Schillers "Räuber" in München Winzlinge im großen Räderwerk

Mit Ulrich Rasche als Regisseur wird aus Schillers "Räubern" am Münchner Residenztheater ein finsteres Spektakel. Mit Sprechchören, monumentalen Bildern und toller Musik ist es erschöpfend und überwältigend zugleich.

DPA

Wie riesige Förderbänder in einem Bergwerk sehen die beiden monströsen Maschinen aus, die fleißige Theateringenieure auf die Bühne des Münchner Residenztheaters gebaut haben. Nur sind es keine Kohlebrocken, die hier transportiert werden, sondern kriegerische Menschen.

Sie tragen schwarze Kampfoveralls auf dem Leib, hellbraune Korsagenbänder und Patronengurte um die Hüften. Sie stampfen mit düsteren Mienen mal aufwärts und mal abwärts auf den hydraulisch bewegten Menschenfließbändern, am Rücken mit Seilen festgezurrt wie Galeerensklaven. Und sie brüllen im Chor Losungen wie "Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist" und "Tod oder Freiheit."

Der Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche zeigt im Residenzheater ein Spektakel, das ein bisschen so wirkt, als wolle es mit den Höllenrutschen, Achterbahnen und Gruselkabinetten des Münchner Oktoberfests konkurrieren. Es ist eine Art archaische, ans Theater der alten Griechen anknüpfende Jahrmarktsensation, die man in Rasches Aufführung bestaunen kann.

In einem bis auf die schwarzen Brandmauern ausgeräumten Bühnenhaus beklagt und beschreit ein Chor aus wild entschlossenen Männern und Frauen ein meist fürs Publikum höchst unterhaltsames Urthema des Theaters: die Apokalypse. Den Riss durchs Universum, den Untergang einer Zivilisation, in der die "Gesetze der Welt Würfelspiel geworden" sind, wie es in Friedrich Schillers Stück "Die Räuber" heißt.

Franz von einer Frau gespielt

Der Witz und die Unverschämtheit dieses Theaterabends ist es, dass im Residenztheater ein Klassiker des deutschen Sturm und Drang gespielt wird und kein griechisches Antikendrama. Vom Zwist der beiden umstürzlerischen Brüder Karl und Franz Moor, von denen der eine sich zum Boss einer Räuberbande aufschwingt, nachdem ihn der andere beim gräflichen Vater übel verleumdet hat, erzählt schon auch die Münchner Inszenierung zunächst ganz brav.

Allerdings ist Franz Moor, die Kanaille, in dieser Version eine Frau. Die Schauspielerin Valery Tscheplanowa wirft ihre blonden Haarsträhnen ins Genick, als sie dem alten Grafen Moor, gespielt vom auf langen Tatterbeinen schwankenden Götz Schulte, ihre Lügen vorträgt. Ihr Bruder Karl, gespielt von Franz Pätzold, stolziert als schwärmerischer Recke in weißem Pluderhemd und schwarzem Frack umher, reckt die Schwurhand in den Himmel, wenn er sich mit seinen Spießgesellen zum revolutionären Kampf verschwört.

Geigenschmelz und Rockbassläufe

"Quasi aus der Vogelperspektive" erzählt der Regisseur das Stück. Nur geschieht das alles auf den erst gemächlich, dann schneller rotierenden Fließbändern der monumentalen Bühnenmaschine, die sich der Regisseur Rasche bauen ließ. Schillers Helden sind hier schon optisch zu Spielfiguren in einer großen Maschinerie degradiert.

Für die Schauspieler ist das nicht unbedingt eine Einladung zu exakter oder gar psychologischer Detailarbeit. Und doch schaut man ihnen die allermeiste Zeit mit großer Faszination zu, während sie in Zweier- oder Dreiergruppen voranschreiten und sich schließlich zu zwei gegeneinander marschierenden, Parolen skandierenden Kampftruppen formieren.

Vielleicht der größte Trumpf der Münchner "Räuber"-Aufführung ist die Musik des Komponisten Ari Benjamin Meyers, die vollkommen gleichberechtigt mit dem gesprochenen und im Chor gebellten Wort ist. Zwei Streicherinnen, ein Perkussionist und ein Bassist spielen live am Rand der Bühne eine wunderbar elegische Mixtur aus Geigenschmelz und Rockbassläufen. Gegen Ende der beiden Aufführungshälften aber entfesseln die Musiker gemeinsam mit zwei Sängern dann jeweils infernalischen Krawall.

"Nur der Chor ist wahr"

Regisseur Rasche hat sich in den vergangenen Jahren mit ähnlichen Musik- und Maschinentheater-Projekten einigen Ruhm erspielt. Unter anderem nahm er sich dafür in Frankfurt Georg Büchners "Dantons Tods" als Stoff vor und in Stuttgart Oscar Wildes "Salome". Rasche arbeitet in der Tradition des großen, 2001 gestorbenen Chor-Regisseurs Einar Schleef, der gern einen Satz zitierte, der Franz Kafka zugeschrieben wird: "Nur der Chor ist wahr, das Individuum lügt."

Schleef hat sich vor zwei Jahrzehnten viel Zustimmung und heftige Kritik für sein Überwältigungstheater eingehandelt, das manche Zuschauer als totalitär empfanden und manche Schauspielkünstler als Entmündigung - eben weil in Schleefs Aufführungen der Rhythmus und der sogenannte Sprachkörper wichtiger waren als alle Darstellungsfinessen. Der Chor, so lautete einer von Schleefs umstrittenen Glaubenssätzen, sei ein "Ort, in dem sich das Individuum von seinen Schmerzen lösen könnte".

Ein Winzling im Räderwerk

Ulrich Rasche ist Schleefs Bekehrungsfuror eher fremd. Er möchte, sagt er im Programmheft, Schillers Stück "quasi aus der Vogelperspektive zeigen und von einer "Rudel- und Haufenbildung" erzählen, vom "Zustand der Euphorie, in der sich eine Gruppe kraftvoller und selbstbestimmter junger Männer erfährt".

Für Rasche geht es in den "Räubern" um die Entstehung einer radikalen Bewegung, "die jeder politischen Grundlage entbehrt". Insofern ist es vollkommen logisch, dass er Schillers Figuren auch Sätze aus dem Manifest "Der kommende Aufstand" aufsagen lässt, in dem vor ein paar Jahren eine Gruppe von mutmaßlich französischen Intellektuellen zu einem Aufruhr ohne klares Ziel aufrief.

Der Mensch in der Revolte ist bei Rasche ein Winzling im großen Fließband- und Räderwerk der Zeit. Vermutlich braucht es gar nicht die Behauptung einer irgendwie gearteten politischen Aktualität, um anzuerkennen, dass die Münchner "Räuber" als Gesamtkunstwerk aus Bild, Musik und Wort ein großer Wurf sind und ein Ereignis der neuen Theatersaison. Natürlich ist man als Zuschauer nach fast vier Stunden kolossal erschöpft. Aber: "Das Recht wohnt beim Überwältiger", sagt bei Schiller der Schurke Franz. An diesem Theaterabend gilt es für den Regisseur.


Die Räuber. Münchner Residenztheater. Nächste Vorstellungen am 25.9. sowie 2., 3., 23. und 24.10., Tel. 089/21 85 19 40, www.residenztheater.de

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.