Sat.1-Show "Kämpf um deine Frau!" Muskelstraffung, Herzerweichung

Männer sind Schweine: Mit dieser Ansicht lassen sich wahlweise Ressentiments, Pop-Songs oder Show-Formate kreieren. Sat.1 schickt zwölf reuige Machos in ein eigens eingerichtetes Psycho-Sport-Camp zwecks Rückeroberung der Verflossenen. Fernsehen als Besserungsanstalt zwischen Fitness und Feeling, Bizeps und Blabla.

Von Daniel Haas


"Kämpf um deine Frau" (Plakatmotiv): Die Frau verloren, aber nicht die Hoffnung
Sat. 1

"Kämpf um deine Frau" (Plakatmotiv): Die Frau verloren, aber nicht die Hoffnung

"Was die jetzt wohl denken?", fragt Moderatorin Andrea Kiewel, als die zwölf Männer ins "Kämpf um deine Frau"-Camp einrücken. "Na, die müssen an die Front!", sagt Sat.1-Psychologin Angelika Kallwas fachmännisch. Susanne Fröhlich, die ihrem Namen bereits 90 Minuten alle Ehre gemacht hat, widerspricht: "Nee, das ist wie Jugendherberge! Wir werden Spaß haben, aber es gibt auch Regeln." Kai Pflaume, der dritte in der Expertenrunde, die Kiewel für den Auftakt von "Kämpf um deine Frau" um sich versammelt hat, ist bereits abgehauen, eine Kandidatin für "Nur die Liebe zählt" im Schlepptau. Schließlich ist Pflaumes Studio gleich nebenan, man reduziert bei Sat.1 neuerdings nicht nur die Werbepreise, sondern auch die Arbeitswege.

Lernziel: Kotelett-Selberschneider

Wirtschaftlichkeit ist überhaupt das Leitmotiv der Sendung: "Kämpf um deine Frau" ist "Big Brother", verquirlt mit "Nur die Liebe zählt", aufgemotzt mit Experten- und Promi-Talk und angereichert mit einer Publikumsbefragung, gegen die der Kinsey-Report wie ein Brevier vom Marquis de Sade daherkommt: "Haben Sie schon mal die Sachen ihres Partners durchwühlt?", will Co-Moderator Kai Doose wissen. "Rufen Sie an, es werden 10.000 Euro verlost." Dazu ein bisschen Schlüsselloch-Statistik: 80 Prozent aller Deutschen sind eifersüchtig, 30 Prozent extrem eifersüchtig. Mann, o Mann!

Moderatorin Kiewel: "Was die jetzt wohl denken?"
DPA

Moderatorin Kiewel: "Was die jetzt wohl denken?"

Die Kandidaten, die per Camp-Besuch um ihre Verflossenen werben, haben aber noch viel mehr zu bieten: Jens zum Beispiel leidet an Kontrollsucht und ließ seine Freundin überwachen, Olaf schrie dauernd die Kinder an und Wolfgang war einfach faul bis zur Unerträglichkeit. "Der lässt sich sogar das Kotelett schneiden", entrüstet sich Kiewel, "und wenn seine Frau nach dem Waschen die Jeans nicht wieder rumdreht, dann zieht er sie einfach falsch rum an!"

Doch damit ist jetzt Schluss: Die ruhmlosen Zwölf kommen ins Lager, wo Camp-Captain Kent Anderson und sein Team fürs ultimative Training bereitstehen. Sekundärtugenden-Coaching für Anfänger zwischen Fronteinsatz und Jugendherbergs-Sause. Der Amerikaner Anderson ist eigentlich Football-Coach und zitiert gern seinen Vater: "Ausreden sind wie alte Socken, jeder hat ein paar im Schrank und sie stinken." Man begreift sofort: Dieser Mann ist der waschbrettharte Ausgleich zum weich gespülten Emo-Talk im Studio, wo Kiewel und Co. das gesammelte Wissen aller Frauenzeitungs-Psychokolumnen wiederkäuen. Anderson, flankiert von zwei sprachbegabten Barbiepuppen ("Wir werden eine Menge Spaß haben"), erklärt die Hausregeln: "Respekt, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und absolutes Rauchverbot."

Ein Projekt, Mann!

Moderator Pflaume: Der Herzschmerz-Fachmann von nebenan
DDP

Moderator Pflaume: Der Herzschmerz-Fachmann von nebenan

Zehn Wochen werden die Delinquenten fit gemacht für die Neubelebung der großen Liebe. "Rücknahmegarantie gibt es aber keine", versichert Kiewel wiederholt, "die Frauen entscheiden ganz alleine." Die Chancen stehen überhaupt schlecht; Gefühle-Kenner Pflaume weiß, dass es "relativ selten gelingt, eine Frau zurückzubringen." Egal, nur das Mitmachen zählt, außerdem liegt die Hälfte der 5000 Männer, die sich für die Show beworben hatte, angeblich schon wieder in den Armen ihrer Liebsten. Allein die Bereitschaft, am Camp-Drill teilzunehmen, hätte die Frauen zur Umkehr bewogen. Für den gleichgültigen Moritz, den jähzornigen Olaf und den respektlosen Zoran allerdings heißt es jetzt erst einmal putzen, waschen, bügeln und Knöpfe annähen, außerdem Einzel- und Gruppengespräche - das hat die Camp-Psychologin Frau Stiegler bereits angedroht.

Muskelstraffung und Herzerweichung also bestimmen in den folgenden Wochen das Programm. Der Mann, das Schwein, im Vermenschlichungslabor des privaten Fernsehens. Was die einschlägige Service-Kultur der Hochglanz-Magazine nicht geschafft hat - die Kreation des neuen Mannes zwischen Mode-, Koch- und Gefühle-Tipps -, das Fernsehen soll es richten. Warum auch nicht. Wenn "Big Brother" menschliche Lagerhaltung salonfähig gemacht hat, weshalb kann die Glotze dann nicht auch als Therapiewerkstatt durchgehen?

Camp-Captain Kent Anderson mit Trainerinnen Annica (l.) und Rezzan: Disziplin, Respekt, Rauchverbot
Sat.1

Camp-Captain Kent Anderson mit Trainerinnen Annica (l.) und Rezzan: Disziplin, Respekt, Rauchverbot

Außerdem sind die zwölf Herzschmerz-Jünger viel mehr als die Insassen einer Psycho-Farm - sie sind Helden auf dem Weg in ein ungewisses Morgen. Mag die große Liebe auch abgehauen sein, hinzugekommen ist ein Projekt, auf das sich hinzuarbeiten lohnt. Nicht umsonst betonen die Männer, dass vor allem das Dabeisein zählt. "Wenn es nicht klappt, werde ich etwas für meine Zukunft getan haben", sagt Zoran, und genau darum geht es: eine Zukunft zu haben angesichts einer Gegenwart, der Hartz IV-Ressentiments und Ein-Euro-Job-Drohungen alle Glücksversprechen ausgetrieben haben.

Wenn im Saarland 14 Prozent der männlichen Erstwähler für die NPD votierten, wird deutlich, wohin das Gefühl der Chancenlosigkeit führen kann. Schwarz sehen, braun wählen: In diesem Klima ist "Kämpf um deine Frau" ein Trostpflaster. Wenigstens im Privaten soll noch möglich sein, was auf gesellschaftlicher Ebene mehr und mehr verabschiedet wird: der Mut zu Gestaltung und Partizipation.


"Kämpf um deine Frau"
montags bis freitags, 19.30 bis 20.15 Uhr, Sat.1



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.