Sauerei Neapel ehrt Blutkünstler Nitsch mit Museum

Er komponiert Bilder aus Tier- und Menschenblut, provoziert mit riesigen Theateraktionen. Zu seinem 70. Geburtstag ehrt die Stadt Neapel den österreichischen Aktionskünstler Hermann Nitsch jetzt mit einem spektakulären Museum.


Neapel - Selbst ein Bürgerschreck wie er dürfte sich über ein so großbürgerliches Symbol freuen: Hermann Nitsch bekommt zum 70. Geburtstag ein ganzes Museum geschenkt. Die Stadt Neapel ehrt den österreichischen Aktionskünstler mit einem Haus, das sich ausschließlich der Dokumentation und Erforschung der Aktionen des gebürtigen Wieners widmen wird. Das "Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch" entsteht in einem ehemaligen Elektrizitätswerk und soll am 13. September eröffnet werden.

Nitsch ist für seine "Schüttbilder" aus menschlichem und tierischem Blut und Exkrementen bekannt - und ihretwegen auch umstritten. Berühmtheit als Aktionskünstler erlangte er vor allem durch sein "Orgien Mysterien Theater". Einzelne Spektakel dieses Gesamtkunstwerks inszenierte Nitsch zum Beispiel in New York, Neapel und sogar am Wiener Burgtheater.

Die Aktionen mit Hunderten Beteiligten dauern jeweils mehrere Tage und verbinden archaische Handlungen mit liturgisch-religiösen Abläufen: Tierkörper werden aufgerissen und ausgeweidet, literweise Blut fließt vor dem Hintergrund einer bedrohlichen Klangkulisse Dutzender Blas- und Streichinstrumente.

"Ritual der Existenzverherrlichung"

Die von der griechischen Mythologie und den dionysischen Orgien inspirierten Aktionen seien ein "ästhetisches Ritual der Existenzverherrlichung", erklärt Nitsch auf seiner Homepage. Im Verlauf löse sich Aufgestautes, werde Verdrängtes wieder anschaubar. Ihm zufolge verdrängen Gesellschaften permanent, wodurch schädliche Kollektivneurosen entstehen.

Seit Anfang der sechziger Jahre hat Nitsch insgesamt 124 solcher Aktionen veranstaltet, von denen sich Behörden und Tierschützer immer wieder provoziert fühlten. Die bisher längste Aktion fand auf seinem eigenen Schloss in Niederösterreich statt. Dabei wurden Tiere vor den Augen der Zuschauer geschlachtet, ihr Blut auf Aktionisten verschmiert und die daraufhin wie Jesus ans Kreuz genagelt. Alle geschlachteten Tiere werden - darauf legt der Künstler wert - anschließend gegessen.

In den sechziger und siebziger Jahren wurden besonders seine Malaktionen mit Blut öfter von der Polizei beendet. Mehrmals kassierte der Künstler Strafanzeigen, landete sogar im Gefängnis.

Der nach Plänen des Architekten Rosario Boenzi entstehende Bau des Museo Nitsch in Neapel wird bereits das zweite Haus sein, das sich nur der Kunst des umstrittenen Österreichers widmet: 2007 eröffnete im niederösterreichischen Mistelbach das Hermann Nitsch Museum, das vor allem größere Exponate und die Aktionsmalerei des Orgien Mysterien Theaters zeigt.

In Neapel dagegen sollen seine Werke spürbar werden: Im Zentrum soll ein Geruchs-, Geschmacks- und Farblabor stehen, das den Besucher unmittelbar mit Nitschs Kunst konfrontieren soll.

Nitsch feiert seinen 70. Geburtstag am 29. August dieses Jahres. Zweimal war der 1938 geborene Künstler auf der Documenta in Kassel sowie auf der Biennale in Sydney vertreten. Nitsch erhielt bereits mehrere Auszeichnungen für seine Arbeit, darunter 2006 die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien und den Österreichischen Staatspreis.

bfr/dpa



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