Satire Kinskis krasse Krankenakte

Achtung: Dies ist eine Satire! Die Wirklichkeit war vermutlich schlimmer. Denn Klaus Kinski war ein großer Spinner, korrigiere, Künstler. Seine Entgleisungen gegenüber einer Berliner Ärztin beweisen es. Jetzt wurden ihre Aufzeichnungen gefunden. Protokoll einer Amour fou.


"Psycho-Akte von Klaus Kinski entdeckt!" schrieben heute "Bild"-Zeitung und "B.Z.". Und enthüllten: Klaus Kinski war kurz nach Kriegsende in eine Berliner Ärztin verliebt, die ihn behandelte. Kinski begehrte die 25 Jahre ältere Frau, die "aber mit einem anderen Mann verlobt war und nur mütterliche Gefühle für ihn empfand" ("Bild"). Kinski habe auf "ihrem Balkon geschlafen", "sich in ihrer Wohnung versteckt" und sie "als Hure beschimpft".

Stimmt das etwa? War unser größter deutscher Schauspieler nach Götz "Schimi" George so ein Schlimmer? Das Protokoll der Ärztin:

Darsteller Kinski, Regisseur Werner Herzog (1987): Jede Menge Probleme am Hals
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Darsteller Kinski, Regisseur Werner Herzog (1987): Jede Menge Probleme am Hals

5. November 1949: Heute erste Sitzung mit neuem Patienten. Name: Klaus Kinski. Ich soll ihn Klaus oder Kleiner Rammler nennen. Interessant.

12. November: Kinski betont wiederholt, ich sähe seiner Mutter ähnlich. Ist das ein Kompliment? Die Frau war schließlich Preisboxerin.

8. Dezember: Kinski droht aus dem Fenster zu springen, sollte ich ihn nicht Klaus, Maus oder Faus ("Wie Faust ohne t, das kann doch nicht so schwer sein!") nennen. Meine Praxis liegt im Souterrain, was ihn jedoch nicht von seinen Drohungen abhielt.

14. Dezember: Klaus ist doch ein ganz netter Kerl. Er hat jetzt ein Engagement am Theater in der Kaiserallee, spielt in Ibsens "Gespenstern". Auf die Frage, welche Rolle er übernommen habe, hüllt er sich in eine Tischdecke und schweigt die gesamte Sitzung über.

20. Dezember: Ich brauche die Tischdecke zurück, morgen kommen meine Schwester und der Rest der Familie. Außerdem nehmen die anderen Patienten Anstoß an dem "stummen Irren". Mein Verlobter droht mit Trennung.

5 Januar 1950: Klaus schlief zwei Tage auf meinem Balkon. Er nuckelte lange am Daumen. Bis ich ihm meine Hand entzog und ins Innere der Wohnung eilte.

12 Januar: Ich habe ihn über eine Woche nicht gesehen. Ob es ihm gut geht? Die Cocteau-Premiere war jedenfalls ein Erfolg. Ich konnte leider nicht hingehen, meine Schwester hat die Ruhr.

13. Januar: Mit den Worten "Ha! Ha! Ha!" sprang Klaus hinter einer Chaiselongue hervor. Er hatte dort die letzten zehn Tage verbracht. Auch als Sitzschemel habe er sich getarnt. "Das warst du?", rief ich erstaunt, was ihn ungemein erfreute.

22. Januar: Eklat. Klaus nennt mich abwechselnd "Mami" und "Hure", es könnte aber auch Flure oder Kurie gewesen sein. Er ist arg mitgenommen. Darauf angesprochen, sagte er, er sei "arm, aber sexy" und überhaupt, dies sei Berlin.

3. Februar: Klaus rezitiert verstärkt Rimbaud und Villon, nennt mich geiles Mäuschen und zieht mich während der Sitzung am großen Zeh. Ich werte dies als verdrängten ödipalen Reflex. Wo hat er bloß meinen Pumps versteckt?

14. Februar: Meine Pumps sind wieder aufgetaucht: Kai-Renée, mein Verlobter, trug sie im Büro. Gefragt, ob er Hilfe brauche, erklärte er, "das machen jetzt doch alle". Außerdem sei dies Berlin.

15. Februar: Die Polizei war da, Klaus hatte mich denunziert: Ich sei verrückt. Die Beamten ließen sich bei einem Gläschen Absinth schnell vom Gegenteil überzeugen: Nicht ich, Klaus ist wahnsinnig. Wie sonst erklärt sich sein Gerede von einer Oper im Regenwald?

20. März: Ich habe mit Klaus gebrochen. Er im Wohnzimmer, ich im Bad. Die Petit fours müssen schlecht geworden sein. Und unser "Fitzcarraldo", wie er sich jetzt nennt, verträgt auch das Morphium nicht, das er mir entwendet hat.

27. März: Endgültige Trennung von Klaus. Die Kasse übernimmt keine weiteren Sitzungen. Und ohne Pendlerpauschale fahre ich nicht raus nach Steglitz. Dort wohnt er jetzt, der Herr Kinski, und sieht aus wie Nosferatu.

Aufgezeichnet von Daniel Haas



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