Schauspielhaus Stuttgart Die Lügen der frühen Jahre

Stephan Kimmig inszeniert in Stuttgart Martin Walsers "Ehen in Philippsburg". Und er macht daraus eine harmlose Nummernrevue mit unsinnig zahllosen Tanzeinlagen und Körperverknotungen.

Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser
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Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser

Von Bernd Noack


Philippsburg war Stuttgart. Als der junge Martin Walser, aus einfachen Verhältnissen stammend, in den frühen Fünfzigerjahren vom Bodensee in die Landeshauptstadt kam, traf er auf ein Milieu und auf Menschen, die ihm fremd waren.

Über seine journalistische Tätigkeit lernte der Sohn einer Gastwirtsfamilie die Nutznießer des beginnenden Wirtschaftswunders kennen: Industrielle, Intendanten, Politiker, denen das neue Leben nach dem Krieg wie ein Glücksgriff erschien, die sich absonderten von der desillusionierten und noch am Existenzminimum herumkrebsenden Masse und ihre eigenen Gesellschaftsgesetze längst festgeschrieben hatten und auch bereits lustvoll übertraten.

Der staunende Walser bastelte sich aus denen, die ihm schrill, verlogen, besitzergreifend und hinterhältig, ja armselig erschienen, wütend seine Figuren für den ersten Roman "Ehen in Philippsburg"; kein Schlüsselroman (und doch ließen sich der eine und die andere entlarven), aber ein Buch, das - auch autobiografisch - die banal-brutale deutsche Wirklichkeit spiegelte. Fast ein wenig pädagogisch hoffte der Autor, dass seine "Erfindungen den oder jenen wie eigene Erfahrungen anmuten."

Grauhaarige im Parkett

Stuttgart ist nicht Philippsburg. Im Parkett des Stuttgarter Schauspiels saßen jetzt viele Grauhaarige, die in der Zeit, in der Walser seinen Roman schrieb, so alt waren wie die Personen des Buches. Wie sie wurden, was sie heute sind, konnten sie sich noch einmal vorne auf der Bühne ansehen: aber wurden da aus den Erfindungen Erinnerungen an die Erfahrungen der frühen deutschen Nachkriegsjahre? Hätten sie sich empören sollen über die entblößend überzeichneten Charaktere, die sich dem Kapitalismus ergeben und die Moral untergraben, die sich ganz oben fühlen und die da unten ignorieren, die über Leichen gehen, wenn es der einmal eingeschlagene Weg erfordert? Vor allem: über das Verschweigen und Vergessen der Jahre des Krieges und der Diktatur?

Denn wenn die Menschen in Walsers Roman, den Florian Illies mal "das beste Buch der jungen Bundesrepublik" nannte, über etwas nicht reden (und sie reden viel), dann über die unmittelbare Vergangenheit, über Schuld und die Verstrickung. Gerade wegen dieses Verstummens aber war und ist der Text brisant, das Nichtgesagte dröhnt zwischen den Zeilen, ist explosiv hinter der Fassade des Smalltalks.

Für den aber hat sich nun Stephan Kimmig leider entschieden in seiner Bearbeitung fürs Theater. Und er macht daraus eine harmlose Nummernrevue mit unsinnig zahllosen Tanzeinlagen und Körperverknotungen. In seinen besten Momenten, also in denen, die frei sind von theatralen Mätzchen, ist der Abend eine bitterböse szenische Lesung der immer noch beschämend aktuellen Walserschen Zustandsbeschreibung einer trudelnden Welt im freien Fall. Die Schauspieler sprechen die Sätze dann frontal in den Saal hinein und diese Entblößung der wahren Wesen mit ihren falschen Wahrheiten gerät zur veritablen Publikumsbeschimpfung.

Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser
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Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser

Katja Haß hat einen drehbaren Würfel gebaut, geraffte Stores variieren die Räume und Orte, alle im blass verhuschten Ton der Nierentischära: dezente Geschmacksverirrung und unbeholfene Protzigkeit. Hier spielt sich Kimmigs Wohlstandswunder-Potpourri ab, während Schlagermusik dudelt und die Figuren auf- und abtauchen, als hätte sie Marthaler gerade mal nicht gebraucht. Immer wieder erstarren sie zu Tableaux vivants, festgehalten für die Ewigkeit, wie in kunststoffbeschichteten Alben mit Fotoecken und Raschelpapier.

