Wiederbelebte "Pardon": Barbie im Toaster

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Nietzsche, Kant und Katzenberger: Donnerstag kommt eine Jubiläumsausgabe des Satiremagazins "Pardon" auf den Markt. Ex-"Focus"-Chef und Herausgeber Wolfram Weimer vermeidet Brachialhumor. Das Motto: Wir! Sind! Intellektuell! Oft enden die geistigen Höhenflüge aber in einer Bruchlandung.

Wiederbelebte Satirezeitschrift: "Pardon" reloaded Fotos
Pardon

Urzeitkrebse sind nicht beigelegt, heißt es auf dem Cover des neuen Satiremagazins "Pardon". Dafür gibt es aber nichts weniger als die geheimen Tagebücher von Gott, einen Text von Woody Allen und "die limitierte Guido-Knopp-Maske" - ein "historisches Sammlerstück", um sich beim nächsten Staatsempfang nicht mehr ganz dumm fühlen zu müssen.

Das 1962 in Frankfurt gegründete Satiremagazin erscheint nach einer längeren Pause an diesem Nikolaus-Donnerstag wieder an den Kiosken und kostet dort fünf Euro, vorerst als einmalige Jubiläumsausgabe. Es hauchen eher feuilletonistische Töne aus dem 126 Seiten dicken Schmunzelmagazin als platter Witz. Im Vorwort heißt es, dass man etwas zurückbringen wolle, "was in der Zeitschriftenlandschaft in den vergangenen 50 Jahren Stück für Stück verloren gegangen zu sein scheint: eine spitze Feder, mit der sich Menschen viel trefflicher wachrütteln lassen als mit dem Holzhammer". Es klingt ein bisschen wie eine Rechtfertigung für manch lahme Strecke im Heft. Oder wie eine warnende Packungsbeilage: Wir! Sind! Intellektuell!

Ende Juli kritisierte der Ex-Focus-Chefredakteur und jetzige "Pardon"-Herausgeber Wolfram Weimer die "Titanic" und deren Papst-Titelgeschichte. Die sei "zu plump", da stecke "keine Entlarvung und keine weitere Erkenntnis drin". Ja, Gottes geheimes Tagebuch im "Pardon"-Ressort "Gassenhauer" erfordert ein paar ganz wenige Gedankenumdrehungen mehr als eine scheinbar vollgepinkelte Papst-Soutane. Aber ob Roberto Blanco mit Weihnachtsmannmütze, Daniela Katzenberger mit stattlicher Auslage oder Gott, geformt aus Klopapier und Zuckerwatte, unbedingt weitere Erkenntnis bringen, bleibt dahingestellt.

Wo ist Harald Schmidt?

Ein fiktives, etwas längliches Interview mit Barack Obama soll offenbar seine Floskelhaftigkeit entlarven, der Blogger Christian Sickendieck denkt sich ins Hirn eines Mitarbeiters der Bundesagentur für Arbeit, der am Ende selbst rausfliegt ("Heute ist bei uns übrigens Weihnachtsfeier. Selbstverständlich wird für Publikumsverkehr frühzeitig wegen einer ,Betriebsversammlung' geschlossen"). Eine achtseitige Fotostrecke zeigt nicht mehr als von einem Toaster geschmolzene Gegenstände wie einen Textmarker, eine ADAC-Kreditkarte oder eine lila-lippige Barbie-Buppe.

Die weitere Erkenntnis? Zitate von Menschen wie Nietzsche und Kant stehen unter den Bildern. Es wird genauso über dünne Geldbörsen sinniert wie ein älterer Text von Hellmuth Karasek gedruckt. In dem wird entlarvt, dass Frank Elstner einst lieber von "gefiederten Freunden" statt von "Vögeln" sprach, um den "missverständlichen Plural" zu vermeiden.

Die Wahl mancher Autoren ist allerdings auch erfrischend. So schreibt die Autorin Katja Dittrich einen Text über das Ende von Frauen-und-Männer-Witzen (wenn auch ihre Tweets unter @katjaberlin lustiger sind). Der groß angekündigte Harald Schmidt fehlt, und ein paar übliche Bedächtige aus dem Humorgewerbe (Harald Martenstein oder Eckart von Hirschhausen) schreiben das, was sie anderenorts auch schreiben. Dafür lieferte Woody Allen einen Text über irgendwie alles.

Es gibt gute Ideen, wie eine Weihnachtsgeschenkpapier-Edition in Anlehnung an die Klamotten-Muster deutscher Prominenter oder einen Text über Günter Grass, als professioneller "Auskenner für alles". Und weniger gute Ideen, wie ein paar flotte Phantasie-Floskeln des 1991 verstorbenen Klaus Kinski gegenüber ein paar Politikern aus der Jetztzeit.

