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"Satanische Verse" in Potsdam: Brüste, Bomben, Burka

Von Christine Wahl

Die Welturaufführung der "Satanischen Verse" am Theater in Potsdam - angeblich brandgefährlich nach "Fitna" und der Fatwa gegen Rushdie. Tatsächlich hätte sie kaum harmloser ausfallen können: Die Provokation geriet dürftig, der Dialog der Religionen fiel aus.

Spätestens als man am Potsdamer Hauptbahnhof ins Taxi zum Theater stieg, war eigentlich alles klar. Auf die Frage, ob denn in der Stadt tatsächlich so viel Polizei im Einsatz sei, schaut einen der Fahrer völlig irritiert an. Schließlich fällt der Groschen: "Ach so, wegen Fußball oder wat?!"

Und so lernt man, noch einen guten Kilometer vom Theater entfernt, bereits die erste Lektion dieses denkwürdigen Premierennachmittags: Das Spiel des Fußballvereins Hertha BSC Berlin im unweiten Cottbus ist offenbar selbst in Potsdam ein wesentlich brisanteres Gesprächsthema als die Welturaufführung der "Satanischen Verse" im Hans-Otto-Theater direkt um die Ecke.

Regisseur und Intendant Laufenberg, Polizist: Viel Wirbel um wenig
DPA

Regisseur und Intendant Laufenberg, Polizist: Viel Wirbel um wenig

Wir klären den Taxifahrer auf: Hätte er heute die "Bild"-Zeitung gelesen, sagen wir, dann wüsste er, dass hier im Theater gleich "die mutigsten Schauspieler der Welt" zu bestaunen wären. Denn jene "Satanischen Verse", die der Potsdamer Intendant Uwe Eric Laufenberg zwei Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen heute erstmals auf eine Theaterbühne bringt, brachten ihrem Verfasser Salman Rushdie von muslimischer Seite nicht nur schwere Blasphemie-Vorwürfe ein, sondern existenzielle Drohungen.

Der damalige iranische Staatsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini verhängte im Februar 1989 eine Fatwa: In einer Rundfunkansprache rief er Moslems in aller Welt dazu auf, gegen Rushdie das "Todesurteil" zu vollstrecken, und setzte ein Kopfgeld in Millionenhöhe auf ihn aus.

Nur zwei, drei Polizeiwagen stehen in Sichtweite

In Großbritannien gab es seinerzeit Bücherverbrennungen und Anschläge auf den italienischen und den japanischen Übersetzer; Letzterer erlag seinen Verletzungen. Und obwohl der britische und der iranische Außenminister 1998 eine Vereinbarung veröffentlichten, nach der sich Iran offiziell von der Fatwa distanzierte, gilt Rushdie nach wie vor als gefährdet.

Die Reaktionen auf den anti-islamischen Film "Fitna", den der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders vor wenigen Tagen im Internet veröffentlicht hatte, katapultiere die Theaterpremiere nun quasi in tagesaktuelle Dimensionen, sagt man dem Taxifahrer - und den beeindruckt das wenig.

Und tatsächlich: Man kann sagen, was man will, aber am Kulturtempel angekommen, erhärtet sich der Verdacht, dass er Recht hat. Kein Transparent weit und breit, von Protesten ganz zu schweigen. Nur zwei, drei Polizeiwagen stehen in Sichtweite.

Unter dem gutbürgerlichen, graumelierten Premierenpublikum, das sich im Foyer bei gediegenen Getränken die Füße vertritt und genauso gut in den Zuschauerraum für Shakespeares "Sommernachtstraum" passen würde, findet sich eine Handvoll Polizisten. So sieht "die gefährlichste Theaterpremiere der Welt" gewiss nicht aus; das größte Risiko hier ist, einem der zahlreichen Reporter quer durchs Bild zu laufen. Denn in Ermangelung anderer berichtenswerter Ereignisse springen die Kollegen praktisch auf jeden Premierengast mit der Suggestivfrage los, ob er sich denn auch bedroht fühle und der Meinung sei, einem echten Politikum beizuwohnen.

Heiße PR-Maschinerie, harmlose Vorstellung

Die meisten ringen sich bereitwillig ein paar unbedrohte Sätze ab, und nachdem man selbst fünfmal angesprochen worden ist, fängt man an zu alpträumen, dass man sich in einem Medien-Insider-Club befindet, in dem sich Kollegen solidarisch als Interviewpartner für Kollegen zur Verfügung stellen.

