Satiriker Stephen Colbert Die Fernsehwahrheit sieht einfach besser aus

2. Teil: Im zweiten Teil: Wie Bush das Lächeln im Gesicht gefror. Colberts schon jetzt legendäre Attacke gegen den amerikanischen Präsidenten - während der knapp zwei Meter neben ihm saß. Weiter...


Doch Colbert beschränkt sich nicht auf die Sicherheit seines Studios. Auf dem diesjährigen Dinner für das Pressekorps des Weißen Hauses im Mai fuhr Colbert vor der versammelten Washingtoner Honoratiorenschaft eine herbe satirische Breitseite gegen den zwei Meter entfernt sitzenden US-Präsidenten.

Eine Glanzstunde für Colbert, eine dunkle für Bush: Beim Dinner des Whitehouse-Pressecorps brüskierte Colbert den Präsidenten mit absoluter Respektlosigkeit
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Eine Glanzstunde für Colbert, eine dunkle für Bush: Beim Dinner des Whitehouse-Pressecorps brüskierte Colbert den Präsidenten mit absoluter Respektlosigkeit

"Wir beide", sagte er mit kumpelhaftem Lächeln Richtung Bush, "sind uns gar nicht so unähnlich. Wir gehören nicht den Faktinistas von der Streberfraktion an, wir kommen aus dem Bauch, stimmt's, Sir?" Denn die Wahrheit, so Colbert in einer lustvollen Spiegelung der kruden Argumentationsschlenker, der sich nicht nur die amerikanischen Radautalker, sondern auch die politische PR bedienen, liege schließlich im Bauchgefühl. "Wußten Sie, daß man mehr Nervenenden im Bauch als im Kopf hat? Das können Sie nachschlagen. Und sagen Sie mir nicht, stimmt ja gar nicht - dann haben Sie wahrscheinlich in einem Buch nachgeschaut, statt in Ihrem Bauchgefühl."

Die anwesende Presse lachte vorsichtig, und die Kameras des Senders C-Span vermieden sorgsam, die mimischen Reaktionen des Präsidenten zu dokumentieren. "Das Beste an diesem Mann", fuhr Colbert fort, "ist sein fester Stand. Er glaubt am Mittwoch dasselbe, was er am Montag glaubte - ganz egal, was am Dienstag passiert ist." Der Gastgeber und Vorsitzende des Pressekorps, Mark Smith, gestand wenig später in der "New York Times", er habe nur einen flüchtigen Eindruck des "Colbert Report" gehabt, bevor er Stephen Colbert einlud, und der Auftritt geriet zu einem der heißest debattierten Medienthemen der folgenden Woche.

Stephen Colbert wuchs als jüngstes von elf Kindern in South Carolina auf und schlief als Junge zu den Schallplatten von Bill Cosby und George Carlin ein. Eigenen Angaben zufolge wollte er eigentlich "ein ernsthafter Schauspieler mit Bart werden, der sich ganz in Schwarz kleidet und seinen Weltschmerz mit anderen teilt". Doch nach einer humanistischen Universitätsbildung nahm er einen Bürojob bei einer Improvisations-Comedygruppe an, der, wie er feststellte, ihn zu Gratisunterricht berechtigte.

1995 konzipierte Colbert mit zwei Kollegen aus der Gruppe die Sketch-Sendung "Exit 57" für Comedy Central, war später Autor für "Saturday Night Live", bevor ihn ein weiterer Kollege aus Improvisationstheater-Zeiten, Steve Carrell, in Comedy Centrals Nachrichtensatire "The Daily Show" holte. Dort gestaltete der Katholik die Rubrik "This Week in God", in der eine Art einarmiger Bandit namens "The God Machine" den Lauf der Dinge bestimmte.

Wiki-Vandalismus

Im vergangenen Oktober ging "The Colbert Report" auf Sendung und wurde mit mehr als einer Million Zuschauern zum Überraschungserfolg für Comedy Central.

"Früher", sagte Stephen Colbert gegenüber "The Onion", "war jedermann zu seiner eigenen Meinung berechtigt, aber nicht zu seinen eigenen Fakten. Heute zählen Fakten nichts mehr, Wahrnehmung ist alles."

Colbert weiß, daß dies die Kehrseite vom vielgerühmten Demokratisierungseffekt des digitalen Zeitalters ist, nach dem dank der Ausschaltung einer ganzen Legion von Vermittlern und neuen Veröffentlichungsformen wie Blogs und MySpace-Websites jeder zu seinem eigenen Nachrichtenregisseur, Kulturkritiker und Definitionsexperten werden kann. Anschaulich machte er das neulich am vieldiskutierten Internetwörterbuch Wikipedia, das für ihn zum Symbol der "Do-it-yourself"-Intellektualität geworden ist.

"Wer ist eigentlich die Encyclopaedia Britannica", fragte Colbert Anfang August, "daß sie mir erzählen will, George Washington hätte Sklaven gehabt? Wenn ich behaupten will, daß er keine hatte, ist das mein gutes Recht!"

Dann hob er zum Loblied auf die Wikipedia an, deren Einträge jedem Besucher zur Änderung offenstehen. Colbert schlug eine simple Probe aufs Exempel vor - eine Änderung im Wikipedia-Beitrag über Elefanten, derzufolge sich die afrikanische Population in den vergangenen sechs Monaten verdreifacht habe. "Habe ich neulich irgendwo gehört", murmelte Colbert, und seine Zuschauer fühlten sich offenbar zum Wissensanarchismus inspiriert: Wenige Stunden später mußten die Wikipedia-Betreiber den Eintrag für Änderungen sperren - "wegen Vandalismus", wie es auf der Website hieß.

Colbert gilt nun, sicher sehr zu seinem Vergnügen, als erster prominenter Wissensvandale im Internet. Man stelle ihn sich an dieser Stelle mit blasiertem Schulterzucken vor: "Ich glaube nicht an die Realität. Sie ist ja bekannt für ihre linksliberalen Tendenzen."

Nina Rehfeld



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