Serie "Das Wort" Das ist Satire

Seit den Interventionen des türkischen Präsidenten Erdogan diskutieren wir über Satire. Aber was bedeutet das Wort eigentlich? Eine Begriffsanalyse von Jan Hedde.

Merkel-Parodie im italienischen Karneval
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Merkel-Parodie im italienischen Karneval


Eine Definition für "Satire" existiert nicht. Es gibt weder einen Lehrstuhl für sie noch ein Gesetz, auch keinen verbindlichen Katalog von Eigenschaften, die sie aufweist. Sie wird der Unterhaltung zugerechnet, hat aber einen ernsten Kern. Die Verwendung des Begriffes erfolgt meist aus dem Bauch heraus.

Durch die Interventionen des türkischen Präsidenten Erdogan sieht sich Satire als Gegenstand einer Auseinandersetzung. Satire, was sie ist und was sie darf, ist in aller Munde, und auch der Sympathie für Satire Unverdächtige entdecken ihr Herz für diesen Teil der Kultur.

Satire ist ein Transportmittel für Aussagen, die anders nicht bewegt werden können.

Satire funktioniert, indem sie für ihre Aussagen zunächst eine Umgebung des Unernsten schafft. Dort sind Aussagen möglich, die in einem ernsten Rahmen Widerspruch provozieren würden, gegebenenfalls auch Gegenmaßnahmen. In der unernsten Welt ist Widerspruch gegen Satire nicht möglich, denn wer sich in diese Welt begibt, kann nicht auf eine Ordnung hoffen, die ihm beisteht. Eine Justiz, die Satire bewerten will, gibt sich der Lächerlichkeit preis. Sie müsste die Satire verstehen und gleichzeitig beweisen, dass es sich um eine ernste Sache handelt.

Satire ist nur Gegenstand, nicht Akteur

Der Preis für die Unangreifbarkeit der Satire besteht in ihrer geringen Bedeutung im Diskurs. Gesellschaftliche Themen werden satirisch begleitet, aber nicht satirisch geführt. Und auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung ist Satire nur Gegenstand, nicht Akteur.

Unernst wird erzeugt durch Spott und Humor, durch Pointe und Witz. Hier liegt ihr wesensbildendes Merkmal, zugleich ihre größte Stärke und größte Schwäche. Satire, die das Publikum lachen lässt, ist wirksam und unterhaltend; ein Witz, der nicht zündet, beschädigt Aussage und Urheber. Satire ist, wie jedes Produkt der Unterhaltung, von wechselnder Qualität. Der Witz ist für Satire das Mittel, für Comedy der Zweck.

Satire ist sich selbst nie genug. Satire ist immer Satire auf etwas. Dieses Bezugsobjekt können allgemein bekannte Eigenschaften einer Person oder ein tatsächlicher Zustand sein. Aber auch Institutionen können Objekt sein, vorausgesetzt, sie haben brauchbare Eigenschaften: Ein Katasteramt auf dem flachen Land hat diese eher nicht, Troika und EZB, die sich einen verbissenen Kleinkrieg mit griechischen Regierungen liefern, können welche besitzen.

Daher ist eine Satire auf Eigenschaften der Bundeskanzlerin möglich: Ihre Mimik und Gestik, ihre Sprechweise, sogar ihre Art, Dinge zu entscheiden - oder eben nicht zu entscheiden - sind Gegenstand unzähliger Satiren. Ebenso taugen die Baukosten der Elbphilharmonie oder der Eröffnungstermin des Flughafens Schönefeld.

Aufdeckung durch Bloßstellung

Die Bezugnahme auf das Objekt geschieht durch seine Reduktion auf eine besondere Eigenschaft. Diese wird überzeichnet, verzerrt oder gar entstellt, in jedem Fall aber hervorgehoben. Darin liegt auch eine Veränderung des Objekts, das zwar identifizierbar bleibt, sich aber nicht mehr in dieser Welt befindet, sondern in der des Satirikers. Dort kann auch der Stärkere angegriffen werden, denn dort hat er keine Macht. Dieses Prinzip stößt nur an Grenzen bei Objekten, die schon selbst extrem sind: Satiren beispielsweise auf die Vorlieben von Kim Jong Un oder die journalistischen Methoden der "Bild"-Zeitung sind kaum noch möglich.

