Schauspieler Matthias Fuchs Das letzte Interview vor seinem Tod

Am Neujahrstag ist der Hamburger Schauspieler Matthias Fuchs einem Krebsleiden erlegen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 62-Jährige kurz vor seinem Tod über die Höhepunkte seiner Karriere und darüber, wie die Krankheit sein Leben veränderte.


Charakterdarsteller Matthias Fuchs
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Charakterdarsteller Matthias Fuchs

SPIEGEL ONLINE:

Ihre Eltern waren beide Schauspieler. Kamen Sie so zur Bühne?

Matthias Fuchs: Meine Mutter hörte als Schauspielerin auf, weil sie zwei Kinder bekam. Sie arbeitete weiter im Büro des Theaters und als Dramaturgin. Zu ihren Aufgaben gehörte es, kleine Rollen zu besetzen. Einmal fehlte ein Kind, sie suchte vergeblich nach einem Ersatz, und um ihren Beruf zu behalten, schlug sie in ihrer Verzweiflung mich vor. Als Neunjähriger debütierte ich dann in Osbornes "Tod im Apfelbaum". Das war eine wunderbare Rolle für einen ganz jungen Schauspieler.

SPIEGEL ONLINE: Mit 15 Jahren wurden Sie durch ihre Rolle in der "Immenhof"-Reihe zum Teenie-Idol.

Fuchs: Mein kleiner Ruhm mit diversen "Bravo"-Titelbildern fußte auf der kleinen Charakterrolle des Vetter Ethelbert, die doch ziemlich weit entfernt vom typischen Fünziger-Jahre-Liebhaber entfernt war. Vom verwöhnten Großstadtlümmel wandelte ich mich zum kernigen Naturburschen. Natürlich war hier alles eine Spur zu sauber. So wurde beispielsweise nur bei Sonnenschein gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Danach spielten Sie vor allem am Theater. Erst Fassbinder entdeckte sie in den siebziger Jahren wieder für den Film. Haben Sie sich in seiner aus Schauspielern und Stabmitgliedern bestehenden "Familie" wohl gefühlt?

Fuchs: Ja, sehr. Fassbinder hatte einen Narren an Schauspielern gefressen, die in den fünfziger Jahren Stars waren und nun nur noch wenig Beschäftigung im Filmbereich fanden. Für ihn hatten sie mehr Berufsethos als die "jungen Wilden". Innerhalb seiner "Familie" behandelte Fassbinder die Männer meistens besser als die Frauen. An sich war er sehr human. Einige Leute, die von ihm abhängig waren, hat er allerdings sadistisch gequält. Fassbinder hatte noch viel vor mit mir. Leider verstarb er so früh. Für den nicht mehr realisierten Film "Kokain" war ich schon besetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Filme mit Fassbinder als Höhepunkt Ihrer Karriere an?

Fuchs: Nein, das war definitiv die Zusammenarbeit mit Oskar Werner 1970 bei seiner Salzburger Hamlet-Inszenierung. Bereits in meinen Bühnenanfängen 1962 in der Wiener Josefstadt schlich ich mich nach der Vorstellung oftmals ins nicht weit entfernte Burgtheater, um noch einen Akt mit ihm zu sehen. Damals war er zu Recht der Nonplusultra-Star. Wenn er sprach, erstarb jeder Laut im Zuschauerraum. Lange Zeit war ich von der fixen Idee beseelt, in seine Fußstapfen zu treten. Als ich ihn bei einer Nachfeier eines Stücks endlich kennen lernen durfte, habe ich mich natürlich gehütet, ihm das zu sagen, da er offene Bewunderung für seine Person ablehnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie war er als Mensch?

Fuchs: Er war in positiver Hinsicht verrückt und in seinem Streben nach Wahrhaftigkeit einmalig. Manchmal hielt er als Shakespearianer die Proben auf Englisch ab! Unsere Fechtszenen am Ende des Stücks hatten Open-End-Charakter. Wir kämpften mit Rapier und Degen, um es spannender zu gestalten. Ich wurde als begeisterter Hobby-Fechter in Salzburg gut ausgebildet, bekam sogar eine österreichische Weltmeisterin als Coach und konnte dem wild auf mich einhauenden Oskar Werner richtig professionell begegnen - was auch notwenig war, weil er immer gewinnen wollte. Dabei schreibt die Dramaturgie vor, dass beide am Ende sterben. Er war ein Genie, selbst seine gelegentlichen alkoholbedingten Ausflipper hatten großen theatralischen Wert.