"Pardon" wäre für die deutsche Zeitschriftenbranche eine Bereicherung, es ist mehr "New Yorker" als "Eulenspiegel". Weimer hatte angekündigt, dass es weitere Ausgaben geben könnte, wenn die erste (Startauflage 70.000 Hefte) ein Erfolg wird. Das könnte angesichts der spitzen Zielgruppe schwierig werden. Immerhin: Ein paar offenbar bezahlte Werbeanzeigen konnte Weimer akquirieren.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. optional
comedyner 03.12.2012
Vielleicht wird das auch mal eine Satirezeitschrift mit modernem Layout?
2. Noch ne Todgeburt
thea21 03.12.2012
PARDON hatte seine Zeit und seine Funktion. Die "Neue Frankfurter Schule", geniale Texter und Karikaturisten, frech, gar nicht fromm, im Bedarfsfall subversiv, selbstreflexiv und links. Übrig geblieben sind die Titelrechte und ein paar rechtskonservative "Humoristen", die immer mal wieder den Beweis erbringen, dass der spezifische "Humor", den diese Jungs produzieren, besser in einer Schülerzeitung der Jungen Union aufgehoben wäre. Der letzte Relaunch des Titels brachte es auf 3 Ausgaben - man konnte sich fast ausschließlich an antiislamischen Karikaturen erfreuen, das Heft war unlesbar. Jetzt also der Weimer vom FOCUS - wieder einer von der rechten Spaßfraktion. Es wird wieder ne krachende Pleite geben: Rechte verfügen nun mal nicht über Ironie und luziden Humor - vor allem können sie nicht über sich selbst lachen.
3.
a24 03.12.2012
Zitat von sysopEs wird genauso über dünne Geldbörsen sinniert wie ein älterer Text von Hellmuth Karasek gedruckt. In dem wird entlarvt, dass Frank Elstner einst lieber von "gefiederten Freunden" statt von "Vögeln" sprach, um den "missverständlichen Plural" zu vermeiden.
Schade, dass man Elstner selbst nicht als Autor gewinnen konnte. Der hätte sicher auch gut in das Format gepaßt.
4.
Joachim Baum 04.12.2012
Zitat von thea21PARDON hatte seine Zeit und seine Funktion.
Genau. Das Feld der Satire war aber auch damals leichter zu beackern. Die allgemeine, ja gesellschaftskonforme Spießigkeit lag wenn nicht gar offen, dann doch unter einer sehr dünnen Haut. Da genügten ja schon winzige Nadelstiche um nicht nur einerseits die geneigte Leserschaft zu amüsieren als auch die Obrigkeit auf den Plan zu rufen. Die erste Ausgabe wurde sogar zensiert verkauft - viele Cartoons waren nachträglich mit Druckerschwärze eingefärbt worden und damit die Seiten dadurch nicht zusammenklebten, wurden das mit Seidenpapier abgedeckt. Ich bekomme heute noch einen Lachanfall, wenn ich mir das in Erinnerung rufe. Der "Zensur" passten wohl einige gezeichnete Nackedeis nicht, heute würde darüber nicht einmal mehr ein Erstklässler rote Ohren bekommen. Nicht das die Spießigkeit heute nachgelassen hätte, sie sitzt nur tiefer, ist nicht mehr so offensichtlich, wird kaschiert. Kein Wunder, dass heutige Satiriker öfters zu Holzhammer oder Brechstange greifen müssen. Das ist allerdings auch bei den allgemeinen Spassmacher zu beobachten, nur das der Witz dabei auf der Strecke bleibt und zu Klamauk verkommt.
5. pardon wird wieder gegeben
spon-facebook-1529072547 07.12.2012
Respekt, wieder-wieder-erstandenes pardon! So – und nur so – muss die endgültige Satire eines Magazins aussehen! Eines Magazins, dessen erstes – und vermutlich einziges – Titelblatt neben den Namen toter Killerfedern wie Loriot und Böll mit solch erschütternden Humorentstellern wie Hellmuth "Soll das ein Witz sein?" Karasek und Bühnenkrankheiten wie Eckh. v. Hrhsn. aufwartet. Und mit einem zentral platzierten Deppengenitiv (“Das Tagebuch von Gott”). Welche spritzigen Gedankenverbrechen und erfrischenden Humorgewebe erwarten uns da erst im Inneren eures Witzblatts? Nix sagen. “Feinsinn, Unsinn, Hintersinn” (euer neues Motto), gell? Im Moment schaut’s schwer nach Biedersinn, Altersschwachsinn und Uhrzeigersinn aus. Kein pardon auf jeden Fall für: Die Kollegen vom EXOT Magazin (www.exot-magazin.de) PS: Die 4 besten Witze eurer neuen pardon-Ausgabe: 1. “Die Ästhetik von Pardon haben wir bewusst clean und wertig gehalten“ (Die Artdirektorin). 2. “Ja, es war mir zu links und stand für den brachialen Geist der 68er” (Der neue Herausgeber über das alte pardon). 3. Der groß angekündigte Beitrag von Harald Schmidt. 4. Der nie erschien.
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