Zweck der Satire ist die Aufdeckung durch Bloßstellung. Der erschwindelte Doktortitel eines Politikers, der übertriebene Ehrbegriff eines Präsidenten, die Ahnungslosigkeit einer Ministerin, das Geschwätz eines Schauspielers bieten sich an, satirisch bearbeitet zu werden. Alle diese Personen haben das Publikum gesucht und sich willentlich exponiert mit ihren Eigenschaften, Haltungen und Äußerungen. Daraus ergibt sich, dass Satire nicht agiert, sondern reagiert: Das Objekt der Satire ist immer zuerst da.

Und es trifft nicht die Kassiererin bei Aldi oder den Obdachlosen vom Bahnhof, sondern Mächtige, Prominente, Große. Nur sie sind fähig, Gegenstand einer Satire zu werden. Satire wird unten erdacht und oben erlitten. Sie lässt die Beherrschten über die Herrscher lachen.

Die Frage, was Satire darf und was nicht, ist vergleichsweise leicht zu beantworten: Solange sie in der Sphäre des Unernsten bleibt, darf sie alles. Nur eines nicht: langweilen.

Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er den Begriff "Toleranz".



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
loquimur 01.05.2016
1. Eine Definition gibt es nicht?
Wie wär's mit der aus dem „Duden“: „Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.“ Wesensmerkmal ist Übertreibung, Ironie und Spott. Deswegen ist's auch keine Satire, jemanden „Ziegenficker“ zu nennen (der nicht durch weniger extreme sexuelle Eskapaden aufgefallen ist), egal in welchem Kontext.
kyon 01.05.2016
2. Wertvolles Kritikinstrument
Vielen Dank für diese erhellenden Hintergrundinformationen! Gut, dass es dieses wunderbare Mittel der intellektuellen Auseinandersetzung von unten gegen die da oben aus Politik und Religion gibt: Die Lächerlichmachung von Mächtigen ist eine starke Waffe des Schwachen. Wo sie durch Unterdrückung fehlt, herrscht Diktatur. Wir sollte uns dieses wertvolle Kritikinstrument nicht durch freiheitsferne Autokraten oder religiöse Fanatiker aus der Hand nehmen lassen.
kyon 01.05.2016
3. Kritik am maßlosen Beleidigtsein, nicht an einer etwaigen sexuellen Perversion
Zitat von loquimurWie wär's mit der aus dem „Duden“: „Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.“ Wesensmerkmal ist Übertreibung, Ironie und Spott. Deswegen ist's auch keine Satire, jemanden „Ziegenficker“ zu nennen (der nicht durch weniger extreme sexuelle Eskapaden aufgefallen ist), egal in welchem Kontext.
Sollten Sie es tatsächlich immer noch nicht verstanden haben, dass es Böhmermann nicht um die satirische Übertreibung von sexuellen Praktiken seitens des Herrn Erdogan ging, sondern um dessen ständiges unberechtigtes Beleidigtsein. Zur Belehrung hat er ihm ein Beispiel für ein berechtigtes Beleidigtsein-Dürfen geliefert.
stockfisch1946 01.05.2016
4. Intelligente Herrscher
hielten sich einen Hofnarren. Der durfte frei seine Meinung äußern. Narrenfreiheit. Den Spiegel vorhalten. Missstände beim Namen nennen usw. Andere Herrscher regierten lieber mit der sicheren Methode. Abschreckung durch Drohung und Verfolgung echter oder vermeintlicher Gegner. Sie wurden allerdings meistens Opfer ihrer eigenen Methoden. Merke dir das bitte, Tayyip.
licorne 01.05.2016
5. Satire heißt: das tut man nicht!
Es gibt Worte, von denen man seit frühester Kindheit lernt, dass man sie nicht sagen darf. Meistens haben sie mit Sex oder Exkrementen zu tun. Die verinnerlicht man und wenn man sie hört, stellt sich sofort Entsetzen ein, ein Reflex sozusagen. Wenn man die gleichen Wörter in einer Fremdsprache hört und deren Bedeutung kennt, ist man lange nicht so schockiert. Herr Böhmermann hat nun ganz viele dieser Schockwörter in einen Text gepackt, man kommt aus dem Schreck kaum heraus. Ständig funkt das Hirn: Das darf man nicht! Deshalb regt sich alles so über den Ziegenficker auf. Die Anspielungen auf die Verbrecher Fritzl und Priklopil schockieren eigentlich viel mehr, aber die hat man als Kind nicht in der Liste aufgenommen.
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