SPIEGEL ONLINE: Hat für Sie der Schauspielerberuf durch das moderne Regietheater eine gewisse Entzauberung erfahren?

Fuchs: Ja. Die meisten heutigen Inszenierungen sind doch sehr vom Zufall bestimmt. Diesem Zufälligen hinterher zu arbeiten, bedeutet für mich eine große Anstrengung. Das ist jetzt nicht hochnäsig gemeint: Die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit fehlt häufig.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie nie gereizt, selbst einen Stoff zu entwickeln?

Fuchs: Ich habe mich immer gerne darauf beschränkt, was ich zu können hoffe: Theater zu spielen. Allerdings habe ich in Frankfurt am Main auch das "mitbestimmte Theater" kennen gelernt, wo alle etwas sagen durften, auch die Beleuchter und Kulissenschieber. Diese Form der Zusammenarbeit und menschlichen Umgangs habe ich noch nicht aufgegeben. Ich schaue mir immer das Ganze an, überlasse es aber dem Regisseur, was er letztlich macht. Dazu muss ich allerdings erst einmal Vertrauen zu jemanden entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen haftet auch im vorgerückten Alter etwas vom ewigen Jüngling an. Ist es hilfreich für Sie, sich eine gewisse kindliche Naivität zu bewahren?

Fuchs: Ja, das ist ganz wichtig, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Ich gehe immer vom Nullpunkt aus und unterwerfe mich stets der Dramaturgie und Emotion eine Stücks. Wenn ich mir einen Film oder ein Theaterstück ansehe, bin ich in erster Linie Zuschauer, nicht kritisierender Kollege. Das Auswendiglernen von Texten fiel mir übrigens immer schwer. Man muss auch ein bisschen genügsam sein und warten können, bis die Kreativität einsetzt. Irgendwann geht dann was los, das sich schwer mit Worten beschreiben lässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich immer wieder intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinander gesetzt, zuletzt als perverser Lagerkommandant in Konrad Halvers Hörspiel "Zeit der Unübertrefflichkeit" oder in Horst Königsteins TV-Film "Jud Süß - Ein Film als Verbrechen".

Fuchs: Ich bin Anfang des Zweiten Weltkriegs geboren und fand, dass in der Wirtschaftswunder-Zeit die meisten Älteren das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gerne verdrängten. Den Regisseur Veit Harlan habe ich übrigens noch kennen gelernt. Harlan war ungeheuer gebildet, konnte ganze Goethe-Passagen aus dem Kopf zitieren. Er war von seiner Filmarbeit besessen und sagte immer zu mir: "Sie müssen wissen, ich bin unschuldig." Er war meiner Ansicht nach nicht allein für den schrecklichen Propaganda-Film "Jud Süß" verantwortlich, trug aber eine große Mitschuld.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehrere Krankenhaus-Aufenthalte hinter sich, sind danach aber immer wieder vor die Kamera und auf die Bühne zurückgekehrt. Inwiefern hat die Lungenkrebs-Erkrankung ihr Leben verändert?

Fuchs: Mit meiner Lebenszeit gehe ich inzwischen schon etwas sparsamer um. Wissen Sie, das jahrelange Kettenrauchen war sicherlich nicht förderlich für meine Konstitution. Jetzt versuche ich gesünder zu leben - und es geht mir momentan etwas besser. Es war ein längerer Prozess, doch inzwischen sehe ich dem Tod gelassener entgegen. Weiterzuarbeiten war immer ganz wichtig für mich. Jetzt will ich mir nur das aussuchen, was mich wirklich reizt. Wenn ich merke, dass Inspiration und Herzblut schon im Keim fehlen, lasse ich lieber die Finger davon.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nächste Projekte?

Fuchs: Nein, noch nicht. Ich bin vorsichtig geworden. Jetzt warte ich.

Das Interview führte Marc Hairapetian



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