Sat.1-Komödie "Zwei Weihnachtsmänner" Feste feixen

Wenn das deutsche Fernsehen sackweise Weihnachtsfilme beschert, darf die Klamotte nicht fehlen. "Zwei Weihnachtsmänner" mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka ist aber kein Geschenk. Im Gegenteil.

Von Silke Burmester


Wie hilfreich wäre es, die Macher von Weihnachtsfilmen nur einen Tag lang mit der von ihnen ausgewählten Musik zu beschallen. Auf Knien würden sie um Vergebung bitten, der Zuschauer wäre auf immer von "Santa Claus is Coming to Town", "Winterwonderland" oder "Jingle Bells" erlöst.

Die haben echt was am Kopf: Darsteller Pastewka, Herbst
Sat. 1

Die haben echt was am Kopf: Darsteller Pastewka, Herbst

Leider ist es versäumt worden, Andreas Grimm dieser Maßnahme zu unterziehen. Der bewährte TV-Musikkomponist hat sich für die Sat.1-Komödie "Zwei Weihnachtsmänner" aus dem Fundus abgedroschenster Evergreens bedient. Wie oft wird man noch zu "Let it Snow" die immer gleichen Bilder vorweihnachtlichen Trubels serviert bekommen?

Wenigstens können sich die Darsteller sehen lassen. Bastian Pastewka spielt Hilmar Kess, einen glück- und ehrgeizarmen Vertreter für Schwimmbadbedarf, der es sich in der "Komfortzone" seines armseligen Lebens bequem gemacht hat. Im Flugzeug trifft er auf den Wirtschaftsanwalt Tilmann Dilling (Christoph Maria Herbst). Dessen Credo lautet: "Man muss die Dinge emotionslos betrachten." Beide sind drei Tage vor Weihnachten auf dem Heimweg von Wien nach Berlin, als das Flugzeug aufgrund eines Schneesturms nach Bratislava umgeleitet wird.



Selbst für Dilling, ein "schlechtgelaunter Mann im teuren Anzug", der es gewohnt ist, mit Geld seine Ziele durchzusetzen, wird keine Extramaschine bereitgestellt, und so treffen die Gestrandeten wider Willen immer wieder aufeinander. Aus der Not heraus versucht man gemeinsam Berlin zu erreichen: mit dem Zug, zu Fuß, mit dem Auto, sogar im Schlauchboot geht es quer durch das eingeschneite Osteuropa.

Vier Tage sind die beiden unterwegs, und die Odyssee schleppt sich witzarm und längenreich durch die ersten 90 Minuten. Merkwürdig: Inszenatorische Schlappen gehören nicht zum Markenzeichen von Brainpool. Die Kölner Produktionsfirma hat mit "Stromberg" und "Dr. Psycho" bewiesen, wie man pointiert zur Sache kommt.

Zudem hat die Geschichte ein exzellentes Vorbild: die amerikanische Kinokomödie "Ein Ticket für zwei" (1987). Da erkämpfen sich die Comedy-Stars John Candy und Steve Martin als ungleiche Gefährten die Heimreise. Die Vermutung liegt nahe, dass jemand bei Sat.1-Drehbuchautor Tommy Jaud ("Vollidiot") zum Fest mehr Besinnlichkeit und Einkehr fürs Drehbuch verordnet hat.

Im zweiten Teil (19. Dezember, 20.15 Uhr) folgt dann die Läuterung der Helden; Besinnlichkeit wird durch Besinnung abgelöst, wenn die Reisenden im unausweichlichen Gegenüber ihre Defizite erkennen. Kess muss sich eingestehen, ein Loser zu sein, dessen Feigheit zum Bruch mit der Freundin führte. Dilling, ein Mann, der nicht einmal seine private Telefonnummer kennt, stellt fest, dass er seine Familie der Karriere geopfert hat.

Die Charaktere folgen dem bewährten Ernie-und-Bert-Prinzip (lustig versus misanthropisch) - für die Darsteller eine dramaturgische Vorlage, die sie wenigstens in Teil zwei zu nutzen verstehen. Pastewka gibt den ewig aufgedrehten Querkopf, der seinen mürrischen Kompagnon zur Weißglut bringt. "Bitte, gehen Sie irgendwohin.", sagt Dilling zu Kess. "Wohin?" will dieser wissen. "Irgendwo, wo ich nicht bin!" Dabei profitiert Pastewka von der Bandbreite der Figuren, die er - von Brisko Schneider in der "Wochenshow" bis hin zu "Wolfgang" aus der "Musikantenstadel"-Persiflage "Fröhliche Weihnachten" - bislang erarbeitet hat.

