Schauspiel-Newcomer M'Barek Einmal Tunesier, immer Türke?

Immer nur ausländische Kleinkriminelle und Großstadt-Prolls mimen, das schien das Schicksal des tunesischstämmigen Schauspielers Elyas M'Barek zu sein. Bis die ARD-Sitcom "Türkisch für Anfänger" kam - und der Münchner Internatszögling endlich mit allen Klischees spielen konnte.

Von Peer Schader


Es kann ja auch Vorteile haben, wenn man sich bloß eine Goldkette umhängen, in eine Trainingshose schlüpfen und ein grimmiges Gesicht machen muss, um auszusehen wie der Alptraum aller Achtklässler auf dem Pausenhof. Oder der natürliche Feind jedes Verkehrsbetriebe-Nutzers, der nachts alleine von der S-Bahn nach Hause laufen muss. Vor allem als Schauspieler. Solche Charaktere werden immer gebraucht, allein schon, um in Film und Fernsehen zumindest einen Teil der deutschen Lebenswirklichkeit abzubilden.

Aber fragen Sie mal Elyas M’Barek, wie der das findet.

Nicht so toll nämlich. Denn seit der 26-Jährige vor acht Jahren seine erste Rolle bekam, spielt er: den Ausländer. Den kleinkriminellen Verbrecher, den schlecht deutsch sprechenden Proll, den illegal eingewanderten Türken, im "Tatort", "Großstadtrevier", "Kriminaldauerdienst" – Figuren, die Autoren gerne mit Darstellern besetzen, deren Nachnamen nicht Schmidt sondern zum Beispiel M'Barek lauten.

Komisch ist das trotzdem, vor allem, wenn man wie Elyas M’Barek in München geboren wurde, katholisch ist und zu Hause noch nie ein Wort arabisch gesprochen hat, trotz der tunesisch-österreichischen Herkunft seiner Eltern. "Das können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen", sagt er, "manchmal habe ich das Gefühl, erklären zu müssen: Keine Angst, ich tu' dir nichts, ich kann auch hochdeutsch, ich hab' sogar Abitur." Er sagt das nicht verbittert, sondern bloß ein bisschen verwundert: Wieso können die Leute nicht einfach begreifen, dass nicht jeder Münchner aussehen muss, als sei er frisch aus dem Bierzelt gefallen?

"Am Anfang bin ich gar nicht davon ausgegangen, dass ich irgendwann auch mal andere Rollen spielen kann", sagt M’Barek. Insofern war es schon mal ein Fortschritt, als er vor drei Jahren seine erste große Serienrolle angeboten bekam, in der ARD-Vorabendreihe "Türkisch für Anfänger", die inzwischen mit Preisen überhäuft wurde, weil sie sich so schön an deutsch-türkischen Klischees abarbeitet und dabei hervorragend unterhält, ziemlich nah dran am echten Leben, nur lustiger.

Auch in "Türkisch für Anfänger" spielt M’Barek zwar wieder den jugendlichen Proll, der keinen Bock auf Schule, umso mehr aber auf Mädchen hat und auf den ersten Blick ein bisschen einfältig wirkt – auf den zweiten allerdings ganz schön was in der Birne hat. Er kann das nur nicht immer zeigen, weil Schlausein mit 16 Jahren irgendwie uncool ist.

Cem Öztürk ist eine tolle Figur für M’Barek, weil es ihm überhaupt nicht schwer fällt, in der einen Sekunde der nervige Macho zu sein und in der nächsten plötzlich der gar nicht mehr so toughe Teenager, der auch nicht weiß, wie er diese dämliche Pubertät möglichst schnell rumkriegen soll. Er wirkt einfach: echt.

