Protest in Istanbul: "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand"

Türkischer Widerstand: Eine Schauspielerin hat genug Fotos
Getty Images

Frauen mit und ohne Kopftuch, alt und jung - der Protest auf dem Taksim-Platz ist eine "Bewegung aller Schichten", sagt die Schauspielerin Nursel Köse. Im Interview spricht sie über die Wut auf Erdogan und erklärt, wie alltägliche Freiheiten beschnitten werden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Köse, Istanbul galt lange als eine der lebendigsten und jüngsten Städte der Welt. Sind die Partybezirke rund um den Taksim-Platz durch die restriktive Politik Erdogans langweiliger geworden? Sie wohnen ja direkt um die Ecke.

Köse: Ja, es hat sich einiges verändert. Viele Cafés und Restaurants dürfen draußen keine Tische und Stühle mehr aufstellen. Zigaretten und Alkohol wurden verteuert, und man darf auch nicht mehr überall rauchen und trinken. Veranstaltungen, die von einem Bierhersteller gesponsert werden, dürfen nur noch Über-24-Jährige besuchen. Große Musikfestivals wie das "One Love Festival" verlieren deshalb ihre Sponsoren - und die Ticketpreise werden für junge Leute unbezahlbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Leben der jungen Leute noch verändert?

Köse: Seit einem Jahr gibt es Umbauten um Taksim herum und dadurch große Einschränkungen im öffentlichen Verkehr, auf die sie angewiesen sind, um in die Innenstadt zu kommen. Sie verlieren mehr und mehr ihre sozialen Anlaufstellen.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird der Konflikt unter religiösen Vorzeichen gedeutet. Doch unter den Protestierenden sind auch Frauen mit Kopftuch. Geht es um mehr, als nur um den Lagerkampf laizistisch gegen religiös?

Köse: Natürlich. Sie schreien zusammen nach Freiheit, Mitbestimmung, Menschenrechten. Ob mit oder ohne Kopftuch, Alte und Junge, Reiche und Arme gehen gemeinsam Hand in Hand für die gleichen Ziele auf die Straße. Deshalb schlagen Millionen Menschen seit drei Wochen jeden Abend um 21 Uhr zu Hause und auf der Straße auf Kochtöpfe und singen gemeinsam. Das ist eine einmalige Bewegung durch alle Schichten hindurch.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt es gerade jetzt zu den starken Protesten?

Köse: Beliebte Treffpunkte junger Menschen wurden geräumt und blockiert. Es werden immer mehr Einkaufszentren und Wolkenkratzer an solchen Plätzen geplant und gebaut. Sowieso sind nur knapp zwei Prozent der Fläche Istanbuls begrünt, wo soll sich die Jugend also noch treffen? Viele kleine Theater sind geschlossen oder werden privatisiert, Kunstobjekte wurden demontiert - nur weil es Herr Erdogan so wollte. Das freigegebene Budget für Kunst liegt mittlerweile bei rund 0,3 Prozent des Staatshaushaltes.

SPIEGEL ONLINE: Vor zwei Tagen demonstrierten aber auch Hunderttausende für Erdogan. Sie loben vor allem die gute wirtschaftliche Entwicklung der Türkei.

Köse: Auf der anderen Seite steigt die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen, es gibt noch keine flächendeckende Absicherung für Millionen in Armut lebender Menschen. Eine gute wirtschaftliche Entwicklung muss auch mit einer guten sozialen und rechtlichen Entwicklung einhergehen. Doch seit zehn Jahren nehmen Morde an Frauen zu. Gewalt gegenüber Frauen ist alltäglich und Polygamie salonfähig.

SPIEGEL ONLINE: Wollen die türkischen Medien eher ein konservatives Programm? Fernsehproduktionen sind ja oft von staatsnahen Sendern finanziert.

Köse: Die Sender, die ihre Meinung frei äußern, werden oft aus banalen Gründen zu hohen Geldzahlungen durch die Aufsichtsbehörde Rütük verurteilt. Die Programminhalte wurden ihnen mehr und mehr aufgezwungen. Ratings wurden nachweislich manipuliert, um gerade staatskritische Sender und Produktionen in die Knie zu zwingen. Dadurch gibt es natürlich eine Veränderung in den Programmen. Viele Sender zensieren sich mittlerweile schon selbst.

SPIEGEL ONLINE: Es finden nun auch erste große Streiks statt - trotz des Vorgehens der Polizei und des Drucks der Erdogan-Regierung. Wird der Protest sich also noch ausweiten?

Köse: Bisher haben die jungen Menschen ihre Proteste selbst organisiert, ihren Müll beseitigt, Straßen gefegt, nicht randaliert und keine Schäden von sich aus verursacht. Das hat sie ja auch sympathisch für die Öffentlichkeit gemacht - und es ist einer der Gründe, weshalb sich jetzt so große Teile der Bevölkerung mit ihnen verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Und wird sich auch die Meinung der Regierenden wandeln?

