Schillertage in Mannheim Was passiert mit unseren politischen Göttern?

Bei den Internationalen Schillertagen stehen in diesem Jahr die großen Geschichtsdramen des Dichtermeisters im Zentrum. Der Regisseur Georg Schmiedleitner zum Beispiel erkennt im "Don Carlos" die Jugend von heute - in Afrika und anderswo.

Hans Jörg Michel

Ein Mann im Zentrum der Macht. Eine schöne Frau an seiner Seite, deren Motive undurchsichtig sind. Ein Volk, das Freiheit will. Ein privater Konflikt, der den mächtigen Mann und seine Politik ins Wanken bringt - wer will, kann in Friedrich Schillers Drama "Don Carlos", geschrieben unter anderem in Mannheim vor gut 230 Jahren, angesiedelt in Spanien vor gut 450 Jahren, ein hochaktuelles Stück entdecken.

Und es wollen viele. In Dresden inszenierte Roger Vontobel das Drama mit Burghart Klaußner und Christian Friedel, den Stars aus dem Film "Das weiße Band"; in Hamburg sehr erfolgreich Jette Steckel mit dem bei ihr fast zu Eis erstarrten Publikumsliebling Hans Kremer als Philipp II. sowie Mirco Kreibich und Jens Harzer als Freundespaar Don Carlos und Marquis Posa, die auftraten, als seien sie tatsächlich aus diesem Jahrhundert.

Der Fall der Götter in Afrika und beim IWF

Jetzt ist Mannheim dran. Am Nationaltheater, zur Eröffnung der 16. Internationalen Schillertage am 2. Juni, inszeniert Georg Schmiedleitner "Don Karlos" (wie Schiller sein Stück auch buchstabierte). Auch den österreichischen Regisseur interessiert das Drama aus aktuellem Anlass, "dem Fall der politischen und wirtschaftlichen Götter" in Afrika, Europa und beim IWF.

Dass es dem alten König am Schluss von "Don Carlos" dank eines gnadenlosen Großinquisitors gelingt, die alte Ordnung wiederherzustellen, sei nur ein Theatertrick, meint Schmiedleitner: "Es muss schlecht ausgehen, damit der kathartische Effekt einsetzt." Die wesentliche Aussage sei doch, dass Don Carlos' Freund Marquis Posa "den Keim des Neuen gesetzt hat", sagt der Regisseur, "das Monument stürzt jeden Moment".

Schillers zweiter Kunstgriff war, die Handlung in die Vergangenheit zu versetzen - so dass die revolutionären Zukunftsvisionen des Marquis Posa immer direkt in der Gegenwart des Zuschauers ankommen. Das funktioniert auch heute noch. Für Schmiedleitner, 54, ist der Marquis Posa ein "unkonventioneller Typ aus der Internet-Generation", zusammen mit seinem Freund Don Carlos durchaus exemplarisch für die heutige Jugend: "Hohe Begeisterungsfähigkeit, hohes Energiepotential, aber sie durchschauen und hinterfragen nicht, wer ein Spiel mit ihnen spielt."

Duell zwischen Dresden und Mannheim

Schmiedleitners Inszenierung muss sich bei den Internationalen Schillertagen, die in diesem Jahr unter dem Motto "Macht Geschichte!" stehen, dem direkten Vergleich mit dem hochgelobten "Don Carlos" aus Dresden stellen, der als Gastspiel eingeladen ist. Schmiedleitner scheut den Vergleich nicht. Nach allem, was er gehört habe, habe die Dresdner Inszenierung eher "Cinemascope-Format", bei ihm sei dagegen fast nichts auf der Bühne, nur die Atmosphäre müsse stimmen: "Eine Luft zum Schneiden" will er erzeugen.

Klingt nach einem spannenden Duell zwischen Dresden und Mannheim. Vielleicht sind am Ende aber die Frauen die Siegerinnen der Geschichte: Aus Frankfurt am Main ist "Maria Stuart" zu den Internationalen Schillertagen eingeladen, inszeniert von Michael Thalheimer, mit einer sehr starken Stephanie Eidt als Königin Elisabeth und einer ihr ebenbürtigen Valery Tscheplanowa in der Titelrolle.


Internationale Schillertage. Mannheim. Nationaltheater u.a., 2. bis 10.6.

Premiere "Don Karlos" am 2.6. um 19 Uhr im Schauspielhaus, weitere Aufführung am 6.6. um 19.30 Uhr; "Don Carlos" (Inszenierung aus Dresden) am 5.6. um 19 Uhr im Opernhaus.
Kartentelefon 0621/168 01 50.



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