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Joachim Gauck: Die Freiheit der Rede

Eine Satire von

Bundespräsident Joachim Gauck: "Freizeit ist kein Freibrief!" Zur Großansicht
AP/dpa

Bundespräsident Joachim Gauck: "Freizeit ist kein Freibrief!"

Ein Präsident, ein Thema: In Freiburg hat Joachim Gauck wieder einmal über die Freiheit gesprochen, diesmal mit besonderem Bezug auf unsere Wirtschaftsordnung. Hat der Bundespräsident damit jeden Aspekt der Freiheit abgearbeitet? Noch lange nicht! Das beweist ein Blick auf seinen Terminplan.

Februar: Die Gedanken sind frei
Beim deutschen Philologentag in Freilassing referiert Bundespräsident Joachim Gauck über das Thema "Gedankenfreiheit": "Lasst uns denken, lasst uns mehr denken, vor allem aber: Lasst uns frei denken!" Die Freiheit des Gedankens nämlich sei die Voraussetzung für die Freiheit des Handelns - was läge da näher als ein Freihandelsabkommen mit den USA? Nach anfänglicher Verwirrung erntet der Bundespräsident verhaltenen Applaus.

April: Zeit für Freizeit
"Freiheit in der Freizeit" ist eine Rede des Bundespräsidenten bei der Fachtagung der deutschen Freizeitparkbetreiber in Freiberg überschrieben. "Nur wer seine freie Zeit frei erleben kann, kann sich wahrlich frei nennen", ruft Gauck den Tagungsteilnehmern zu, relativiert allerdings sogleich: "Doch Freizeit ist kein Freibrief!" Diese These belegt der Bundespräsident mit einer ausführlichen Schilderung seiner Erfahrungen als Pastor in der DDR, aus denen jeder lernen könne, der Ohren habe. Jede Initiative zur Arbeitszeitverkürzung sei daher als Eingriff in die Freiheitsrechte der Arbeitnehmer abzulehnen. Im Anschluss feierliche Eröffnung des Spaßbads Dino-Fun und Jungfernfahrt im "Splash-Dive".

Mai: Freie Liebe, freies Leben
Den Bundeskongress Paartherapie in Freital bei Dresden nutzt der Bundespräsident zu einem Vortrag zum Thema Polyamorie: "Liebe ist Freiheit, Freiheit ist Liebe, und freiheitliche Liebe ist freie Liebe. Eben darum war die friedliche Revolution in der DDR gelebte Liebe zur Freiheit. Trauen wir sie uns zu!" Die Freiheit der Liebe gelte auch im Arbeitsleben, führt Gauck aus, denn: "Was du liebst, das lass frei!" Wer diese schlichte Grundeinsicht begreife, dürfe sich auch nicht über die jüngste Entlassungswelle in der stahlverarbeitenden Industrie beschweren - dies sei ein "Gebot der intellektuellen Redlichkeit". Den "Ball der vielen Herzen" eröffnet der Präsident mit wechselnden Tanzpartnerinnen.

Juli: Freie Haut und freies Herz
Beim 35. Verbandstag des Deutschen Verbands für Freikörperkultur in Freiensteinau bricht der Bundespräsident eine Lanze für die alte DDR-Tradition des Nacktbadens: "Wie die Kleider fallen, das wissen wir bei allem Zweifel, so fällt auch die Scham - doch die wahre Freiheit siegt", formuliert Gauck, und spricht sich übergangslos für umfassende Steuersenkungen aus: "Einem nackten Mann kann man nicht in die Taschen greifen." Diese unangenehme Wahrheit aussprechen zu können, das bedeute ihm die unverfälschte Freiheit der Vielen und des Einzelnen. Im Anschluss zwangloses Beisammensein mit der deutschen FKK-Jugend und Vortrag des Märchens "Des Kaisers neue Kleider".

September: Freibier für alle
Bundespräsident Joachim Gauck bereichert den traditionellen Bieranstich auf dem Münchner Oktoberfest auf der Durchreise nach Freising mit seiner Anwesenheit und lässt es sich dabei nicht nehmen, den Begrüßungsworten des bayerischen Ministerpräsidenten und des Münchner Oberbürgermeisters eine eigene ausführliche Ansprache folgen zu lassen. Anschaulich schildert Gauck seine Erfahrungen am Runden Tisch in gereimter Form ("Auch hier / Tranken wir Bier"), betont den "Wert der Freiheit auch und gerade an diesem sonnigen Tag" und fordert die Kapelle auf, mit ihm den Westernhagen-Hit "Freiheit" anzustimmen, denn diese sei "schließlich und letztendlich das Einzige, was zählt". Die zunehmend verärgerte Unruhe der Durstigen im Bierzelt kann nur durch den von Gauck ad hoc verkündeten Ausschank von "Freibier für alle" eingedämmt werden. Der anschließenden Rechnungsstellung der Festwirte entzieht sich Gauck mit dem Verweis auf seine "Immunität als frei gewähltes Staatsoberhaupt".

