Von Simon Broll
Die Aufregung hat sich gelegt. Fünf Monate nach dem Hauptgewinn für Alexander Sokurows "Faust" bei den Filmfestspielen in Venedig ist wieder etwas Ruhe in Johannes Zeilers Leben eingekehrt. Die Interviews, die der Hauptdarsteller im Trubel um den Goldenen Löwen und während der anschließenden Premierentour geben musste, sind vorbei - nun konzentriert er sich wieder auf seine Arbeit. Am Schauspielhaus in Wien laufen die Vorbereitungen zu Peter Lichts "Geizigem" auf Hochtouren; Regie führt Bastian Kraft. Erneut nimmt Zeiler, 41, an einer eigenwilligen Klassikeradaption teil.
Der große französische Komödienautor Molière schrieb im Jahre 1668 sein Stück "L'Avare" über einen gut betuchten Bürger, der durch seinen Geiz die gesamte Familie an den Rand des Wahnsinns treibt. Zeiler verkörpert diesen titelgebenden Knauserer Harpagon. Der kann zwar im Alter auf ein stattliches Vermögen blicken, seine beiden Kinder Cléante und Elise haben jedoch nichts davon. Der Vater rückt das Geld nicht heraus, er ist ein raffgieriger "Unsympi" und eine "Geldsau", wie die Kinder in der Neufassung verkünden.
Doch so negativ wie in Molières Original ist Harpagon bei Peter Licht nicht mehr. Der Musiker wählt in seinem "Familiengemälde" - so der Untertitel - einen anderen Ansatz und kehrt die Rollen kurzerhand um. Es sind nun die Kinder, die sich mit ihrer konsumorientierten Lebensweise ("Der Kreislauf muss in Bewegung bleiben") dem Spott preisgeben, während der Vater einen willkommenen Gegenentwurf darstellt. Harpagon mutiert in Lichts Version zu einem Asketen des Geldes, einem Antikapitalisten und Systemverweigerer. "Für ihn ist Geld nur als Zahl rein", erklärt Hauptdarsteller Zeiler. "Sobald man es in Umlauf bringt, verliert es seine Unschuld."
Der Reiz des Körperlichen
Der Bruch mit den klassischen Vorbildern scheint die Laufbahn des österreichischen Schauspielers zu begleiten. Auch Sokurows "Faust" hatte durch seinen bildstürmerischen Ansatz für Aufsehen gesorgt. Goethes Text galt hier weniger als das Maß aller Dinge, er wurde zur Ausgangsquelle, aus der der russische Regisseur einen sehr menschlichen Dottore entwickelte. Plötzlich stand nicht mehr die Suche nach dem Sinn des Lebens im Mittelpunkt - der Spruch "was die Welt im Innersten zusammenhält" fiel gar vollends aus dem Drehbuch. Stattdessen begab sich Faust eigenmächtig in die Hände des Wucherers, um endlich vom Elend loszukommen. Auch der Teufelspakt diente keiner höheren Erkenntnis, sondern nur noch dem rein fleischlichen Verlangen: Gretchen sollte dem Wissenschaftler verfallen.
Ein Mensch, der eigenhändig einen Leichnam seziert, um die Seele zu suchen - es war jene Körperlichkeit, die Zeiler für das Filmprojekt begeisterte. "In der deutschen Tradition stehen oft kopflastige Interpretationen", meint der Darsteller. "Da setze ich gerne dagegen, ob im Kino oder auf der Bühne."
Auch der Geizige verspricht, ein körperbetontes Stück zu werden. Dafür sorgt bereits das Bühnenbild von Peter Baur. Da sind die fünf Darsteller in einem rollbaren Zimmer zu sehen, dem die dritte Dimension fast völlig fehlt. Nur 70 Zentimeter reicht der szenische Raum in die Tiefe. Wenn Zeiler und seine Mitstreiter von einer Seite der Kammer zur anderen wollen, müssen sie sich mühsam aneinander vorbeischieben oder über Tische und Stühle klettern. Jeder bedrängt jeden. Nur während der Monologszenen kann der Protagonist für kurze Zeit ausbrechen und das Zimmer verlassen. Dann jedoch muss er in die Familienhölle zurückkehren.
Weißer Raum als Projektionsfläche
Auch die Farbwahl des Raumes ist eigenwillig: Tische, Stühle, Regale und das Sofa sind in monochromem Weiß gehalten. Für Regisseur Bastian Kraft ist diese Einfarbigkeit eine entscheidende Komponente: "Das ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, auf das man alles draufprojizieren kann." So wie ein Geldschein letzten Endes nichts anderes als ein Papierstück ist, auf dem eine Zahl steht, um ihm einen Wert zu verleihen. In gleicher Weise wird der Raum per Videoinstallation in verschiedene Farben gehüllt - ein Palimpsest der Gefühle.
Für Johannes Zeiler könnte der "Geizige" die letzte große Theaterrolle in diesem Jahr werden. Zurzeit laufen Verhandlungen für mehrere Filme - alles Angebote, "die einen deutlich größeren Charakter haben als zuvor". Der Schauspieler genießt seinen neu gewonnenen Ruhm. "Ganz werde ich die Bühne nicht verlassen", versichert er. Doch seine Engagements will er auf die Winterzeit reduzieren, wenn Filmproduktionen für gewöhnlich ruhen.
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