Schirrmacher zum Strauß-Essay Wir können uns nicht vergleichen

"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher antwortet auf einen SPIEGEL-Essay von Botho Strauß. Darin hatte der Schriftsteller diagnostiziert, dass die bei uns beheimatete muslimische Welt eine "Vorbereitungsgesellschaft" sei, die uns herausfordert, unsere Werte und Integrationsmaßnahmen zu überprüfen.


SPIEGEL ONLINE veröffentlicht diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"). Das Original erschien in der heutigen Ausgabe der "FAZ".

In den Straßenkämpfen des Berlin der zwanziger Jahre wurde beobachtet, wie man eine moralische Position aufbaut. Die "Pfui-Rufe" der Massen setzten immer dann ein, wenn die neutrale staatliche Autorität auf dem Schlachtfeld erschien und auf die Durchsetzung der Gesetze beharrte. Die moralische Empörung war mehr wert als das Freund-Feind-Denken. Sie erst zerstörte die Gesetze. So haben die Demonstranten in der arabischen Welt ihre traurige Moral requiriert: Sie zerstören, verbrennen und ermorden, weil sie "Pfui" rufen. Der Westen hat Verständnis. Doch wer je nur eine Haßpredigt gelesen hat, weiß, daß es um viel mehr geht.

"FAZ"-Herausgeber Schirrmacher
DPA

"FAZ"-Herausgeber Schirrmacher

Unser Problem ist, daß den Islamisten die pure Existenz einer westlichen Kultur als Beleidigung gilt. Die arabisch-europäische Liga gemäßigter Muslime sagt das nicht geradeheraus, obwohl sie, unter großer Anteilnahme, gerade einen Holocaust-Karikaturenwettbewerb veranstaltet. Aber sie nennt eine Vision: "Wir erklären, daß wir den Gebrauch der arabischen Sprache zwischen unseren Völkern als lingua franca in ganz Europa befördern und wiederherstellen werden. Wir erklären, daß wir strukturelle Bindungen zwischen der arabischen Diaspora in Europa herstellen werden, um eine einzige Gemeinschaft in ganz Europa herzustellen. Und wir werden die Bindungen zwischen unserer Diaspora und der Arabischen Nation stärken." Die Frage ist, was eine Gesellschaft dem entgegenzusetzen hat, die allen Ernstes darüber diskutiert, ob ihre eigene Sprache auf Schulhöfen gesprochen werden soll.

Die demographische Dynamik der Islamisierung hat zunächst nichts mit Werten zu tun. Sie geschieht. Sie betrifft unsere Gesellschaft im nächsten Jahrzehnt, ganz gleich, wie friedfertig sich die hier lebenden Muslime zeigen. Gerade dann nämlich benötigen sie unseren Schutz vor äußerer Einflußnahme, einen Schutz, auf den wir heute noch überhaupt nicht vorbereitet sind. Der Schriftsteller Botho Strauß hat im aktuellen "Spiegel" einen entscheidenden Gedanken formuliert: "Wie oft beschrieben", so Strauß, "bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft . . . Liberale Systeme mit ihrem Integrationsangebot, ihren Assimilierungsforderungen werden immer mit der innerislamischen Integration konkurrieren. Mit anderen Worten, die angebliche Parallelgesellschaft ist eigentlich eine Vorbereitungsgesellschaft. Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleichgültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis."

Ehe man diese Sätze zur Karikatur macht, ehe sofort die Witterung nach Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungskomplexen aufgenommen wird und das Wort "Stammtisch" fällt, sollte man festhalten, daß Strauß' Wort von der "Vorbereitung" nicht die Planung von Attentaten meint, sondern den Umschlagspunkt des Bevölkerungsaufbaus, den eine Reihe von europäischen Staaten in den nächsten Jahren erleben wird. Wer ist Mehrheit, und wer ist Minderheit? Diese Frage, die Politiker aus naheliegenden Gründen nicht öffentlich zu stellen wagen, hat der Bevölkerungsforscher Herwig Birg längst beantwortet. Dabei geht es nicht um die Veränderungen der Mehrheitsverhältnisse in der Gesellschaft insgesamt, sondern um eine demographische Revolution von unten. Wie die unsere Debatten bestimmt, ließ sich in den letzten fünfzehn Jahren studieren: Erst debattierte die Gesellschaft den Familiennachzug, dann die Probleme bei der Integration in den Kindergärten, es folgte eine Auseinandersetzung um die Probleme in Grundschulen, dann - mittlerweile war die Großelterngeneration in den Herkunftsländern hoch betagt - eine Debatte um das Staatsbürgerrecht mit besonderem Hinweis auf die Erbschaftsproblematik. Wir sind jetzt, Stand 2006, bei den Hauptschulen und den fünfzehnjährigen Schülern angelangt, die im Pausenhof Deutsch sprechen sollen - jeder, der die Augen nicht verschließt, weiß, daß die nächste Phase der Debatte bevorsteht: der Augenblick, wo diese Generationen die Schulen verlassen und, da schlecht von uns ausgebildet, mit einem abweisenden Arbeitsmarkt konfrontiert werden. Dieser Augenblick ist schätzungweise noch maximal fünf Jahre entfernt.

