Satirische "heute show" Wo bleibt der Wahnsinn?

Humor ist, wenn es trotzdem kracht - Krise hin oder her. Das ZDF versucht sich an einer Satireshow, die Moderatoren bleiben aber Witzfiguren. Eigentlich schade: Pointen-Potential gab's genug.

Von Reinhard Mohr


Keine Frage: Die Krise braucht Humor. Die Jahrhundertrezession kann nicht nur mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen bekämpft werden.

So liegt das ZDF eigentlich goldrichtig mit der Idee, gerade jetzt eine neue Satire-Sendung zu starten: die halbstündige "heute show", von der zunächst zehn Folgen produziert werden sollen.



Angepeilt wird eine unterhaltsame Travestie der Fernsehnachrichten, die an Rudi Carrells frühere "Tagesshow" erinnern könnte, ein bisschen an die einstige "Wochenshow" auf Sat.1 (die Anke Engelke berühmt machte), nicht zuletzt auch an die "Daily Show" von Jon Stewart, der Barack Obamas Wahlkampf erbarmungslos komisch begleitete.

Und was läge näher, als im historisch wie politisch aufregenden Wahljahr 2009 auch öffentlich-rechtlich die Waffen des Wortwitzes zu wetzen?

Für diese traditionell nicht ganz leichte Aufgabe hat sich das ZDF zwei Führungskräfte des deutschen Humors aus den Gefilden des Privatfernsehens ausgeliehen - Oliver Welke, den Mann für fast alles zwischen Sport und Comedy, und Martina Hill, deren Persiflagen von Heidi Klum, Sonya Kraus und der ARD-Börsenexpertin Anja Kohl bei "Switch Reloaded" auf ProSieben zum Besten gehören, was derzeit im deutschen Fernsehen das Zwerchfell erregen kann.

Durch die unmittelbar vorhergehende Kabarettsendung "Neues aus der Anstalt" sind die wach gebliebenen Zuschauer stimmungsmäßig ganz gut eingestellt, als um 23.05 Uhr die Fanfare ertönt: Oliver Welke sitzt im Kölner Studio der "heute show" fast so seriös am Schreibtisch wie Claus Kleber am Mainzer Lerchenberg und hat auch gleich viele, schöne Einspieler mitgebracht - Schnipsel aus der verrückten Welt der Fernsehnachrichten, die dienstbare Geister gefunden und zusammengeschnitten haben.

Abwrack-Gags mit Opel

Ohne Opel geht auch hier nichts, und schon gar nichts ohne Karl-Theodor zu Guttenberg, den Superman der Insolvenzverhinderung. "Geordnete Insolvenz - das ist, als würde man sich romantisch die Hämorrhoiden veröden lassen", sagt Welke und setzt damit den Wieher-Standard gleich unverrückbar fest.

Dann sind wir schon, ebenso unvermeidlich, bei Horst Köhler ("Battle for Bellevue"), der auf seinem Weg zum Reichstagsgebäude von einem obstinaten Langsamfahrer (wahrscheinlich ein Ex-Stasi-Mann) aufgehalten wurde. Zum Kennzeichen der Limousine des Bundespräsidenten fällt Welke ein: "0 - 1", null minus eins, das ist doch Klinsmanns Lebensleistung." Das Publikum klatscht. Schadenfreude ist des Deutschen Unterpfand.

Plötzlich steht Martina Hill auf einem Minipodium und gibt "Tina Hausten", die Statistik-Frau vom Dienst. Nur ganz Böswillige mögen da an die ZDF-Redakteurin Bettina Schausten denken, die regelmäßig das "Politbarometer" präsentiert.

Weil sie das aber stets ziemlich gut macht und auf übertriebene Selbstdarstellung verzichtet, fehlt die Reibungsfläche, die die gelungene Persiflage braucht. Auch der grassierende Umfragewahn gibt wenig parodistisches Feuer her, und so bleibt "Tina Hausten" als kabarettistische Figur leider blass und witzlos.

Reale Witzfiguren

Ironie der "heute Show": Ein bisschen lustig wird es erst, wenn der Ernst des Lebens ins Spiel kommt. Außenreporter Martin Sonneborn, einst Chefredakteur der "titanic" und Chef der SPIEGEL-ONLINE-Satireseite SPAM, bemüht sich im aktiven Einsatz an der Ostfront - hier: im südbrandenburgischen Städtchen Trebbin - , ein paar Einwohner zu animieren, auf 60 Jahre Grundgesetz anzustoßen.

