"Schatz der Nibelungen" bei RTL Drachenblut tut Quote gut

Wer "Indiana Jones" liebt, wird "Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen" mögen. Der RTL-Film plündert nicht nur den großen deutschen Mythos, sondern auch den Zitatenschatz des modernen Abenteuerkinos. Das Ergebnis: gut gelauntes Popcorn-Fernsehen.


Als Karl der Große "im eisigen Winter des Jahres 775" den Schatz der Nibelungen fand, wollte er mit den Reichtümern ein Heer von 20.000 Mann aufstellen, um, lange vor dem ersten Kreuzzug, ins Heilige Land aufzubrechen. Weil er aber merkte, wie sehr das Gold ihn blendete, beschloss er schließlich, die Pretiosen zu verstecken. "Ein weiserer Mann in weiseren Zeiten" möge sie finden. So befahl er, im Reich vier Schlüssel zu plazieren, mit denen der künftige Schatzsucher die Edelsteine aufspüren könne. So weit die kleine Geschichtsklitterung des RTL-Abenteuerfilms "Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen", die man akzeptieren muss, wen man dem Plot folgen will.

Wer das tut, bekommt aufwendig-fröhliches Popcorn-TV geboten, bei dem nicht nur der Nibelungen-Mythos von Edelsteinen, Drachenblut-Phiole und Tarnkappe geplündert wird, sondern auch der Zitatenschatz des modernen Abenteuerkinos.

"Indiana Jones" lässt grüßen, wenn sich in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts zwei konkurrierende Forscherteams aufmachen, die Rätsel zu knacken. Auch bei der Figurenzeichnung haben sich Autor Derek Meister und Regisseur Ralf Huettner ("Die Musterknaben") an Erprobtes gehalten.

In übersichtlicher Gut-Böse-Anordnung sind da der ambitionierte Archäologe Eik Meiers (Benjamin Sadler), sein lustiger Gehilfe Justus (Fabian Busch) und die strenge Museumswissenschaftlerin Katharina Berthold (Bettina Zimmermann). Ihnen gegenüber stehen der kranke Magnat Brenner (Hark Bohm) und sein fieser Handlanger André (Stephan Kampwirth). Parallel und mit wechselndem Wissensvorsprung versuchen die Teams die Schlüssel zu finden, die zum Schatz in die "Halle der Welt" führen sollen.

Chiffren wie "der Pfad des Glaubens", "Kaisers Schicksal", "das Auge Gottes" und "das Haupt des Reiches" bilden dabei einen effektvollen Kontrast zu sehr heutigen Phänomenen wie Fingerprint-Scannern. Natürlich öffnen sich ständig verborgene Türen, Gesteinsblöcke rollen beiseite, und Wasserfälle werden umgeleitet.

"Voll auf die Zwölf"

An fotogenen Handlungsschauplätzen werden Felswände auf Rügen, der Kölner Dom, die Stonehenge-artigen Externsteine im Teutoburger Wald, die Kaiserstadt Aachen und Schloss Neuschwanstein aufgeboten. Dazu dröhnt eine Musikuntermalung, die wohl auch einen Blinden fühlen ließe, wann gerade mal wieder jemand was gefunden hat.

Der Wummer-Score ist der besondere Stolz des Produzenten Stefan Raiser, der mit seinem Partner Felix Zackor die Firma Dreamtool Entertainment betreibt. Gern erzählt Raiser, der an der Filmakademie Ludwigsburg sowie in Kalifornien studiert hat, wie er den renommierten Komponisten Klaus Badelt ("Fluch der Karibik") zur Mitarbeit bewegen konnte. Und wie er dann bei der Ton-Mischung immer "lauter, lauter, lauter" gefordert habe, um ein "fettes" Ergebnis zu erzielen, das "voll auf die Zwölf" gehe.

Auch seine Direktive an die Kostümbildner gibt Raiser preis: "bunt, bunt, bunt, bunt, bunt!" statt "typisch deutsch schwarz-grau". Nicht mit dem Begriff Popcorn-TV hat der 36-Jährige ein Problem, sondern mit der hierzulande herrschenden Unterscheidung "zwischen U und E" und mangelnder Wertschätzung für guten Kommerz.

Raiser selbst, der Bernd Eichinger und Jerry Bruckheimer als Vorbilder angibt, hat eine amerikanisch anmutende Weltsicht verinnerlicht. So spricht nicht nur aus seinem Firmennamen eine gewisse Sehnsucht nach Hollywood. Wenn er den Prozess der Stoffentwicklung beschreibt, redet er vom "Writer’s Room" und der "Dreamtool Family" und schwärmt davon, welche "Locations" man in Deutschland noch "abfrühstücken" könne.

4,85 Millionen Euro schwere Schnitzeljagd

Erfrischend unverzagt formuliert er seine Quoten-Erwartungen an den Nibelungen-Event: "Meine Erwartung ist klar, dass in der Zielgruppe 25 Prozent her müssen. Nicht magere Gerade-noch-20-Prozent mit ’ner schmalen Zwei davor, sondern satte 25 Prozent. Wenn man von einem ganz großen Erfolg sprechen wollte, müsste eigentlich mal wieder die 'Tatort'-Hausnummer in der Gesamt-Millionenzahl der Zuschauer angekratzt werden. Mit so einem Film muss man der Leuchtturm sein."

