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Schaulaufen: "Du siehst Bombe aus"

Von Dialika Krahe

Für Cendra und Aylin sind die Straßen von Neukölln ein Laufsteg. Nichts ist hier so wichtig wie das richtige Outfit: Chucks sind gut, und Kik ist asozial.

Der Kaufrausch beginnt um zwölf Uhr bei Tally Weijl. Aylin und Cendra stehen vor dem Schaufenster und schauen sich die überdünnen Puppen an, die da in knappen Tops zur Ansicht stehen. Sie tragen Schärpen über der Brust: "Miss Oulalala!" ist darauf gedruckt, "Miss Hotttt!" und "Miss Yummy!" Die Mädchen kichern, "sieht Bombe aus", sagen sie und gehen rein. Aus dem Laden dröhnt Musik von Justin Timberlake, das Neonlicht lässt die Farben der Kleider greller, die Musik noch lauter wirken. Aylin greift nach einer Kunstledertasche mit Schleife. "Voll süß", sagt sie und hängt sie sich über die Schulter, "das passt total zu meinem Tussi-Style."


Kurz zuvor sitzen die Freundinnen noch im Englischunterricht, 8. Klasse, Hauptschule Neukölln, und planen ihren Shoppingtag: Aylin will eine Röhrenjeans, ein paar Tops und am liebsten noch eine Tasche dazu. Cendra braucht enge Shirts zum Tanzen, in Gelb, sagt sie, weil das so gut zu ihrer braunen Haut aussehe. Als es klingelt, stöckelt Aylin auf ihren weißen Lackpumps die Schultreppe hinunter, Cendra schlurft in HipHop-Schuhen nebenher, darauf prangen glitzernde Dollarzeichen. Sie steigen in den Bus und fahren die drei Stationen zur Shopping-Mall. Vorbei an den türkischen Gemüseläden, den Brautgeschäften und den grauen Neuköllner Hausfassaden.

"Da war gerade dein Aly", schreit Cendra und klopft ihrer Freundin auf die Schulter. Aylin dreht sich um und quietscht. "Was hatte er an?", fragt sie als Erstes. "Die Chucks von Nike!", sagt Cendra. "Und welche Hose?"

Für Aylin und Cendra ist die Straße ein Laufsteg. Hier entscheidet sich, wer cool ist und wer nicht, wer hart ist und wer "emo", wer in ist und wer peinlich. Die Mädchen entschlüsseln Kleider wie Codes, sie glauben an den Turnschuhen zu erkennen, was für Musik jemand hört, an der Handtasche, womit er seine Freizeit verbringt - nichts ist so wichtig wie das richtige Outfit.

Aylin ist Halbtürkin, 15 Jahre alt, ein hübsches, höfliches Mädchen mit ohrenbetäubendem Lachen. Sie ist in diesem Stadtteil aufgewachsen und, so sagt sie, will für immer hier bleiben. Ihre Freundin Cendra kommt aus Togo, seit fünf Jahren lebt sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Deutschland, seit zwei Jahren in Neukölln. Sie ist 16, träumt davon, Tänzerin in Paris zu werden und trainiert mehrmals die Woche in einem Jugendclub.

Jetzt steht sie vor einer dichtbehängten Kleiderstange, zieht ein enges gelbes Top aus der Reihe und hält es sich vor den Körper. "Das musst du unbedingt anprobieren", sagt Aylin. Cendra schürzt die Lippen und hebt die Augenbrauen: Da sehe ihr Busen doch viel zu groß drin aus, sagt sie, und außerdem rutsche es beim Tanzen, egal, sie nimmt es trotzdem mit. Wie Katzen in ihrem Revier streifen die zwei von Kleiderständer zu Kleiderständer, greifen nach Blusen, Jeans und Tops, halten ins Licht, prüfen Stoff und Farbe.

Paris und Mailand existieren nicht in dieser Modewelt; die Trends, die Aylin und Cendra kopieren, stammen nicht aus Frauenzeitschriften oder von Designern. Sie stammen aus Musikvideos von Sido und Bushido, von Rihanna und LaFee, von den Billigketten im Einkaufszentrum. Sie stammen aus Neukölln.

Seit dem Tag nach den Sommerferien, an dem sich die Mädchen zum ersten Mal in der Schule trafen, sind sie beste Freundinnen. Sie kommen morgens gemeinschaftlich zu spät zur Schule, weil sie so lange zum Stylen brauchen. Im Unterricht holen sie gern ihr Haarspray aus der Handtasche und ihren Puder, reden über Jungs und lästern über Mädchen. Am Nachmittag chatten sie auf Internet-Seiten wie Jappy und MSN, gehen zusammen in den Jugendclub um die Ecke zum Kickern und zum Tanzen. Meistens aber tun sie eines: Sie machen sich schön.

Weil das eben so ist mit 15 und 16, weil einem dann die Typen mit den Baseballcaps und den dicken Silberketten hinterher- schauen. Vielleicht auch, weil man nichts Besseres vorhat in diesem Alter, oder eben "weil man mit schlechten Klamotten für asozial gehalten wird", wie Cendra sagt. "Dann wird man einfach fertiggemacht."

Aylin bekommt 50 Euro Taschengeld im Monat: 30 von der alleinerziehenden Mutter, 20 vom Vater und eine Telefonkarte für 15 Euro. Das reicht nicht lang, sagt sie, davon gehe sie zu McDonald's, kaufe Cheeseburger und Erdbeershakes, davon stecke sie einen Großteil in den Münzautomaten des Solariums, weil sie immer schön braun sein wolle. Und der Rest, der gehe für Schminke drauf. Viel Geld zum Shoppen bleibt da nicht. Aber weil sie lieb war, ihr Zimmer aufgeräumt hat und den Müll runtergebracht, hat sie von der Mutter 100 Euro zum Shoppen gekriegt, auch weil sie gebettelt hat.

Cendra hat im Monat 30 Euro, eine Handy-Flatrate und manchmal, wie Aylin, eine Shopping-Zulage. "Wenn wir zusammen Klamotten gucken", sagt Aylin, "und eine von uns sieht was und kann es sich nicht leisten, legen wir zusammen." Freundinnen machen so was, das sei doch klar.

Sie stehen vor dem Spiegel der Umkleide, ein Aufkleber mit der Aufschrift "Totally Sexy" klebt über ihrem Spiegelbild, Cendra zieht den Bauch ein und streckt die Brust hervor, Aylin macht einen Schmollmund und stemmt die Hand in die Hüfte wie ein Model bei der Laufstegdrehung. "Du siehst bombe aus", sagt Aylin zu Cendra. "Bombe", das sagen sie am liebsten.

"Ich würde nie mit Kik-Sachen rumlaufen", erzählt Cendra dann und zupft an ihrem engen Oberteil. Manchmal, so sagt sie, müsse sie mit ihrer Mama zum Textildiscounter gehen, weil die Mama nicht so viel Geld hat, "dann schäme ich mich, das ist doch peinlich". Aylin nickt: "Lieber würde ich zehn Tage das Gleiche anziehen, als mit Kik auf die Straße zu gehen."

Es ist nicht leicht, immer mitzuhalten. Der Mechanismus, durch den Jugendliche zum Außenseiter werden, funktioniert einfach und schnell: Wer kein Geld hat, kann keine angesagten Kleider kaufen, wer keine angesagten Kleider kaufen kann, wird als asozial bezeichnet. Und wer asozial ist, gilt als Freiwild in der Schule, wird gemobbt und verspottet. Der Druck ist enorm.

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© KulturSPIEGEL 4/2008
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