Christoph Maria Herbst gelingt es perfekt, auf der dünnen Linie zwischen Selbstbeherrschung und Selbstvergessen zu einer Seite weg zu fallen. Den Spaß beim Aufprall hat das Publikum. Und neben einem großartig gespielten Zuhälter von Michael Lott sorgt vor allem Armin Rohde, der als grandios abgehalfterter Weihnachtsmann für kritisch-klamaukige Nebentöne.

Ansonsten ist die Tonlage heiter bis plump. Zur Strafe wird folgende unchristliche Übung verordnet: Die Verantwortlichen nutzen ihre freien Tage, schließen sich im Herrenzimmer ein und lassen den Soundtrack 24 Stunden lang laufen. Ob sie anschließend allerdings noch halbwegs vernünftige Filme machen können, ist eine andere Sache.


"Zwei Weihnachtsmänner", 18. und 19. Dezember, 20.15 Uhr, Sat.1



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hjg, 18.12.2008
1. ...
Zitat von sysopWenn das deutsche Fernsehen sackweise Weihnachtsfilme beschert, darf die Klamotte nicht fehlen. "Zwei Weihnachtsmänner" mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka ist aber kein Geschenk. Im Gegenteil. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,597182,00.html
Kein Geschenk? Was dann, 'ne Zumutung? Oder was ist das Gegenteil von 'nem Geschenk?
Michael Giertz, 18.12.2008
2. Schlechtes Wortspiel ...
Zitat von hjgKein Geschenk? Was dann, 'ne Zumutung? Oder was ist das Gegenteil von 'nem Geschenk?
Naja, eine Kaufware. Geschenke kriegt man geschenkt, Kaufware verkauft. Macht meiner Meinung nach ein Gegenteil aus ;)
rumpelstolz 18.12.2008
3. filmmusik
ja, der Gebrauch von Musik kann penetrant sein und macht viele Filme zu romantischen Filmen. "Enemy at the Gates" ("Das Duell", in Deutschland gedreht) zum Beispiel wird zum romantischen Film mit der unnötigen Musik, wobei man das als Kontrast zu Stalingrad auch verstehen kann. Ein Film der ohne diese Musik bessere Kunst wäre.- für mich das beste Beispiel eines durch Musik verschlechterten Filmes. Nur der an solche Filme gewöhnte Cineast überhört sie und lässt sich dann einnebeln in Gedanken wie "Ist ja immer gut gegangen". Den Veteran, der mit dabei war- also in dessen Geist der Film eigentlich stehen sollte, fühlt sich gefühlsmäßig überrumpelt.
.ita, 19.12.2008
4. Totgeschoss'nes Schlauchboot in nächster Einstellung wieder prall aufgeblasen
Unter skrupelloser Verramschung der Talente zweier der brillantesten Comedy-Schauspieler und beispielloser Gag-Ideen ist es Sat1 in bewährter Weise gelungen, einen vielversprechenden Ansatz zu einer billig amerikanisch schmeckenden Klamauksuppe verkochen zu lassen. Unsereiner kriegt bei den Privaten ja andauernd einen solchen verdorbenen Fraß vorgesetzt - warum sollte das nachher auf Weihnachten hin anders sein ? Ein Glück nur, daß man sich nicht auch noch den Weihnachtsabend in unbegründeter Vorfreude mit sowas verderben lassen hat müssen. Außerdem: Den Pastewka hätte man auch nicht gar so verloddert umherlaufen lassen müssen wie den letzten Schweizer Wetteransager ... Auch Vertreter haben heutzutage einen Haarschnitt.
woalso 19.12.2008
5. Familienspaß ausgebremst
der Film selber war durchaus ein großer Spaß und sicherlich von weit besserer Qualität, als das was man sonst so bei den Provaten findet. Nur ärgerlich, dass bereits unglaublich früh der erste Werbeblock eingeblendet wurde. Die vielen Unterbrechungen nehmen die Fahrt aus dem Film, und gipfeln darin, dass zum Schluß im Trailer zu CSI in aller Ausführlichkeit eine Leiche gezeigt wird. Spätestens da wird der Familienspaß begraben. Und ich wundere mich, dass die Verantwortlichen zugunsten des Kommerz' das zulassen. Offensichtlich wird über die durchaus pointierten Dialoge mehr nachgedacht, als über das Sendeformat. Insofern das Gegenteil von Geschenk ist eben doch der hemmungslose Kommerz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.