Saure Gurke NDR sucht nach Frauenfeindlichkeit

Nach Erhalt der "Sauren Gurke 2005" für frauenfeindliche Berichterstattung durchsuchte der NDR sein Programm spitzfindig nach Belegen. Doch Fehlanzeige: Der ARD-Sender entkräftete die Vorwürfe und schickte den Preis zurück.


Hamburg - Die Jury der Sauren Gurke 2005 für frauenfeindliche Berichterstattung hat ihren Preis vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) postwendend zurück bekommen. Die Gleichstellungsbeauftragte des NDR, Sabine Knor, nannte den Beschluss der Medienfrauen von ARD und ZDF, ihrem Sender die Auszeichnung zu verleihen, ein "dickes Eigentor". Die Entscheidung der Jury sei komplett unverständlich und die Begründung nicht nachvollziehbar.

Im gesamten NDR habe eine intensive Suche nach Anzeichen für Frauenfeindlichkeit eingesetzt, erklärte Knor in einer Pressemitteilung: "Wir haben nach Indizien gefahndet, aber keine gefunden." Der kritisierte Film "Baby" (2002, Regie Philipp Stölzl) etwa sei von Redaktionen ins Programm gebracht worden, in denen es nur Frauen in verantwortlicher Position gibt. Außerdem sei die Produktion auf Kino-Festivals von Kritik und Publikum mit Lob überhäuft worden.

Zu der Kritik der Gurken-Jury an einer Glosse zum Weltfrauentag in der Sendung "Das!" ermittelte Knor, dass die Redaktion das Stück vom Mitteldeutschen Rundfunk übernommen hat. Die kritisierte Frage nach der Familienplanung der frisch gebackenen Europameisterin Christina Obergföll bei der Leichtathletik-WM in Helsinki stellte laut Knor kein NDR-Reporter, sondern ein HR-Mitarbeiter. "Er hielt lediglich ein Mikro mit NDR-Windschutz in der Hand, weil der NDR die Federführung für die Übertragungen aus der finnischen Hauptstadt hatte."

Auch der Verdacht gegen Reinhold Beckmann, er betätige sich frauenfeindlich, habe sich nicht bestätigt. "Eine Prüfung ergab, dass er in seiner Sendung am 18. September mit drei verdienten deutschen Politikerinnen über den Ausgang der Bundestagswahl gesprochen hat." Angesichts dieser "erdrückend klaren Sachlage" habe sie sich entschlossen, der Medienfrauen-Jury ihren Preis zurückzusenden, sagte Sabine Knor: "Die Jury hat ihn sich redlich verdient - und wir wollen uns auf keinen Fall mit fremden Gurken schmücken."

Die Saure Gurke wird jährlich auf dem Herbsttreffen der "Frauen in Medien" verliehen. Bedacht werden alle Formate der öffentlich-rechtlichen Sender im deutschsprachigen Raum. Titelverdächtig sind Beiträge, in denen Frauen nicht vorkommen oder nur durch ihren Körper definiert werden und Sendungen, die dem Publikum ein "überidealisiertes" Rollenmodell aufdrängen. Zu den Preisträgern der vergangenen 25 Jahre gehörten das "heute journal" (2003), "Sabine Christiansen" (1999), Fritz Pleitgen (1995) und die Unterhaltungsshow "Mutter ist die Beste" (1985).



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