war ja was: das Flüchtlingsabkommen, ein merkwürdiges Konstrukt, mit dem die Türkei gegen Geld und politische Versprechungen dabei hilft, Menschen von Europa fernzuhalten. Mit anderen Worten: Die Türkei erledigt die Schmutzarbeit für die EU.

Da lässt man sich dann auch mit einem wie Erdogan ein, der einen Putschversuch im Juli 2016 dazu genutzt hat, Tausende Menschen ins Gefängnis werfen zu lassen, Zigtausende Staatsbedienstete zu versetzen oder gleich ganz zu entlassen, Kritiker als "Terrorunterstützer" zu diffamieren, die Opposition mundtot zu machen und teilweise hinter Gitter zu bringen. Man lässt sich ein mit einem Mann, der aus Machtkalkül einen Friedensprozess mit der PKK abgebrochen und einen Krieg gegen Teile der eigenen Bevölkerung im Südosten des Landes vom Zaun gebrochen hat. Der lange Zeit weggesehen hat, als die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im eigenen Land rekrutierte und Rückzugsorte fand. Der islamistische Ziele verfolgt. Der völkerrechtswidrig in Syrien einmarschiert ist. Der Großmachtfantasien hegt.

"Maischberger"-Talk: Wohltuend unaufgeregt, bemerkenswert oberflächlich

"Roter Teppich für Erdogan: Ist das die richtige Türkei-Politik?", fragte deshalb Sandra Maischberger am Mittwochabend, da Erdogan trotz allem Ende September auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Deutschland kommt und mit militärischen Ehren empfangen wird, Staatsbankett inklusive.

Die Debatte verlief wohltuend unaufgeregt, aber bemerkenswert oberflächlich. Mit keinem Wort wurde darauf eingegangen, dass in der syrischen Stadt Idlib eine Offensive der Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assads möglicherweise eine neue Flucht von Millionen von Menschen auslösen wird - in Richtung Türkei und weiter nach Europa. Sollte es so weit kommen, wird die Türkei den Preis für ihre Politik deutlich erhöhen können.

Stattdessen waren sich alle einig, dass man den Dialog mit Erdogan suchen müsse. Der CDU-Europapolitiker Elmar Brok sagte, man dürfe einen Empfang auf dem roten Teppich "nicht überbewerten", das sei nun mal üblich. Man ehre damit "das Amt, nicht die Person". Die Beziehungen sollten "normalisiert" werden. Für Russlands Präsident Putin und Chinas Präsident Xi rolle man schließlich auch den Teppich aus.

Brok, der vom türkischen "Regime" sprach und erklärte, Erdogan sei "kein Demokrat", sondern "ein Islamist", setzt offensichtlich ebenso auf einen pragmatischen Umgang mit der Türkei wie die Journalistin und Erdogan-Biografin Cigdem Akyol, die sagte, das sei das "Protokoll". Niemand widersprach ihr, als sie sagte: "Wir können uns nicht aussuchen, mit wem wir reden wollen."

Der WDR-Journalist Erkan Arikan erklärte, Erdogan sei "nun mal Staatspräsident", und für deutsche Verhältnisse sei er ein Despot, ein Autokrat, ein Diktator, aber aus türkischer Sicht eben ein "starker Mann". Man hätte sich gewünscht, dass jemand einwendet, die unterschiedlichen Perspektiven müssten auch unterschiedlich bewertet werde. Aber der Einwand blieb aus. Der Ökonom Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts, betonte, die Wirtschaftskrise in der Türkei sei "sehr schlimm", aber vor allem aus politischen Gründen gefährlich - niemand wisse, wie Erdogan reagiere oder wer ihm nachfolgen könne. Schon deshalb müsse Deutschland ein Interesse an einem Dialog und an guten Beziehungen haben.

Selbst der Journalist Günter Wallraff, zuständig fürs Dagegensein in solchen Runden, stimmte zu, dass man Dialog brauche. Man dürfe aber keinen Kotau machen. "Der lacht darüber, der triumphiert!" Wallraff verstieg sich zu der Wette, dass Erdogan angesichts der schwierigen Lage seines Landes "in zwei bis vier Jahren" ohnehin nicht mehr an der Macht sei.

Besonders eindringlich war ein am Vortag der Sendung aufgezeichnetes Interview mit der Journalistin Mesale Tolu, die sieben Monate in türkischer Untersuchungshaft saß und vergangene Woche nach Deutschland zurückkehren durfte. Ihr wird, wie so vielen kritischen Köpfen, "Terrorpropaganda" und "Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation" vorgeworfen. Sie schilderte ihre Festnahme, die Beleidigungen und Schikanen, wie sie ihren damals erst zweieinhalbjährigen Sohn tagelang nicht sah, wie sie die Monate im Gefängnis erlebte und die Zeit dort mit ihrem Kind in einer kleinen Zelle überstand.

Tolu, die quasi als politische Geisel gehalten worden war und gegen die der Prozess weiterläuft, sagte, sie sei dafür, den Dialog mit der Türkei und mit Erdogan aufrecht zu erhalten. "Es sollte weiterhin Gespräche geben, aber nicht so", sagte sie - also ohne große Ehrungen, nicht allzu freundlich. Denn wenn man die Verhältnisse in der Türkei kenne, könne man nicht einfach wegschauen.

insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruhuviko 06.09.2018
1. "Bis auf einen Gast waren sich alle einig."
- heißt es in der Überschrift. Bin ich zu dumm zum Lesen oder habe ich überlesen, wer der eine Gast war und mit welchen Argumenten"
Schlaflöwe 06.09.2018
2. Natürlich muss die deutsche Politik
auch mit abscheulichen Diktatoren reden. Aber die doch nicht auch noch mit großem Pomp aufwerten.
skeptikerin007 06.09.2018
3. Wer hat Walraff eingeladen?
So viele Allgemeinplätze auf einmal von einem angeblich kritischen und intelligenten? Mann hört man selten. Sowohl Walraff als auc Brok haben eine klägliche Figur gemacht. Wohltuend waren die türkischen (türkischstämmigen?) Teilnehmer. Solche Gesprächspartner sind immer willkommen. Leider nützt das nicht, die Deutschen belehren auch diesmal die Welt.
wasistlosnix 06.09.2018
4. Unterschiedliche Ansichten
Erdogan wurde gewählt. Ob man dies jetzt gutheißen mag oder nicht. Wenn ich dann manchmal die Aussagen höre beim Besuch von XY wurden die Menschenrechtsverletzungen besprochen und ich mir dann vorstelle wie der Wortlaut wohl war. Da muss ich dann doch grinsen.
tomymind 06.09.2018
5.
Zitat von ruhuviko- heißt es in der Überschrift. Bin ich zu dumm zum Lesen oder habe ich überlesen, wer der eine Gast war und mit welchen Argumenten"
Die Journalistin Tolu, die für Gespräche ist, aber nicht so, wie es Deutschlands Führung macht
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.