"Schaut auf diese Stadt" DDR-Dokumentarfilmer Gass gestorben

Er war einer der wichtigsten Propagandisten der DDR und drehte mit "Schaut auf diese Stadt" einen legendären Dokumentarfilm über den Bau der Berliner Mauer: Jetzt ist Karl Gass, einer der bedeutendsten und umstrittensten Ost-Filmemacher, im Alter von 91 Jahren verstorben.


Potsdam/Kleinmachnow - Karl Gass starb am Donnerstag in seinem Wohnort Kleinmachnow bei Berlin im Alter von 91 Jahren, teilte die Familie am Freitag mit. Sein Lebenswerk umfasst rund 120 Arbeiten. Gass war Mitte der fünfziger Jahre Mitbegründer der Internationalen Leipziger Dokumentarfilmwoche. Er wurde am 2. Februar 1917 in Mannheim geboren und siedelte 1948 von Köln nach Ost-Berlin über.

Dokumentarfilmer Gass (2002):
DDP

Dokumentarfilmer Gass (2002):

Gass begann seine journalistische Arbeit nach Kriegsende beim Kölner Rundfunk. Als er wegen seiner KPD-Mitgliedschaft Schwierigkeiten bekam, entschied er sich, wie sein Kollege Karl-Eduard von Schnitzler, für Ost-Berlin, weil dort nach seiner Meinung das "bessere Deutschland" aufgebaut wurde. Kritikern im Westen galt Gass gleich hinter Schnitzler als "Chefpropagandist" des Kommunismus. Maßgeblich für dieses Urteil war vor allem sein Mauerfilm "Schaut auf diese Stadt" (1962) über die Notwendigkeit des "anti-faschistischen Schutzwalls".

Die Anfang der sechziger Jahre begonnenen Arbeiteralltagsporträts vor Ort, darunter die mehrteilige Serie "Asse", gehören zu seinen bedeutendsten Werken . Die wirklichkeitsgetreue Beschreibung des Arbeiterlebens auf der Großbaustelle Schwedt in "Feierabend" wurde 1964 vom Britischen Filminstitut als "weltbester Dokumentarfilm" geehrt.

Für die "Entdeckung neuer Wesenszüge der Arbeiterklasse" offiziell zwar hoch dekoriert, geriet Gass dennoch hinter den Kulissen in die Kritik von SED-Dogmatikern, denen die ungeschminkten Reden der Arbeiter in Gass' Filmen missfielen. Dem ständigen Hickhack versuchte er sich mit der Hinwendung zu geschichtlichen Themen zu entziehen. "Ich war kein Feind der DDR. Ich war ihr Kritiker", sagte er nach der Wende.

"Das Jahr 1945" (1985) über die letzten 128 Tage des Zweiten Weltkriegs sahen schon im ersten Jahr nach der Premiere über zwei Millionen Zuschauer. Sein letzter Film "Nationalität: deutsch" wurde wenige Monate nach dem Mauerfall uraufgeführt. Erzählt wird darin über das Leben eines Dorfschullehrers, der zwischen Weimarer Republik und DDR in drei gesellschaftlichen Systemen unbeschadet sein Fähnlein nach dem Wind hängte.

Nach der Wiedervereinigung und der Abwicklung der Defa-Filmstudios im Osten verlegte sich Gass aufs Schreiben. Sein Lieblingsthema hieß Preußen. Seinen Nachlass verwaltet das Filmmuseum Potsdam, wo am 21. Februar auch die Gedenkveranstaltung stattfindet.

Matthias Benirschke, dpa



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