Sarrazin-Interview "Lettre"-Magazin fordert Schadensersatz von "Bild"

Thilo Sarrazins Migranten-Schelte beschäftigt die Medien - auch in juristischer Hinsicht: Die Zeitschrift "Lettre International" wirft der "Bild"-Zeitung vor, sie habe unerlaubt das komplette Interview mit dem Banker veröffentlicht. Dafür will man nun Geld von Springer sehen.

Bundesbanker Thilo Sarrazin: Interview mit Folgen
AP

Bundesbanker Thilo Sarrazin: Interview mit Folgen


Heidelberg/Hamburg - Das Kulturmagazin "Lettre International" verlangt Schadenersatz von der "Bild"-Zeitung und deren Online-Ableger "bild.de". Grund ist die Nutzung eines Interviews, das das Berliner Blatt mit dem Bundesbanker und früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin geführt hatte. Das berichtet der Branchendienst "Kress" auf seiner Internet-Seite.

"Weit über tolerierbare Umfänge hinaus" seien Passagen aus dem rund 60.000 Zeichen langen Gespräch genutzt worden, sagte "Lettre"-Chefredakteur Frank Berberich, der das Interview mit Sarrazin geführt hatte: "'Bild.de' hat gegen unser explizites Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf seine Website gestellt."

Das Interview hatte aufgrund von Sarrazins Aussagen über Migranten in Berlin, die "keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel" hätten und "ständig neue kleine Kopftuchmädchen" produzierten, für Aufsehen gesorgt. Sarrazins Aufgaben im Bundesbank-Vorstand wurden daraufhin reduziert.

Neben der Verletzung der Urheberrechte von "Lettre" müssten, so Chefredakteur Berberich, Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden, da die Verkaufserlöse der Zeitschrift durch die unerlaubte Publikation im Internet gemindert worden seien - die vierteljährlich erscheinende "Lettre International" kostet 17 Euro.

"Schlichter Diebstahl"

Ein Springer-Sprecher erklärte am Dienstag, "Lettre" habe den Abdruck gestattet und das komplette Interview der "Bild" mit dem Hinweis zugefaxt, bei Verwendung die Quelle zu nennen.

Berberich sieht das ganz anders: Die Darstellung von Springer sei eine "Lüge"; das Vorgehen "schlichter Diebstahl". "Lettre" habe "Bild" das komplette Interview auf telefonische Bitte eines Redakteurs in Form einer Kopie der betreffenden Seiten der Printausgabe per Fax zugesandt, "um einem Journalisten, der in Zeitnot war und kein 'Lettre'-Exemplar zur Hand hatte, und der nur die aus dem Zusammenhang gerissenen Skandalzitate kannte, eine Lektüre des Gesamtzusammenhangs zu ermöglichen".

Für den Fall kleinerer Zitate daraus habe man um Quellenangabe gebeten. "Bild" habe später zweimal telefonisch angefragt, ob das Interview komplett genutzt werden könne, was er jedoch ausdrücklich abgelehnt habe, sagte Berberich. In der Printausgabe habe "Bild" das Sarrazin-Interview zudem mit "sinnentstellenden Verstümmelungen" publiziert.

Eine zusätzliche Brisanz erhält die Auseinandersetzung dadurch, dass Axel-Springer-Vorstand Mathias Döpfner die "Kostenlos-Kultur" im Internet nicht nur kritisiert und selbst bereits kostenpflichtige journalistische Angebote angekündigt hat.

In der "Hamburger Erklärung zum Schutz des geistigen Eigentums" hat er sich außerdem gemeinsam mit weiteren Verlegern dagegen gewehrt, dass andere Anbieter die urheberrechtlich geschützte Arbeit von Autoren, Verlagen und Sendern verwenden, ohne dafür zu bezahlen.

can/ddp

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