Für die 1999 gegründete Firma Dreamtool Entertainment ist die 4,85 Millionen Euro schwere Schnitzeljagd mit der Lauflänge von 120-Minuten (Raiser: "Wenn 'Armageddon' oder sonst ein amerikanischer Blockbuster ausgestrahlt wird, geht der auch über diese Länge") eine Feuertaufe. Schließlich entwickelt man gemeinsam mit dem kanadischen Sender CBC, RTL und Jan Moijtos Eos Entertainment die Model-Serie "Fashion Week", die nächstes Jahr für den internationalen Markt gedreht werden soll. Und das Buch für eine Fortsetzung der Nibelungenschatzsuche hat Raiser auch schon in der Schublade. "Wir haben noch was gefunden, was man finden kann", erklärt er.

Jetzt muss nur noch das Publikum mitsuchen.


"Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen", Sonntag, 31.8., 20.15 Uhr, RTL



insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
CormacMcCarthy 31.08.2008
1. Bei dieser Werbung hier...
... sollte es mit den 25 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe wohl klappen. Scherz beiseite. Da ich den Film, wie die meisten anderen hier sicher auch, noch nicht gesehen habe, kann ich mir schwer eine Meinung erlauben. Ich habe aber das Gefühl, dass diese Form der Annäherung an das Nibelungenthema sicher unterhaltsamer sein könnte, als irgendeine verbrämte, stoffnahe Verfilmung. Und dennoch scheint hier zu gelten: Die Amerikaner machen es doch genauso. Und nunja, wenn man es auf kommerziellen Erfolg angelegt hat, dann ist es sicher ratsam, erprobte und erfolgreiche Konzepte zu kopieren. Ist sicher auch nicht weiter schlimm: Niemand erhofft sich von RTL etwas anderes als einen quietschbunten, launigen Film, der hoffentlich die Referenzen nicht allzu laut herausbrüllt, sondern sie irgendwie geschickt verbaut. An einen Quotenerfolg gegen den Tatort kann ich trotzdem nicht glauben. Morgen weiß man mehr.
Kramer, 31.08.2008
2. Abwarten
So gerne ich mal einen ordentlichen Action-Film in Hollywood-Manier aus deutscher Produktion sehen würde, so sehr bezweifle ich, dass es ausgerechnet mit dem hier klappen wird. Aber zumindest die ersten 30 Minuten werde ich ihm mal geben, mich vom Gegenteil zu überzeugen - wobei ich nach folgender Kritik http://www.goettinger-tageblatt.de/newsroom/medien/art663,670804 nicht glaube, dass ich ihn bis zum Ende sehen werde.
mbberlin, 31.08.2008
3. ...
Zitat von KramerSo gerne ich mal einen ordentlichen Action-Film in Hollywood-Manier aus deutscher Produktion sehen würde, so sehr bezweifle ich, dass es ausgerechnet mit dem hier klappen wird. Aber zumindest die ersten 30 Minuten werde ich ihm mal geben, mich vom Gegenteil zu überzeugen - wobei ich nach folgender Kritik http://www.goettinger-tageblatt.de/newsroom/medien/art663,670804 nicht glaube, dass ich ihn bis zum Ende sehen werde.
Geht mir ebenso. Ich fürchte mich jetzt schon vor den zu erwartenden üblichen dummen Dialoge. Ich frage mich auch, warum die deutschen Filmschuster man nicht bei ihren Leisten bleiben. Deutschland kann ja durchaus absolut exzellente Filme machen, doch sollte man nicht krampf- und laienhaft versuchen, Hollywood zu kopieren oder den französischen Film, und schon garnicht mit der bisherigen Tütensuppen-Qualitätsinstellung. Da fällt man nur auf den Hintern. Sowohl künstlerisch als auch kommerziell. Trotzdem dürfte es wieder mal gut Quoten geben. Schade, dass Mittelmass in Deutschland von der Masse goutiert wird. Villiecht ist kreatives Mittelmass aber auch lediglich ein völlig gerechtfertigter Spiegel der Gesellschaft.
Nov 31.08.2008
4. .
Jeder dt. Abenteuerfilm, der ausnahmsweise mal nicht auf Mallorca spielt, ist für mich quasi schon vorweg überdurchschnittlich.
Serenifly, 31.08.2008
5. Re.
In Deutschland gibt es auch nicht eine einzige kommerzielle Seite die vernünftige Fernseh-Reviews auf hohem Niveau bietet. Nicht dass man das bräuchte wenn es genug US-Seiten und ein paar deutsche Fan-Seiten gibt. Hie ist es entweder Werbung wie in diesem Fall, meistens belangloses und nichtssagendes Geschreibsel (wo dann sogar Reality Sendungen ausführliche Artikel bekommen) oder pseudo-intellektuelles Gefasel wie in Feuilletons. Nirgends gibt es jemanden der wirklich Fernseh-Fan ist und das gesehene mag (bei dem TV-Programm in Deutschland vielleicht auch etwas etwas verständlich) und auch mal aus der Perspektive der Zuschauer schreibt. Und z.B. mal Analysen zu Charakteren oder Stories schreibt. Sowas wie Matt Roush und Michael Ausiello bei TVGuide (Letzterer ist jetzt bei EW Online)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.