Neu-Schriftstellerin Sasha Grey "Pornografie ist wie McDonald's"

Alle konsumieren sie, niemand gibt es zu: Über Pornografie spricht man nicht. Sasha Grey schon - obwohl die Ex-Sexdarstellerin längst als ernsthafte Schauspielerin und Musikerin erfolgreich ist. Ein paar offene Worte über Bigotterie, Männerphantasien - und Charlotte Roche.

Corbis

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mrs. Grey, stört es Sie eigentlich, dass Ihnen vermutlich alle Journalisten, mit denen Sie sprechen, schon mal beim Sex zugeschaut haben?

Grey: Das nehme ich als selbstverständlich hin. Jahrelang wurde ich ja ausschließlich von Männern interviewt, die in der Pornoindustrie arbeiten. Da freue ich mich heutzutage über jeden Journalisten von seriösen Medien, der auch meine Filme kennt.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sollten sich reguläre Medien für Ihr Schaffen interessieren?

Grey: Mein Status ist merkwürdig: Ich wurde bekannt als Pornodarstellerin, und jetzt repräsentiere ich eine Art Rock'n'Roll-Porno-Popkultur. Ich bin die einzige Pornodarstellerin, die Menschen kennen, die sich keine Pornos anschauen, weil ich schon immer sehr viele andere Dinge getan habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor zwei Jahren aus der Pornobranche ausgestiegen, sind seitdem in der HBO-Serie "Entourage" und Musik-Clips aufgetreten, haben mit Steven Soderbergh den Kinofilm "The Girlfriend Experience" gedreht und nun ihren ersten Roman "Die Juliette Society" fertig. Trotzdem stehen Sie für viele Menschen immer noch in der Schmuddelecke...

Grey: Leute, die auf meinen Namen allergisch reagieren, wird es immer geben. In deren Weltbild passt aber auch nicht, dass ich viele junge weibliche Fans habe. Natürlich stehen die in Opposition zu all den entsetzten Frauen, deren Männer meine Filme toll finden. Frauen, die immer wieder eine Grundsatzdebatte anzetteln, ob ich das durfte, oder eben nicht. Ich wurde unlängst von einer Journalistin in Portugal interviewt, die mir sagte, dass es den Redakteuren, die mich eigentlich befragen wollten, von ihren Frauen verboten wurde. Ja, das alte Bild von Porno-Sasha-Grey, die brave Männer ihren hilflosen Frauen entreißt, um sie zu verschlingen, ist immer noch lebendig.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren auf dem Cover des "Rolling Stone", die Sado-Maso-Schmonzette "Shades of Grey" dominierte global die Bestseller-Listen. Ist Pornografie nicht längst salonfähig?

Grey: Im Großen und Ganzen: ja. Natürlich gibt es da noch viele Vorurteile in unserer Gesellschaft. Aber ich habe diese zunehmend breitere Akzeptanz von Pornografie durchaus wahrgenommen. Letztlich ist Pornografie wie McDonald's, viele schimpfen darüber, aber fast jeder nutzt sie.

SPIEGEL ONLINE: Dafür ist der Trubel um die halbnackte Miley Cyrus dann doch wieder erstaunlich, oder?

Grey: Die Aufregung darüber hat mich auch erstaunt. Popstars ziehen sich doch seit Ewigkeiten gerne mal aus. Dass man mit Nacktheit noch für so viel Aufsehen sorgen kann, hätte ich auch nicht gedacht. Amerika ist immerhin ein Ort, wo sich Miley Cyrus ausziehen kann, wie sie lustig ist. Das ist ja auch nicht überall auf der Welt gewährleistet. Ich hatte in den USA die Möglichkeiten, als 18-Jährige in die Pornoindustrie einzusteigen. Ich habe jetzt die Freiheit und das Recht, ein pornographisches Buch zu schreiben. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber auch das Land der Bigotterie: Politikergattinen, die gegen Pornografie wettern, ignorieren gern mal die Affären ihres Mannes, bis ein öffentlicher Skandal daraus wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollten in einer amerikanischen Schule lesen und wurden wieder ausgeladen. Waren Sie überrascht?

Grey: Eine bizarre Geschichte. Die luden mich ein. Ich twitterte, dass ich das mache. Und einer meiner Twitter-Follower, der mit dieser Schule gar nichts zu tun hat, startete eine Kampagne gegen mich. In Amsterdam sollte ich kürzlich im Rahmen eines Literaturfestivals in einer Kirche lesen. Irgendein Kirchenoberer wurde darauf von empörten Reportern dazu befragt und war nicht glücklich darüber. Dann wurde ich ausgeladen und kurz danach aber wieder eingeladen. Irre. Letztlich basieren solche Kontroversen immer nur auf Missverständnissen. Mit einem Mangel an Aufmerksamkeit habe ich eindeutig kein Problem. Aber die Klischees, die über die Pornoindustrie verbreitet werden, sind traurig.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt ja auch schwer sich vorzustellen, dass eine 18-jährige junge Frau ohne Not sich nach der Schule für eine Karriere als Pornostar entscheidet. Können Sie das nicht nachvollziehen?

Grey: Nein. Diese Karriere war meine Entscheidung. Pornos zu drehen reizte mich so sehr, dass ich es ausprobieren musste. Und ja, ich wusste, dass das mein Leben für immer bestimmen würde.

SPIEGEL ONLINE: Und all die sogenannten Klischees über die Pornoindustrie sind Ihrer Erfahrung nach ein Irrtum?