Trotzdem war die zweite Rollenschablone, die Elyas M‘Barek bisher abonniert hatte, der Schüler mit "Migrationshintergrund". Obwohl er das Wort nicht mag, weil das irgendwie nach Krankheit klinge, wie er mal in einem Interview gesagt hat. In diesem Jahr spielte er den türkischstämmigen Gymnasiasten Sinan im Kinofilm "Die Welle", auch wieder ein Checker, der sich mehr für seinen Sport und fürs Abhängen interessiert als für die Schulaufgaben, der aber, als die Situation um die "Welle"-Bewegung zu eskalieren droht, einer der ersten ist, dem auffällt, dass es so nicht weitergehen kann.

Rappen - wenn sonst nichts mehr geht

Dabei war eigentlich klar, dass M’Barek zu alt ist für die Teenager-Rolle – nach dem Casting, das er durch Zufall während seines Praktikums in der Münchner Produktionsfirma Ratpack mitgemacht hat, war das aber egal. "Wir nehmen dich", haben ihm die Produzenten gesagt, als der Praktikant gerade beim Abspülen war. Auch ein Weg, an neue Jobs zu kommen.

So langsam ändert sich das mit den Rollen. In der dritten und letzten "Türkisch für Anfänger"-Staffel, die diesen Mittwoch im Ersten startet, ist Cem raus aus der Schule, allerdings ohne Abschluss, und ohne Mumm, das dem Vater zu beichten. Und was macht man in solch einer verzwickten Situation am allerbesten? Genau: eine Karriere als Rapper planen.

Bei Elyas M’Barek war das nach der Schule anders. Schon vor dem Abi hatte er die Zusage für den Kinofilm "Mädchen Mädchen", aber als der 18-Jährige damals in der Premiere saß und merkte, dass die meisten seiner Szenen rausgeschnitten worden waren, gab’s gleich einen richtigen Dämpfer. "Das war die erste bittere Erfahrung im Filmgeschäft – aber irgendwie auch gut so, da hab ich gleich gemerkt, dass doch nicht alles so einfach funktioniert", sagt er. Was nach dem Abschluss kommt, war trotzdem klar: sich mit kleinen Rollen über Wasser halten, Filmproduktion studieren, aber erst mal BWL, um was Solides zu haben, auch den Eltern zuliebe.

Das hat nicht funktioniert. Als der frisch gebackene Student wegen des Drehs zum Graffiti-Film "Wholetrain" einen Monat zu spät an die Uni kam, war da alles ziemlich unübersichtlich. Und der Professor in der Vorlesung hat gleich auf den Frischling geschimpft, der seine Mütze nicht abnehmen wollte: "Das können Sie da machen, wo sie herkommen!"

Da, wo M‘Barek herkommt, ist Deutschland manchmal ganz schön gruselig. Da hilft es auch nichts, mal für ein paar Monate auf einem erzkatholischen Internat gewesen zu sein, so was sieht man einem ja nicht an. Dabei lässt M‘Barek die vielen kleinen Anfeindungen an sich abperlen, er zuckt bloß mit den Schultern: ist halt so, kann er auch nicht ändern. Jammern mag er deswegen nicht. "Wenn ich auf der Straße mal falsch parke, sagen die Leute zu mir eben nicht 'Idiot', sondern 'Scheiß-Türke'."

Vielleicht kann das Fernsehen bei der Normalisierung helfen: "Es gibt ja in Filmen und Serien inzwischen ganz selbstverständlich den Türken in der Klasse oder im Team, ohne dass das hinterfragt wird. Der ist einfach da. Das wird immer normaler. Und ich versuche auch, Rollen anzunehmen, in denen ich nicht immer nur Prolet oder der Verbrecher bin."

Als nächstes spielt er an der Seite von Annette Frier in einer neuen Serie für Sat.1 einen spießigen Schlüsseldienstbesitzer im grauen Kittel. "Das ist doch ein Riesenfortschritt", findet M‘Barek und grinst: "Vielleicht sehen das die Zuschauer und sagen: Ach, toll, deutsch kann er ja auch."


"Türkisch für Anfänger", 24 neue Folgen, ab 18. November dienstags bis freitags, 18.50 Uhr, ARD



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