Herbert Fritsch in der Schaubühne auf Sinnsuche Wo "Null" draufsteht, ist nichts drin

Wenn ein Regisseur keine Einfälle mehr hat, kein Thema, keine Bilder, dann lässt er die Bühne leer. Das Publikum in Berlin darf eine halbe Stunde hinstarren, erst dann passiert was. Aber auch nicht viel. Und das grandios.

"Null" an der Schaubühne
Thomas Aurin

"Null" an der Schaubühne


Wenn jetzt hier im weiteren Verlauf der Kritik von nichts die Rede sein wird, dann ist das durchaus beabsichtigt und wörtlich zu nehmen. In zweierlei Hinsicht. Zum einen war nicht eben viel zu sehen in Herbert Fritschs neuem Theaterstück, das an der Berliner Schaubühne (wo der Volksbühnen-Vertriebene nun wiederholt unterkam) Premiere hatte. Und, zweitens: Es ging nun mal um das Nichts, und Fritsch sicherte sich dementsprechend ab, indem er dem Abend den Titel "Null" gab. Damit hinterher nicht jemand kommt und sich beschwert, man habe zu wenig geboten bekommen fürs Geld. Fritsch ist klug: Wo bei ihm "Null" draufsteht, ist auch garantiert "Nichts" drin.

Nach eigenem Bekunden habe er zu Beginn dieser Arbeit nicht gewusst, was er machen will; ihm fiel nichts ein, kein Thema, keine Bilder - alles weg. Der Kopf und also auch die Bühne - leer. Die blieb dann so: ein gähnendes Loch, hoch und tief und breit. Doch auf einmal wurde diese Leere zu einem philosophischen Käfig, zu einem "Zeichen für die Abwesenheit von Zeichen", wie der Mathematiker Brian Rotman die Null mal genannt ist. Ein Raum ohne Inhalt und Hinweise, ohne Fixpunkte und Gegenstände, an denen man etwas und vor allem sich selbst festmachen könnte. Ein Vakuum, das nach (Er-)Füllung schreit.

Gabelstapler als Hauptdarsteller

Allein auf dem Bühnenboden sieht man irgendwie geometrisch angeordnete Kreidestriche: Diagramme der Orientierungslosigkeit, Wegweiser in die Irre, Demarkationslinien für Gedanken-Flüchtlinge, Strichcodes für Alles-Scanner. An ihnen aber hangeln sich die (natürlich aus dem Nichts auftauchenden) Schauspieler entlang, wenn sie mit ihren Positionskämpfen und Un-Formationstänzen beginnen, begleitet von Sprach- und Zahlenspielereien, die von eins bis neun die Null umkreisen und nie zu einem Ergebnis kommen. Alles geschieht mit Ansage und ohne Zweck. Also gehen sie in die Luft: hängend an Seilen, gesteuert wie Marionetten, im freien Fall am sicheren Haken vollziehen sie schwebend Kapriolen, die komisch und circensisch sind. "Ist es gut oder doof?", fragt einer. Beides! Hirn- und Körperakrobatik, Chain- und Brain-Reaction.

Dann ist, nach einer halben Stunde null und nichtiger Aufwärmphase, erst mal Pause, und das Publikum beim Bier unterhält sich über - nichts. Wenn es wieder reinkommt in den Saal, sieht es in der vorherigen Leere aber die über allem ruhende mächtige mechanische Hand (Gottes?). Fritsch hat sich eine riesige Roboter-Klaue basteln lassen, die wie segnend die Szene beherrscht und gleichzeitig bedrohlich mit den einzelnen Fingergliedern bereit scheint zuzupacken. Die Schauspieler werden kurz unter sie flüchten, um sie dann für eine Weile zu ignorieren. Aber sie ist da, bleibt da über ihren Köpfen, wird beunruhigend knarzende Geräusche von sich geben und wird am Ende alle aus dem Nichts wie aus dem Paradies vertrieben haben. Bis auf einen: den Gabelstapler.

