Bizarre Statistik Schafft den Migrationshintergrund ab!

Die ARD hat die Zahl der "Deutschtürken" um fast zwei Millionen angehoben. Einfach so. Der bizarre Fall macht deutlich, warum der "Migrationshintergrund" als statistische Größe nicht wirklich taugt.

Menschen beim Shoppen (Symbolbild)
DPA

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Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet: Anfang der Woche warb das Erste Deutsche Fernsehen für eine Dokumentation mit dem Titel "Türken, entscheidet euch!". Echt jetzt, ein erhobener Zeigefinger? Wer macht so paternalistische Überschriften?

Die Doku selbst war ganz sympathisch. Sie zeigt, dass sich viele junge Menschen in Deutschland hin- und hergerissen fühlen und mit Identitätsfragen beschäftigen, wegen Erdogan in der Türkei oder dem Rassismus in Deutschland. Gar nicht paternalistisch. Trotzdem bin ich seit der Sendung verstört. Schuld daran ist eine tagelange Auseinandersetzung mit der Pressestelle von "Radio Bremen", die für die Doku in der ARD zuständig war.

Die gab es, weil der Sender die Zahl der "Deutschtürken" einfach mal so um 1,7 Millionen erhöht hat. Das Erste schreibt in der Ankündigung für den Film, man nehme die Zuschauer "mit in die Welt von viereinhalb Millionen Deutschtürken". Die ARD hat offenbar beschlossen, dass ihr die 2,8 Millionen Türkeistämmigen in Deutschland nicht reichen, die die Statistik erfasst.

"Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga hat die Zahl am Ende ihrer Sendung ebenfalls genannt, um zum Film überzuleiten. Das ist beachtlich. Denn ich gehöre zu denen, die noch etwas auf die Öffentlich-Rechtlichen geben, und würde sagen: Danach war die Zahl amtlich.

Und ich perplex: Fast zwei Millionen Turkodeutsche mehr als bisher. Fällt die wundersame Vermehrung der Deutschtürken niemandem auf? Oder sind die Leute so von der "Islamisierungs"-Propaganda eingenommen, dass sie es für normal halten?

Ich habe bei der ARD nachgefragt. "Unsere Angabe gilt für die erste bis vierte Generation in Deutschland Lebender mit türkischen Wurzeln", erklärt mir ein Sprecher. Es sei ein "Schätzwert". Als Quelle nennt er "ein Gespräch mit dem Statistischen Bundesamt". Nennen Sie mich Pedantin, aber bei so einer Sensation will man doch etwas sehen - Daten, eine Publikation, irgendwas. Also frage ich die Behörde. Doch das Statistische Bundesamt kann die Zahl nicht bestätigen. "Die dritte und weitere Generationen können wir mit unseren Daten nicht ermitteln", erklärt man mir.

Migränehintergrund: nein danke.

Ich bin kein Mathe-Genie, aber ich frage mich auch: Wie soll das gehen, vierte Generation? Die große Mehrheit der Türken kam vor 60 Jahren. Haben mehrere Generationen hintereinander als Minderjährige Nachwuchs gekriegt? Und wie viele Kinder müssten sie in den letzten Jahren bekommen haben, damit die neuen Generationen ein Plus von 1,7 Millionen ergeben? Kühlschrank auf, Kind eins, Kühlschrank zu, Kind zwei?

Also hake ich noch mal nach bei der ARD. Der Kollege belehrt mich, dass eine Pressemitteilung nun mal "keine wissenschaftliche Arbeit mit Belegen" sei. Und präzisiert die Quelle als "ein Gespräch mit einem Migrationsexperten im Sommer letzten Jahres". Als ihm klar wird, dass ich berichten will, reagiert die Sendeanstalt nach vier Tagen endlich mit einer etwas anderen Stellungnahme:

"Aufgrund einer nicht mehr hundertprozentig nachvollziehbaren Recherche" halte man die Zahl von viereinhalb Millionen "nicht mehr aufrecht". Im Internet werde man sie auf 2,8 Millionen korrigieren. Und schiebt hinterher: "Auch wenn diese Zahl nicht alle von uns in Betracht gezogenen Generationen der weiteren Deutsch-Türken erfasst."

Wie bitte?

Wieso zählt die ARD einen Migrationshintergrund, von dem das Bundesamt die Menschen befreit? Weil sie offenbar findet, einmal Mihigru, immer Mihigru.

Vielleicht ist es Zeit für eine radikale Forderung: Schafft den Migränehintergrund endlich ab! Er wird ohnehin nicht ehrlich erfasst.

Was ich damit meine?

Vor drei Jahren hat Navid Kermani eine Festrede (Pdf) im Bundestag gehalten und dabei eine Bombe platzen lassen. Allerdings hat sie niemand gehört. Kermani, preisgekrönter Schriftsteller, sprach anlässlich des 65. Geburtstags des Grundgesetzes und sagte:

"Viele Millionen Menschen sind seit dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik eingewandert, die Vertriebenen und Aussiedler berücksichtigt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung".

Verstehen Sie? Bäm. Bombe geplatzt.