Doch sein ehrenwertes Streben erntet nur Ablehnung: "Die Leute haben hier die Schnauze voll", sagt einer; der Mann von der Eisdiele bekennt ungeschminkt: "Ich habe überhaupt nichts übrig für diesen Staat." Das hätte kein Vollautonomer in Kreuzberg vorm ausgebrannten Autowrack schöner ausdrücken können. Der Kampf geht also weiter.

Im Studio hetzt Oliver Welke derweil von Thema zu Thema, hakt Stichworte ab, zeigt Bilder und macht seine Sprüche dazu. Dazwischen "Live-Schalten" nach Nordkorea (alias Bali) und Rüsselsheim. Haustiere als Opfer der Finanzkrise, Steinmeier im Bikini auf der Kühlerhaube des neuen Opel Astra und immer wieder "Gutti" Guttenberg und seine "geordnete Inkontinenz". Motto: "Einfach laufen lassen, aber absichtlich."

Genau das ist das Problem der Sendung: Es läuft alles irgendwie geordnet ab, nur zu Lachen gibt es so gut wie nichts. Auch die Temperatur passt dazu: gerade mal lauwarm. Man spürt die Ambition, man sieht das Geld der Gebührenzahler (Bühnenbild!), aber am Ende ist es eben doch die Ausgeburt einer Chefidee, die nicht funktioniert.

Herren- statt Wahnwitz

Was ihr fehlt? Der Wahnsinn zum Beispiel. Bei "Switch Reloaded" steigert sich Martina Hill, vor allem in der Parodie des ARD-Börsenberichts, regelrecht in eine wüste Extemporation hinein, als sei sie die Verkörperung der verrückt gewordenen Finanzmärkte, die Mutter aller Blasen. Die "heute show" aber will am Ende doch seriös sein. Da bleibt man lieber beim geordneten Herrenwitz.

Dazu könnte sich Welke als eklatante Fehlbesetzung erweisen. Sein offiziöses Auftreten hat leider keinen doppelten Boden; der schicke Anzug steht nur für sich selbst. Und die flotte Halbglatze macht auch noch keinen Frühling der öffentlich-rechtlichen Satire.

Weil aber die Hoffnung zuletzt stirbt und die Krise weiter mit Humor bekämpft werden muss, lassen wir uns noch zu einem Tipp hinreißen: Gebt Martina Hill, dem kreativen Vogelnest auf dem Kopf von Gesine Schwan, mehr Raum!



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frubi 27.05.2009
1. Was erlaube ZDF?
Billiger "Daily-Show"-Abklatsch. www.thedailyshow.com Das original. Deutsche "Comedians" kann ich sowieso nicht mehr hören. Außnahmen wie O. Schubert sind eher selten. Lewis Black, Kat Williams und J. Fox sind nur einige von sehr, sehr guten Ami-Comedians. Einfach mal "googeln" und genießen.
mbberlin, 27.05.2009
2. ...
Oliver Welke ist auch hier eine Fehlbesetzung.
marks & spencer 27.05.2009
3. re
Den Oberlangweiler Welke kann ich mir nun gar nicht angucken.
Strichnid 27.05.2009
4. ...
Gefiel mir ganz gut. Haben sich sehr bemüht, die entscheidenden Elemente der Dailyshow zu übernehmen, was teilweise auch gut funktionierte. Das gilt besonders für entlarvende Zusammenschnitte von Politikeraussagen, wie zum Beispiel die fürchterlich kalten, herablassenden Fragen von Frau Merkel an ihr Wahlvolk in jener Sendung, als eigentlich ihr Fragen gestellt werden sollten. Weiter so. An den Autor hier: Der Verriss klingt wieder mal nach Neid, aber das ist bei Mohr ja nix neues - kritisiert alle anderen, weiß selbst aber nichts vorzuweisen.
RogerT 27.05.2009
5. Meßlatte zu hoch
So eine Show gleich nach "Neues aus der Anstalt" klappt nicht, da lag die Meßlatte für Oliver W. zu hoch. Ich habe mittendrin abgeschaltet, war zu langweilig. Oliver W. ist für so etwas zu brav, das braucht einen "bösen" Moderator, der hintergündig ist; OW ist nur vordergründig und ziemlich platt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.