November: Endlich frei
Völlig überraschend sagt das Bundespräsidialamt zwei Tage vor dem zentralen Festakt eine geplante Rede Joachim Gaucks zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ab: "Der Präsident sieht sich außerstande, zur Feier dieses glücklichsten Tages der deutschen Geschichte noch etwas zu sagen, das er nicht bereits mehrmals gesagt hat." Man bitte um Verständnis; das Thema "Freiheit" sei für Gauck "endgültig auserzählt". Das Staatsoberhaupt befinde sich nun bis auf Weiteres in seiner frisch bezogenen Zweitwohnung im Hamburger Stadtteil St. Pauli, (Adresse: Große Freiheit), und nehme sich die denkbar größte Freiheit: "Der Bundespräsident sucht nach einem neuen Thema."

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Gauck ist wohl einer der schwächsten Bundespräsidenten
Epikurus 17.01.2014
...denn bisher waren seine Reden nur heiße Luft. Er verkörpert einen völlig sinnlosen Liberalismus, ohne wirkliche Wertestandards. Niemand interessiert, was dieser Mann von sich gibt.
2. grosse ehre für gauck
dieter-ploetze 17.01.2014
so ein artikel.dass man sich dermaßen mit ihm beschäftigt,muss ihm schmeicheln.ich glaube nicht, dass er merkt,in die fussstapfen des grossen vorbildes lübke zu treten.
3. Gauck
Herbert1968 17.01.2014
hat sich von Rot/Grün instrumentalisieren lassen, als Kandidat gegen die Schwarz-Gelbe Mehrheit anzutreten. wahrscheinlich hat er damals auch selber geglaubt, der bessere Kandidat zu sein ud dass Rot/Grün ihn wirklich dafür hielt. Umso bitterer sein Erwachen, wenn nun alles doch nicht so ist wie erhofft.
4. Über die Freiheit in Deutschland mokant zu schreiben…
Am_Rande 17.01.2014
Über die Freiheit in Deutschland mokant zu schreiben, ist wohl die billigste aller Übungen. Die Freiheit wird hierzulande keine Verteidiger finden. ---Zitat--- Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter… ---Zitatende--- (Heinrich Heine, „Englische Fragmente“, 1828) Dabei wäre die Rede, die Herr Gauck jetzt in Freiburg gehalten hat, der Beachtung wert. Immerhin schafft er es zwei gegensätzliche Definitionen seines Themas, des Neoliberalismus, in einer Rede unterzubringen. Zum einen bezeichnet Herr Gauck den Neoliberalismus als „eine Ordnung, in der der Staat so viel wie irgend möglich dem freien Spiel des Wettbewerbs überlässt.“ Zugleich aber sei der Neoliberalismus „gegen [das] reine “Laissez-faire” gerichtet, sei „eine Ordnung, die auf das Anliegen der sozialen Gerechtigkeit zielt, eine Ordnung die “wirtschaftliche Leistung und menschenwürdige Daseinsbedingungen gleichermaßen gewährleistet”. Aber fällt dieser offenbare Widerspruch irgendjemandem auf? Wahrscheinlich darf sich Herr Gauck darauf verlassen, dass soo genau schon niemand hinhören wird, wenn er redet…
5. Fremdschämen
klugscheißer2011 17.01.2014
Zitat von sysopAP/dpaEin Präsident, ein Thema: In Freiburg hat Joachim Gauck wieder einmal über die Freiheit gesprochen, diesmal mit besonderem Bezug auf unsere Wirtschaftsordnung. Hat der Bundespräsident damit jeden Aspekt der Freiheit abgearbeitet? Noch lange nicht! Das beweist ein Blick auf seinen Terminplan. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/satire-ueber-bundespraesident-joachim-gauck-a-944143.html
Ich sollte anfangen, schon mal übers Fremdschämen nachzudenken. Als jemand, der nicht weit von Rostock, der Heimatstadt des Bundespräsidenten, wohnt und lebt, ist es mir allmählich peinlich, wie Herr Gauck das Amt des höchsten Staatspräsidenten ausübt. Nichts gegen Vorträge über Freiheit - die kann man halten nach zwei Diktaturen und die zweite, die muss für Herrn Gauck (der zu DDR-Zeiten - anders als viele andere Ostbürger - in den Westen reisen durfte), besonders schlimm gewesen sein. Seine eigene Stasiakte soll ja angeblich nie gefunden worden sein. Das muss er eben auch 24 Jahre nach dem Ende der DDR noch alles verarbeiten. Nur könnte er sich als oberster deutscher Repräsentant auch mal den aktuellen Fragen der Politik widmen. Was sagt er als angeblicher Freiheitsfanatiker zur flächendeckenden Ausspähung der Bürger durch die Geheimdienste? Wie ist das, wenn die Privatsphäre keine mehr ist? Hat Gauck noch nicht erkannt, dass es wahre Freiheit auch heute gar nicht mehr gibt?
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