Köse: Bisher bleiben Regierung und Gouverneure unnachgiebig und stur. Erdogan hat die Demonstranten als Capulcu, als Marodeure, bezeichnet. Von Anfang an forderten die Menschen, dass er diese Äußerungen zurücknimmt und den Gezi-Park freigibt. Seit 17 Tagen ist nichts dergleichen geschehen, im Gegenteil, es gibt immer mehr Polizeigewalt, um die Proteste zu stoppen. Aber sie rufen "Her yer Taksim, her yer direnis" - Überall ist Taksim, überall ist Widerstand. Vielleicht wird sich die Form der Proteste verändern, aber es wird weitergehen.

Das Interview führte Marcel Malachowski

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insgesamt 98 Beiträge
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1. Diktator
objektive_betrachtung 18.06.2013
Ich wusste gar nicht, dass man einen "Diktator" abwählen kann
2. Wie jetzt ?
Der Heuchler 18.06.2013
In Deutschland darf man uebrigens auch nicht ueberall rauchen oder Alkohol konsumieren, in Koeln gibt es an Haltestellen Alkoholverbot und auch Bayern erwaegt ein Alkoholverbot ab 22 Uhr. Die Tuerkei ist nun mal ein mehrheitlich von Muslimen bewohntes Land, aber sie wird niemals zu einem Iran werden. In Deutschland haengen Kreuze an den Waenden der Gerichte, es gibt Restriktionen fuer Veranstalter von Partys und Musikevents an Feiertagen. Waere die Tuerkei auf einem islamistischen Weg wuerde es diese Sachen auch in der Tuerkei geben und der Freitag wuerde wie unser Sonntag behandelt werden. Es gibt sogar in Deutschland Schulen, die Taufurkunden fuer die Einschulung voraussetzen. Bitte helft mir zu verstehen, wieso die Tuerkei zu einem islamistischen Gottesstaat wird.
3. Müllbeseitigung
Sandra A. 18.06.2013
Zitat von sysopKöse: Bisher haben die jungen Menschen ihre Proteste selber organisiert, ihren Müll beseitigt, Straßen gefegt, nicht randaliert und keine Schäden von sich aus verursacht. Das hat sie ja auch symphatisch für die Öffentlichkeit gemacht - und es ist einer der Gründe, weshalb sich jetzt so große Teile der Bevölkerung mit ihnen verbinden. Schauspielerin Nursel Köse beteiligt an Protesten auf Taksim-Platz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/schauspielerin-nursel-koese-beteiligt-an-protesten-auf-taksim-platz-a-906390.html)
Das ist mir auf einigen Videos, die den Weg ins Internet schafften, auch sofort ins Auge gestochen. Da kann sich hier in diesem Land nicht nur manch Demonstrant eine Scheibe von abschneiden. Hier bleibt nicht selten der ganze Müll zurück und man geht sehr selbstverständlich davon aus, dass das andere schon weg räumen, bzw. weg zu räumen hätten.
4. Fehlendes Gewissen
xehris 18.06.2013
Zitat von sysopEs ist sogar davon die Rede seinen Geisteszustand zu hinterfragen.
Klar, so ein Verhalten ist alles andere als normal. Man muss davon ausgehen, dass er an einer massiven Persönlichkeitsstörung leidet, möglicherweise sogar Psychopathie. Ansonsten sind seine Arroganz, sein Machtwahn, sein fehlendes Gewissen und sein Kampf gegen das eigene Volk nicht erklärbar.
5. doch
Sabi 18.06.2013
[ Die Tuerkei ist nun mal ein mehrheitlich von Muslimen bewohntes Land, aber sie wird niemals zu einem Iran werden. Heute ist die Türkei mehr wie Iran als vor 10 Jahren. Schauen Sie nur auf die Straßenszenen : Kopftücher als neue Flagge der Islamisten. Und immer mehr Einschränkungen mit islamischer Tendenz: Alkohol, Trennung zwischen Mann u. Frau, Bevormundungen jeglicher Art. Wenn's so weiter geht, wird die Türkei dem Iran immer ähnlicher. Zeit aufzuwachen und Errungenschaften Atatürks verteidigen !
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Zur Person
Nursel Köse wurde 1970 in der Türkei geboren. Ihre schauspielerische Karriere begann sie in Deutschland. Sie war in wichtigen Filmen wie "Yasemin" (1988), "Anam" (1992) oder Fatih Akins "Auf der anderen Seite" (2007) zu sehen. In den letzten Jahren hat Köse, die auch als Schriftstellerin und Architektin arbeitet, viel für das türkische Kino und Fernsehen gearbeitet. Zur Zeit plant sie eine Drehreise durch Afghanistan für ihren Film "Toz" (Staub) und ihre erste große Produktion "Karinca" (Die Ameisenfrau).

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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