Aber es geht nicht nur um ein Integrationsproblem einer vorwiegend muslimischen Mehrheit. Es geht mittlerweile um ein Desintegrationproblem der nicht zugewanderten jungen Minderheit. "Es ist nicht übertrieben", so Birg mit Blick auf die Jahre 2010 bis 2015, "daß die nicht zugewanderte, inländische Bevölkerung bei den unter Vierzigjährigen vielerorts zu einer Minderheit unter anderen Minderheiten wird." "Vorbereitungsgesellschaft" heißt zunächst nichts anderes, als daß sich in der für die Familienbildung und die gesellschaftliche Dynamik entscheidenden Gruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen ein Austausch vollzieht. Dieser Austausch, der in vielen Metropolen von uns verantwortungslos schlecht ausgebildete Zuwanderer zu Mehrheiten macht, wird einen weiteren gesellschaftlichen und sozialen Druck auf die heute zehnjährigen Kinder ausüben. Die Familie, die in Not und Bedrängnis zusammenhält, werden sie innerhalb der Metropolen dann mehrheitlich als muslimisch geprägte Familien wahrnehmen.

Das ist ein fundamentaler Umformungsprozeß, der uns beruhigter sein lassen könnte, wenn wir nicht schon heute wüßten, daß eine wachsende Zahl dieser Zuwanderer oder ihrer Nachkommen in den letzten Jahren mehr von der sozialen Integrationskraft des Islam profitiert als von der Integrationskraft unserer Gesellschaft. Zur gleichen Zeit nämlich wird der explosive Jugendanteil in den despotisch regierten arabischen Ländern sich ein weiteres Mal erheblich verstärkt haben. Man kann sich angesichts der demographischen "Vorbereitung" jeder Wertung enthalten und mit Botho Strauß nur diese eine Minimal-Frage im Interesse unserer dann erwachsenen Kinder stellen: "Man wüßte nur gern, ob sich die anderen in ihrer Mehrheit dann ebenso empfindlich bei der Abwägung zwischen Toleranz und Dummheit verhielten."

Das Problem ist, daß der Westen - nicht nur die Islamisten - solche selbstverständlichen Fragen in Begriffe wie "Ehre" oder "Beleidigung" faßt - als hätten zwölf Karikaturisten aus Dänemark im Auftrag ihrer Gesellschaft gehandelt. Es gibt niemanden im Westen, einschließlich der Muslime in Deutschland, der glaubt, die Unruhen in den muslimischen Ländern seien spontane Massenproteste. Man kennt die dänische Vorgeschichte. Man weiß mittlerweile, daß der Zorn nicht über Internet und SMS geschürt wurde - also nicht im Sinne einer elektronischen Lawine sich unendlich vergrößerte. Man weiß vielmehr, daß es sich, wie die "New York Times" recherchierte, um ein zusammengeschustertes, mit drei Fälschungen gespicktes dreiundvierzigseitiges Dossier in zwei Pappdeckeln handelte, das den arabischen Innenministern bei einer Rundreise der dänischen Muslime ausgehändigt wurde.

"Wir beschlossen", so der achtundzwanzigjährige Sprecher der dänischen Aktivisten, Ahmed Akkari, "um gehört zu werden, mußte es von einflußreichen Persönlichkeiten innerhalb der muslimischen Welt ausgehen." Diesen Satz muß man sich merken. In diesem Augenblick - und das erst ist das schlechthin Neue der Lage - haben sich die Mehrheitsverhältnisse in Dänemark und bald auch in Europa für einige historische Tage grundsätzlich verändert. 17 000 Unterschriften haben die dänischen Muslime in Dänemark gesammelt. Jetzt hatten sie plötzlich potentiell die Mehrheit der arabischen Welt hinter sich.

Es war der Moment, als in sämtlichen deutschen Talkshows der Korrespondent von Al-Dschazira herumgereicht wurde, der im Tonfall kosmopolitischer Abgeklärtheit erklärte, beide Seiten wären verrückt: die, die sich bei den Karikaturen auf Pressefreiheit berufen, und diejenigen, die in den arabischen Ländern Botschaften anzünden. Diese fatale Symmetrie prägt seither den Diskurs auch aufgeklärter Muslime. Günter Grass, in einem erstaunlichen Interview in "El País", redete sogar von dem Kampf zweier "Unkulturen" und dekretierte das Ende der Pressefreiheit: "Die Presse selbst ist Teil enormer Unternehmensgruppen, welche die öffentliche Meinung monopolisieren. Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen." Das war, wohlgemerkt, ein Gespräch mit einem der größten Zeitungshäuser Spaniens, das von einem der größten Zeitungshäuser Europas nachgedruckt wurde.

Wir sollten, im steten Versuch, ein gutes Gewissen zu haben, nicht versuchen, uns in die Wut der anderen hineinzuversetzen. David Brooks hat gezeigt, wohin das führt, als er in der "New York Times" die antisemitischen Holocaust-Karikaturen ansah, die die "arabisch europäische Liga gemäßigter Muslime" im Internet veröffentlicht: "Ihr wolltet, daß wir wissen, wie ihr euch fühlt. Ihr in der arabisch-europäischen Liga veröffentlicht eine sodomistische Karikatur von Hitler im Bett mit Anne Frank, so daß wir im Westen verstehen, warum ihr euch von den dänischen Cartoons so getroffen fühlt (. . .) Nun, ich habe diese Karikaturen gesehen (. . .) Aber ich weiß immer noch nicht, wie ihr euch fühlt. Ich möchte immer noch keine Botschaften niederbrennen oder Menschen enthaupten (...) Ich kann eure Wut noch immer nicht nachempfinden."



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