Die Schauspieler suchen Schutz unter der mechanischen Hand
Thomas Aurin

Die Schauspieler suchen Schutz unter der mechanischen Hand

Wenn es nämlich, neben den famosen Akteuren Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke, einen Hauptdarsteller an diesem Abend gibt, dann ist es dieses Gefährt mit seinem Blinken und Hupen, seinen lustigen abrupten Bewegungen und seiner mechanischen Fähigkeit, die Welt umzustapeln. Wenn es hereinfährt, hat es den starren neuen Menschen auf seinen Gabeln: Der wird in luftige Höhen gehoben, damit er an einer Stange zu Boden und damit ins leere Leben rutschen kann. Am Ende aber wird dieses Fahrzeug die Bühne allein beherrschen und in einem wild-poetischen Maschinentanz, wie ihn Romeo Castellucci nicht schöner hätte ersinnen können, das Ballett der letzten Dinge mit der Grazie stotternder Motoren, denen die ausreichende Ölung fehlt, aufführen. Es ist dies für Fritsch'sche Verhältnisse ein sehr melancholischer, fast schon hoffnungslos trauriger Ausklang. Aber vielleicht bleibt einem, der sich im geometrisch und topografisch exakt abgezirkelten Nichts verirrt hat, gar keine andere Wahl?

Artikulations-Jonglage und heftiges Missverstehen

Denn auch die Schauspieler bewegen sich ja in der Zwischenzeit bei all ihrem Bemühen um Inhalte und greifbare Aussagen auf dem absoluten Nullpunkt. Sie vollziehen einen verzweifelten Kampf um Sinnhaftigkeit (ohne wiederum an den Sinn solch eines Unternehmens zu glauben natürlich) und der geht nicht ab ohne die typischen Fritsch-Choreografien der schieferen Bedeutungslosigkeit: alberne Gesten und Slapstick-Gerenne bis zum Ermüden, Wortspielereien, erkoren aus der Sprachlosigkeit, Artikulations-Jonglage und heftiges Missverstehen. Dabei verlieren sie nie die Leere aus dem Blick, tauchen ab in Bühnenabgründe, verschwinden hinter Wänden oder im Schatten, schlüpfen durch Löcher, an deren Rändern es keinen Halt gibt, und greifen schließlich zu den Instrumenten.

Szene aus "Null"
Thomas Aurin

Szene aus "Null"

Doch darf man von einem Fritsch-Blasorchester dann nicht erwarten, dass es einem auch wirklich die Töne nahebringt: Wie das Nichts klingt - nämlich nach hohler Luft -, wird hier vielmehr mit verbissenem Ernst und höchstem musikalischem Impetus zelebriert in einem Konzert der absoluten Absichtslosigkeit, das dem Augenblick als vergängliche geistige Ödnis huldigt. Und wenn da einem der mit blinkendem Blech Ausstaffierten mal tatsächlich und unabsichtlich (?) ein Ton "entfährt", dann ist das wie ein Weckruf aus einer Welt, in der man sich mit der Abwesenheit von Zweck und Ziel längst abgefunden hat. Eine fröhliche Meute der verlorenen Denkungsart musiziert da unhörbar und bläst uns den Marsch des seligen Nullzustands. Bis eben der Gabelstapler kommt und im Nichts aufräumt...

Man könnte jetzt darüber reflektieren, ob Fritsch hier nicht doch tiefer bohrt und auf seine Art dem Theater so eine Art "Stunde Null" nachweisen (verordnen?) möchte. Man könnte sich auch in Wortspielereien flüchten und von "Nullnummer" reden oder den Witz von der Null, die zur Acht "Schicker Gürtel" sagt erzählen. Und tatsächlich hat der Abend manchmal auch dieses Niveau; das kann nicht ausbleiben, wenn es ganz bewusst um so ungeheuer wenig geht.

Man kann aber vor allem trotzdem und ganz einfach auch sagen: Demjenigen, der einmal wirklich nichts sehen will, dem sei diese "Null" von Herbert Fritsch zutiefst angeraten!

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