Wie dem auch sei: Die Frage, ob es sich um ein Politikum handelt, kann letztlich natürlich nur die Inszenierung des Potsdamer Intendanten Uwe Eric Laufenberg selbst beantworten.

Und sie tut es – leider – dem Vorspiel völlig angemessen.

Im Klartext: Die PR-Maschinerie, für die Laufenberg schon in früheren Inszenierungen kein schlechtes Händchen bewies, hätte kaum heißer laufen - und die Vorführung nicht harmloser ausfallen können.

Zu Beginn des knapp vierstündigen Abends, den Laufenberg mit seinem Kollegen Marcus Mislin aus dem mehrere hundert Seiten umfassenden Roman destilliert hat, begegnen sich zwei in Großbritannien lebende indische Schauspieler im Flieger von Bombay nach London. Die Maschine wird von Terroristen entführt und in die Luft gesprengt, wobei sich insbesondere eine vollständig verschleierte Muslimin hervortut.

Bombe unter der Burka: So sieht dürftiges Provokationspotential aus
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Bombe unter der Burka: So sieht dürftiges Provokationspotential aus

Sie hebt nämlich an entscheidender Stelle ihre Burka, unter der sie nichts als zwei Sprengstoffgürtel trägt: einen um die Brust, einen um die Hüfte. Von dieser Art ist - wenn überhaupt - das dürftige Provokationspotential, das dieser Abend aufzubieten hat.

Das bleibt auch so, als die beiden Schauspieler sich auf der Erde wiederfinden, nachdem sie den Anschlag auf wundersame Art überlebt haben. Gibril hat einen Heiligenschein, Saladin Hörner, Hufe und weitere knackige Teufelsattribute. Die Geschichte wird dann manchmal mit Traumsequenzen überblendet, in denen sich Gibril als Prophet und Geschäftsmann Mahound (Mohammed) imaginiert und Saladin als Satiriker Baal - der hier in Anspielung auf Rushdie gern in der Nähe eines Exemplars der "Satanischen Verse" auf die Bühne gestellt wird.

Und trotzdem: Rushdies Provokationen, über die die Welt seinerzeit debattierte, die angeblich gelöschten Koran-Verse, auf die sich der Titel bezieht, die Anspielungen auf Chomeini oder die Prostituierten, die sich aus Geschäftsgründen Namen und Identität der Frauen des Propheten aneignen – all dies ist für ein westliches Publikum sowieso nur bedingt zum Aufreger geeignet.

Ein Kunststoffpenis für den armen Saladin

Außerdem besteht der Abend eh zu großen Teilen aus den Londoner Liebesaffären und Ehegeschichten der Schriftsteller. Zu deren Illustration kommen dann stets viele nackte Männerhintern und Frauenbrüste unter durchsichtigen Negligés zum Einsatz, während die Muslime mit Turbanen und Kostümen wie aus "1001 Nacht" auftreten.

So viel zum Kulturkampf der Religionen made im Hans-Otto-Theater.

Und da wir schon mal bei Klischees sind: Die stärkste Publikumsreaktion löste ein schätzungsweise 50 Zentimeter langer Kunststoffpenis aus, der dem armen Saladin bei seiner Teufelswerdung umgeschnallt und auch mal als Mikrofon genutzt wird. Dieses Teil stellt bei den Potsdamern sogar einen per Bildschirm eingespielten Animationsfilm in den Schatten, in dem sich Amerikaner und Muslime erst vor dem Eiffelturm, dann vor den Pyramiden bekriegen und dabei die Welt zerstören.