Für alle, die es immer noch nicht hören, erkläre ich es gern: Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Der Satz stellt ein elementares, deutsches Selbstbild auf den Kopf: Nurdeutsche, also Deutsche ohne Migrationsextra, sind die Minderheit. Die frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland, sie können einpacken. Das Spiel ist längst verloren.

Warum aber gibt es dann offiziell nur 22,5 Prozent "Personen mit Migrationshintergrund"? Weil die amtliche Statistik nicht abbildet, was sie verspricht. Eine Gruppe wie die Vertriebenen - also ein wesentlicher Teil der deutschen Migrationsgeschichte - bleibt unsichtbar, sie werden nicht gezählt (Pdf).

Mehr Deutschtürken als CSU-Wähler

Einige Experten empfehlen (Pdf): Wir sollten über eine neue Statistik nachdenken. Eine, die sichtbar macht, wie viele Menschen strukturellen Rassismus erleben, statt zu fragen, woher die Vorfahren kommen. Das Berliner Projekt "Vielfalt entscheidet" erklärt in einer neuen Publikation, wie solche Daten erhoben werden können.

Bis es soweit ist, sollten wir das Beste aus den Zahlen machen, die wir haben. Und mit Blick auf die "Deutschtürken" muss ich sagen, es hätte ja auch was für sich, zu wachsen. Nehmen wir mal an, wir wären tatsächlich bei viereinhalb Millionen angekommen. Dann gäbe es deutlich mehr von uns als CSU-Wähler. Daraus müssten doch politische Konsequenzen folgen.

Ich hätte da ein paar Ideen für symbolische Gesten in unsere Richtung: Das Heimatministerium abschaffen, dafür vielleicht ein Haymatmuseum gründen, im Bundeskabinett ein paar weiße Bayern feuern, dafür Menschen mit Migränehintergrund einstellen. Oder einen Halbmond über das Kreuz in bayerischen Behörden hängen. Ich meine ja nur. Wenn wir schon so viele sind.

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MartinH 02.06.2018
1. Vertriebene
Wie oft muß man es eigentlich noch sagen: Vertriebene und Aussiedler sind und waren keine Migranten, sondern Deutsche Staatsbürger die auf Ihr Recht als Deutsche, in Deutschland zu leben, gebrauch gemacht haben.
zudummzumzum 02.06.2018
2. Die Herkunft gehört zur Identität
Über Jahrzehnte haben die Vertriebenen ihre Heimattage gefeiert und tun es noch. So gibt es heute wohl mehr Vertriebene, als bis 1955 vertrieben worden waren. Anscheinend ist also "Vertriebene" genauso erblich wie türkischstämmig. Aber da zeigt sich das Problem unseres Landes, eine grauenhafte Rückwärstgewandtheit. Lieber noch ein Museum, noch eine Gedenkstätte, als dem Neuen Platz zu geben. Vor lauter Schauen, woher wir kommen, kommen wir gar nicht mehr dazu uns zu fragen, wohin wir wollen. Erklärt endlich die hier Geborenen spätestens mit ihrer Volljährigkeit zu Deutschen, egal welchen Pass die Eltern haben. Aber gebt den Türken ihren eigenen Gedenktag, wie die Steuben-Parade oder den St . Patrick's day. Wer einen Pass oder eine Volkszugehörigkeit benötigt, um seine kulturelle Identität zu definieren, schreit doch nach Reservaten, nicht nach Gesellschaft. Und ich möchte nicht in einem Kulturreservat Deutschtümelei leben. Zur biodeutschen Identität gehört auch die Schuld am WK2. Und auch die Lehren, die man daraus gezogen hat, indem man mit dem Projekt EU den finsteren Nationalismus überwinden wollte. Das war vor 60 Jahren und gerät mittlerweile in Vergessenheit. Vor lauter Denkmalschutz von Jugendstil, Barock, Preußen und Bayern. Wir sollten die Kraft finden, dass dieses blöde Fühlen die wieder unsere Denken beeinträchtigt. Aktiv Auseinandersetzen mit der Herkunft = Ja, bestimmen der Nationalität über Herkunft = Nein.
#9vegalta 02.06.2018
3. Halbmond überm Kreuz
find ich gut. Macht ein bisschen Atmosphäre und der Heiland hat was zur Ablenkung. Aber - Wer einen deutschen Pass hat sollte als Deutscher gelten, egal woher er kommt. Der Anhänger „Migrationshintergrund“ ist Unfug und wird gerne zur Diskriminierung verwendet, wenn man sonst keine Erklärung für Probleme hat. Damit fallen dann alle Versuche weg, das Problem ernsthaft lösen zu wollen.
dwsfla 02.06.2018
4. Es gibt eine Definition
in der Sozialforschung für „Migrationshintergrund“: Personen, die selbst nicht in Deutschland geboren wurden oder wenigstens einen Elternteil haben, der nicht in D geboren wurde. Vertriebene gehören deshalb wohl eher selten in diese Kategorie.
ttvtt 02.06.2018
5. Jo alle in einen Topf
Vertriebene sind zwar keine Einwanderer, aber egal. Aber sonst eine berechtige Frage, warum die ARD so eine überhöhte Zahl von Deutschtürken nennt. Aber die Aufforderung sich endlich mal zu entscheiden ist mit Ausrufezeichen berechtigt.
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