100 Jahre Verdun Scheuklappen für die Kriegstreiber

Verdun, die längste Schlacht der Welt, begann vor 100 Jahren. 300.000 Soldaten starben damals in 300 Tagen. Dabei war klar, dass dieses Inferno keinen Sieger haben konnte. Was haben wir gelernt?

Texte und Filme von Alexander Kluge


Das Projekt Verdun 1916, die längste Schlacht der Welt, ist (wie der Untergang der "Titanic" 1912 und der Kriegsausbruch von 1914) ein starkes Beispiel für eine Navigation, der man nicht vertrauen soll. Glücklich, wer nicht dabei war.

"Schlafwandler", Fanatiker, Eisenfresser und Systematiker - alles, was die Verlässlichkeit stört, ist in diesem Drama zu finden. Die großartigen Pläne, mit denen die Offensive bei Verdun beginnt, sind nach zwei Wochen schon das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Und doch hat keiner den Mut aufzuhören. Für beide Seiten, die deutsche und die französische, gilt: Niemand schert sich um die Opfer.

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Die deutsche Offensive beginnt aus Gründen des Wetters um eine Woche verspätet. Nach drei weiteren Wochen steht fest, dass die Schlacht nicht zu gewinnen ist. Dennoch zieht sie sich zäh über insgesamt 300 Tage und Nächte hin.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wird in der Memoiren-Literatur der damals führenden Generäle versucht, dem aussichtslosen Kampf einen Sinn zu geben: "Die Blutpumpe von Verdun". Die deutsche Armee will den Franzosen so viel Verluste zufügen, dass das Land die Waffen streckt. Die neueste Forschung geht dahin, dass dies Ausreden waren.

Wer heute in Bezug auf die Ostukraine, in Bezug auf Syrien oder die Spratley-Inseln von Krieg spricht, hat die Erfahrungen von Verdun nicht verstanden.

Alexander Kluge


Angriff an der stärksten Stelle

Im Kriegsjahr 1915 hatte sich gezeigt, dass weder die Mittelmächte (Deutsches Reich und k.u.k.-Monarchie) noch die Entente (England, Frankreich, Russland) einen Sieg erringen konnten. Vernünftige Menschen hätten spätestens Weihnachten 1915 den Krieg beendet. Stattdessen planten beide Seiten gigantische, zusammengefasste neue Initiativen für das Jahr 1916.

Die deutsche Führung verfolgte den ungewöhnlichen Gedanken, die französische Front an deren stärkster Stelle anzugreifen. Die Festung Verdun besaß einen hohen Symbolwert. In dieser Stadt hatten sich die Enkel Karls des Großen durch den Vertrag von Verdun einst auf eine Zerteilung des Reichs geeinigt, aus dem später das rivalisierende Frankreich und das Deutsche Reich hervorgingen.

Die neueste Forschung besagt, dass eine Einnahme von Verdun und ein Durchbruch durch die französische Front, hätte man am geplanten Angriffsdatum in der zweiten Februarwoche festgehalten, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Der Angriff wurde verschoben, weil das Wetter auf den geplanten Artillerie-Einsatz nicht passte.

Im Film: Vorsicht beim Betreten des Kampfgeländes

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Die Sprengtunnel von Vauquois
Unter dem Dorf Vauquois, das es nach der Schlacht nicht mehr gab und das bis heute nicht wieder errichtet wurde, haben deutsche und französische Pioniere, ausgesuchte Bergleute, in das Hügelgelände von beiden Seiten Stollen getrieben, die bis in eine Tiefe von 60 Metern reichen und, wie man nach dem Kriege gemessen hat, vereint eine Strecke von 17 Kilometern ausmachen.

Die Sprengungen begannen mit 50 kg Dynamit. Jetzt, am 14. Mai 1916, besaß eine deutsche Ladung die Zerstörungskraft von 60.000 kg Sprengstoff. Damit sprengten die deutschen Bergleute einen etwas höher gelegenen Tunnel der französischen Bergleute, die andernfalls den deutschen Tunnel gesprengt hätten.

Im Film: Zigarren-Willi an der Lunte
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Der Aberglaube der Militärs an den industrialisierten Krieg

Der Gott, dem das Projekt Verdun gewidmet ist, heißt Artillerie: Fernkampf. Nicht die Soldaten sollten auf den Feind treffen, sondern primär die Geschosse sollten den Gegner, dessen Unterstände und Bunker, zerschmettern.

Tatsächlich ist der Materialkrieg - so verheerend und mächtig er ist - ein blinder Glaube militärischer Experten. Das gilt für die Artillerie von Verdun wie für die Bombenangriffe heute in Syrien. Sie leisten Vernichtungsarbeit, aber sie führen zu keiner Entscheidung.

Weil für den Artillerieeinsatz das Wetter am ursprünglichen Angriffstermin nicht günstig war, wurde der Angriff verschoben. Dann wurde, um den Beschuss noch einige Stunden zu verlängern, am tatsächlichen Angriffstag der richtige Moment versäumt, an dem die Infanterie, weil der Gegner erschüttert war, erfolgreich hätte stürmen können.

So hat der Glaube an die Wunderwaffe den Anfang der Schlacht verspielt. Derselbe Glaube war der Grund, warum die verlorene Schlacht für so viele Monate nicht beendet wurde.

Im Film: Der Offizier als Philosoph

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Die Anti-Scheuklappe für Artilleristen

Ein Ingenieur der Firma Zeiss-Jena entwickelte in einem der Labore (während des Artilleriefernkampfs vor Verdun) Kaleidoskope für Artillerieoffiziere. Vor die Optiken der Scherenfernrohre konnte ein Vorsatzgerät geschraubt werden. Die Anordnung der Geräte sah dann immer noch so aus, als blicke der Offizier zum Feind hinüber, als starre er auf das Gewirr der Einschläge (an anderen Tagen auch nur in den Nebel), und dennoch konnte sich das Auge "friedensmäßig" erholen, an geometrischen Figuren erfreuen, die beim leisesten Antippen des Geräts, oft schon bei nahen Einschlägen von Geschossen, die den Boden erschütterten, durcheinanderkippten, stets zu neuen Figuren und nicht zu jenem Blickfang, den das Schlachtfeld bot.

Die abstrakte Bilderwelt, bestehend aus Bewegtbild, ähnelte der Wüstenkriegslandschaft, der Artilleriewüste, in nichts.

Der Erfinder rechtfertigte seine Vorrichtung damit, dass die Artilleristen - alles Mathematiker - mit einer solchen Unterbrechung ihres Tages länger Dienst tun könnten.

Im Film: Der Anti-Scheuklappen-Artillerist

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