Grey: Ehrlich gesagt, ja. Nehmen wir mal das Klischee, dass Pornodarsteller meist im Dauerrausch sind, um all das vermeintliche Elend auszuhalten. Alles Lüge. Die zugedröhnten Darsteller, die ich in den Jahren meiner Tätigkeit da erlebte, kann ich an einer Hand abzählen. Da finden Sie bei jedem Rockkonzert mehr. Porno ist vor allem harte, konzentrierte Arbeit. Wer zugedröhnt ist, fliegt raus. Und nein, die meisten Frauen, die da mitmachen, kommen nicht zwangsläufig aus zerrütteten Elternhäusern. Ich könnte ihnen eine Liste prominenter Darstellerinnen runterbeten, die aus gutsituierten Familien stammen und gute Schulabschlüsse haben. Frauen, die, was gesellschaftliche Normen und Konventionen angeht, alles hatten, was sie brauchten.

SPIEGEL ONLINE: Also sind alle Klischees Lüge?

Grey: Die meisten Filme sind eine Aneinanderreihung von Sexklischees. Aber wie viele Männer kommen aus dem Büro nach Hause und wünschen sich eine Frau, die sich nackt vornüberbeugt und seufzt: "Schatz, ich bin bereit. Nimm mich." Die meisten Männer träumen davon, dass so ein Quatsch wahr wird, und vielleicht irgendwo ein besseres Rock'n'Roll-Leben auf sie wartet: voll mit willigen, jungen, scharfen Frauen, Kokain und schnellen Autos. Märchen hatten immer ein globales Publikum. Aber letztlich ist es nur konsequent, dass manche Pornostars mittlerweile wie Celebrities verehrt werden.

SPIEGEL ONLINE: War deshalb "Fifty Shades Of Grey" so ein Bestseller?

Grey: Ach, "Fifty Shades of Grey" ist vor allem ein weiterer Triumph des Internets. Das begann ja als Fan-Fiction, weil die Autorin so sehr von den "Twilight"-Filmen angestachelt war. Im Original dieser "Fifty Shades of Grey"-Geschichten heißen die Hauptdarsteller ja Edward und Bella. Das publizierte die Autorin im Netz. Unmengen von Fans waren begeistert. Dann änderte sie flugs die Namen und machte ein richtiges Buch daraus. "Fifty Shades of Grey" ist vor allem ein Marketing-Geniestreich!

SPIEGEL ONLINE: Warum mussten Sie auch ein Buch schreiben?

Grey: Das war mein Traum, seit ich mit 16 "Die 120 Tage von Sodom" vom Marquis de Sade verschlang. Das schockierte mich damals, aber bestätigte auch Phantasien, die ich bereits mit zwölf hatte. All die verwirrenden Gedanken um meine Sexualität, Verlangen und mein Selbstverständnis, die damals durch meinen Kopf schwirrten, wurden durch dieses Buch geordnet. Ich hatte viele Fragen, die ich niemals meinen Eltern hätte stellen können. Das Buch war meine Rettung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie von Charlotte Roche und ihrem Buch "Feuchtgebiete" gehört?

Grey: Selbstverständlich. Ich liebe das Buch. Ich habe "Feuchtgebiete" bei einem Literaturfestival vorgestellt und Auszüge daraus gelesen. Das war toll; viele Frauen waren begeistert, einigen Männern wich bei den besten Textstellen alles Blut aus dem Gesicht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch Pornografie, die Sie überrascht?

Grey: Eher selten. Aus Japan kommen immer mal wieder ungewöhnliche Bücher und Filme. Ich kann jedem Film ansehen, ob die Darsteller wirklich Spaß haben oder nicht. Meistens ist es nur Arbeit. Ich schreibe Drehbücher für pornografische Filme, seit ich 16 bin. Leider traut sich keiner, die umzusetzen. Vielleicht wage ich mich da mal mit einem Crowdfunding-Budget ran.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihnen als Hauptdarstellerin dürfte die Finanzierung kein Problem sein.

Grey: Wahrscheinlich. Aber das Kapitel ist abgeschlossen. Heute finde ich es einfach aufregender, ein Drehbuch zu schreiben, Regie zu führen oder mich um die Finanzierung zu kümmern. Ich habe längst alles gezeigt, was nur vorstellbar ist. Das reicht.



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apfeldroid 12.11.2013
1. Eine wunderbare Frau!
Was für herausragende Lebensleistung, welch ein schauspielerischer Geschick, einfach bezaubernd die Dame, ihre Kinder werden stolz auf sie sein!
patsche2712 12.11.2013
2. Die....
...kürzeren Haare stehen Ihr hervorragend...
boblinger 12.11.2013
3. Eben
Zitat von apfeldroidWas für herausragende Lebensleistung, welch ein schauspielerischer Geschick, einfach bezaubernd die Dame, ihre Kinder werden stolz auf sie sein!
All dem von Ihnen Gesagten, ist widerspruchslos zuzustimmen.
SasX 12.11.2013
4.
Zitat von apfeldroidWas für herausragende Lebensleistung, welch ein schauspielerischer Geschick, einfach bezaubernd die Dame, ihre Kinder werden stolz auf sie sein!
In der Tat. Vermutlich mehr als auf die Realschule -> Ausbildung -> Rechtsanwaltsgehilfin seit 14 Jahren-Dame. Sasha Grey ist sehr selbstbewusst und geht den Weg, den sie gehen möchte und versucht, ihre Träume zu verwirklichen. Die meisten hätten gar nicht den Mut dazu, weil das auch immer mit einem Risiko verbunden ist.
hermes69 12.11.2013
5. Ich frage mich eigentlich nur,
was genau nun die Leistungen dieser Dame sind? Das genaue Gegenteil von dem was man will - entweder in die Schmuddelecke was nicht gut ist oder ein unerklärbarer Hype der auf nichts gebaut ist, so wie hier. Ein gesundes Mittelmaß wäre ja mal toll. Ich finde die Frau nichtssagend. Ganz gleich was sie getan hat oder nicht.
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