Die Schauspieler - allen voran Robert Gallinowski als Gibril und Tobias Rott als Saladin - schlagen sich dabei im Rahmen der inszenatorischen Möglichkeiten wacker. Aber der vom Potsdamer Theater verkündete interreligiöse Dialog wird mit dieser Inszenierung garantiert nicht angestoßen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. Kulturelle abstumpfung mal anders.
copic_marco 31.03.2008
Wenn ich den Bericht lese muß ich schmunzeln und stelle mir 2 Teenager vor die sich jeden modernen Splatter- und Horrorfilm der letzten Jahre reingezogen haben und nun fassungslos vor "Nosferatu" dem Schwarz/Weiß Klassiker von Murnau sitzen und fragen. "Was soll die Schei..e? Das nennt ihr Horror?" Sind wir als Gesellschaft so abgestumpft das ein Schauspiel mit Islamithematik nur dann sehenswert ist wenn es Morddrohungen gegen die Darsteller gibt? Was ist mit der Gegenseite? Sind die Islamisten mit ihrem ewigen Fahnen verbrennen und Jihat schreien inzwischen auch schon soweit abgestumpft, das ein 10Jahre altes Stück, welches den Autor zum Vogelfreien gemacht hat, heute nicht mal mehr einen Protest wert ist? Eine auf Provokation aufgebaute PR-Aktion die ins Wasser fällt weil sich keiner dran stört. Das klingt mehr nach Kabarett. Wie heißt es so schön: "Die schlimmste Kritik, ist keine Kritik."
2. Ich wär so gerne intellektuell...
black wolf, 31.03.2008
Eine blöde Aufführung, Zeugnis typischer bürgerlich-intellektueller Selbstüberschätzung und metropolitärer Provinzialität. Solches Geschreibsel gehört ins "Zeit"-Diskussionsforum oder einen Blog, nicht auf die Bühne. Nicht alles was lesbar ist kann vorgetragen werden, geschweige denn aufgeführt. Und bevor ich selbst noch weiter in die Binsen gehe, lass ich's lieber.
3. Team America - World Police Zitat?
augias 31.03.2008
"Dieses Teil stellt bei den Potsdamern sogar einen per Bildschirm eingespielten Animationsfilm in den Schatten, in dem sich Amerikaner und Muslime erst vor dem Eiffelturm, dann vor den Pyramiden bekriegen und dabei die Welt zerstören." ---das klingt sehr nach dem Marionetten-Kultfilm "Team America - World Police" von Matt Stone und Trey Parker (von der Zeichentrickserie South Park). In den Anfangsszenen des Films wird erst Paris zerstört, und dann die Pyramiden. Wenn es tatsächlich ein Ausschnitt aus diesem Film war, ist interessant dass der Film (und die Szenen in Paris und ägypten) auf den ersten Blick wie eine Kritik auf die Amerikanische Politik wirkt, er sich letztendlich jedoch hauptsächlich über Liberale Hollywood-Schauspieler und Michael Moore lustig macht. Es wäre interessant zu erfahren, wie das Video nun bei den Satanischen Versen verwendet wurde. übrigens gab es bei erscheinen des Films 2004 keinen Aufschrei in der Islamischen Welt, obwohl er sich in ziemlich krasser Weise über Muslime (und Amerikaner gleichermassen) lustig macht und er zumindest in den USA ein ziemlich grosser Erfolg war. ---augias---
4. Viel Lärm um Nichts
cashcow 31.03.2008
Zitat von sysopWas für eine Aufregung: Die Welturaufführung der "Satanischen Verse" am Theater in Potsdam - angeblich brandgefährlich nach "Fitna" und der Fatwa gegen Rushdie. Tatsächlich hätte sie kaum harmloser ausfallen können: Die Provokation geriet dürftig, der Dialog der Religionen fiel aus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,544291,00.html
Nach dem Eingangstext vom Sysop - was gibt es da noch zu diskutieren? Viel Lärm um Nichts.
5. Der friedliche Muselman(n)?
SNA 31.03.2008
Zitat von sysopWas für eine Aufregung: Die Welturaufführung der "Satanischen Verse" am Theater in Potsdam - angeblich brandgefährlich nach "Fitna" und der Fatwa gegen Rushdie. Tatsächlich hätte sie kaum harmloser ausfallen können: Die Provokation geriet dürftig, der Dialog der Religionen fiel aus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,544291,00.html
Hmmm.... kein Attentat auf den dümmlichen Wilders - trotz Broderscher Unterstützung -, kein Anschlag auf die Aufführung der "Satanischen Verse"... da wird einer von den Rechtspopulisten wohl selber nachhelfen müssen... oder zugeben müssen, dass es Miliarden friedlicher Muslime gibt... Das allerdings wäre etwas neues von dieser Seite: nämlich eine differenzierte Wahrheit.
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