So viel (zu viel) Klischee muss sein in diesen sich dehnenden dreieinhalb Stunden, in denen Leben und Karrieren durchgehechelt werden und die sich nicht zu etwas Ganzem fügen. Biografien werden abgehakt, ihre Beziehungen zueinander, ihre Verstrickungen bleiben angedeutet und sind hier längst nicht so spannend und entlarvend zu erleben wie in der kunstvollen Konstruktion Walsers.

Mit rotem Koffer aufs Laufband

Im Mittelpunkt steht Hans Beumann (Matti Krause), der hoffnungsvolle Journalist, der in Philippsburg noch mit hehren Idealen und ohne irgendeine Perspektive strandet. Kimmig gibt ihm einen roten Koffer in die Hand und schickt ihn auf ein Laufband, auf dem er sich fortan abstrampeln muss. Aha: ein Mann will nach oben! Plump sinnfälliger hätte man das nicht zeigen können. Wenn Krause (mit einem ehrlichen Misstrauen und immer irgendwie auch vor sich selber auf Flucht) das Fitnessgerät verlässt, ist er verlobt mit Anne (Sandra Gerling), der Tochter eines schnellreichen Industriellen, der Hans neben dem späten Mädchen vor allem eine berufliche Chance anbietet.

Ehen werden in Philippsburg nach dem Mehrwertprinzip geschlossen, hier fragt man nicht nach Glück, sondern nach Gewinn. So sind auch die anderen Herr- und Damenschaften nur miteinander verbunden, weil es sich lohnt, nicht weil man sich liebt. Und der Betrug des jeweiligen Partners gehört zum schlechten Ton, den die niederen Triebe angeben.

Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser
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Ehen in Philippsburgnach dem Roman von Martin Walser

Wenn man sich an diese etwas kabarettistische Leichtigkeit gewöhnt hat, mit der Kimmig das obskure Verhalten geschlechtsreifer Villenbewohner szenisch karikiert, ist das mitunter ganz amüsant; im zweiten Teil des Abends aber zerbröselt dem Regisseur die Geschichte dann doch vollends, die Zeit und der Stoff laufen ihm davon. Er muss ja noch so viel unterbringen! Die erschütternde Beschreibung einer illegalen Abtreibung, die er zynisch korrespondieren lässt mit den Outfit-Nöten eines angehenden Filmstars; zwei Selbstmorde und ein tödlicher Unfall müssen noch gezeigt und begründet werden - Kimmig beschränkt sich auf Stichworte, bilderlahme Monologe, verliert den Faden, verwirrt mit aus dem Zusammenhang gepflückten Bekenntnissen und Rechtfertigungen. Und sehr plötzlich ist dann auch Hans Beumann angekommen, mitten in der Gesellschaft, in die er nie wollte und deren Regeln er nun selber mitschreibt und missachtet.

Ein perfide stilles und gleichzeitig entsetzlich schäbiges Ende zumindest ist Kimmig dann noch geglückt. Hans nimmt seine verletzte, willenlose Anne bei der Hand und sagt ein knappes, emotionsloses "Ja". Es ist ein Ja mit allen Konsequenzen. Ein Ja zur Ehe und zu ihrer Übertretung, zu einem System, das Menschen aussondert und vernichtet, und schließlich ist es auch ein Bekenntnis zu der Weigerung, aus der Vergangenheit zu lernen - ein Ja zum deutschen Verschweigen und Verstummen.


"Ehen in Philippsburg". Schauspiel Stuttgart, nächste Vorstellungen 17., 25., 30.3., 8., 11., 28.4., 6. und 29.5.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
murksdoc 12.03.2017
1. Zwei Möglichkeiten
Schauen Sie sich Stuttgart, Philippsburg oder irgendetwas anderes heute an. Entweder das wurde alles in den 60ern komplett in die Luft gesprengt und die Gesellschaft komplett neu gebootet, oder aber die heutige Zeit baut darauf auf und lebt von deren Erfahrungen. Schauen Sie sich alte Bilder von sich selber an und fragen Sie sich, ob Sie damas richtig toll waren. Bestimmt nicht so toll wie heute und doch sind sie ein und dieselbe Person.
micheleyquem 12.03.2017
2.
Immer wieder interessant zu lernen, dass solche Probleme in anderen Ländern ja gar nicht existieren.
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