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Der 24/7-Kapitalismus: Das Ende des Schlafes

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Corbis

Internetnutzer: Wird uns mit dem Schlaf auch unsere Freiheit geraubt?

Ist Facebook Folter und Google eine Art Guantanamo? In seinem Buch "24/7" rechnet Jonathan Crary mit unserer durchökonomisierten Daueralarm-Gesellschaft ab - die uns sogar den Schlaf raubt.

Ach, wären wir doch so frei wie die Vögel. Dann würden wir Komsumterror und medialer Rundumbeschallung in die Lüfte entfliehen und dorthin flattern, wo es gerade warm ist, um uns die Sonne aufs gefiederte Bäuchlein scheinen zu lassen. Vielleicht würden wir auch ein Nickerchen machen, einfach nur so.

Würden wir? Nein, nicht einmal den Vögeln lässt der Autor Jonathan Crary ihre Freiheit. Mit seinem Buch "24/7 - Schlaflos im Spätkapitalismus" hat der New Yorker Professor für Kunst und Theorie gerade eine düstere Zeitdiagnose über das Verschwinden von Schlaf und Müßiggang vorgelegt, in der nicht mal die Zugvögel von den aktuellen zeitökonomischen Optimierungsbemühungen ausgenommen sind.

Konkret geht es um die Dachsammer, ein Sperlingsvogel, der im Herbst von Alaska nach Mexiko zieht - und der nun ins Visier des Pentagon geraten ist. Denn der Piepmatz besitzt eine besondere Fähigkeit: Er kann bei seinen Wanderungen von Nord nach Süd ganze sieben Tage wachbleiben. Deshalb erforschen die Verteidigungsexperten sein Gehirn und schauen, ob Rückschlüsse auf das Steuerungsorgan des Menschen zu ziehen sind.

Kampfschrift für den Schlaf

In der Analyse des marxistisch geschulten Kunsttheoretikers Crary wirken vor allem zwei Organisationen auf das Ende des Schlafes hin, zumindest so wie wir ihn bis jetzt kennen: das Militär und die Wirtschaft. Das Militär will leistungsstärkere Kämpfer entwickeln, die Wirtschaft kauffreudigere Konsumenten. Entsprechend formuliert Crary in Bezug aufs Kaufgebot der westlichen Warenwelt: "Schlaf ist die kompromisslose Unterbrechung der uns vom Kapitalismus geraubten Zeit."

Die These klingt in ihrer Einfachheit geradezu rührend, doch Crary entwickelt auf den gut hundert Seiten seiner, sagen wir ruhig: Kampfschrift für den Schlaf eine spannende Argumentation, wie inzwischen sämtliche Bereiche des Lebens monetarisiert werden. Oder wie er es nennt: "Die unerbittliche Finanzialisierung vormals selbstständiger Bereiche sozialer Interaktion schreitet ungehindert voran."

Im Blick hat er dabei natürlich die neuen Medien, die wiederum unser Sehen im Blick haben. Die Vorarbeit für Facebook, Google und Co. lieferte Crarys Ansicht nach das Fernsehen, mit dem das "Verhältnis von Ausgesetztsein und Geborgenheit, Aktivität und Passivität, Schlafen und Wachen, Öffentlichkeit und Privatheit" ins Wanken gebracht worden sei. Beim Fernsehen ging es zum ersten Mal um die, wie es im Buch heißt, eyeball control, also die massenhafte Lenkung des Blicks, durch die der Zuschauer in seinem Wahrnehmungs- und Konsumverhalten gesteuert werden kann.

Immer wach, immer überwacht

Diese Augapfelkontrolle sei inzwischen total. Die von Google-Chef Eric Schmidt Ende der Neunzigerjahre geprägte Idee der Aufmerksamkeitsökonomie werde laut Crary dazu genutzt, die Herrschaft über die "Reste des Alltags" zu gewinnen. Die These ist nicht neu, aber wie sie der Autor einsetzt, um die Dystopie einer immer wachen, also auch immer überwachbaren Gesellschaft zu zeichnen, das hat es schon in sich.

So wie Schlafentzug ja ganz konkret als Verhör- und Foltermethode eingesetzt wird - die Erkenntnisse über Guantanamo und Abu Ghuraib belegen das -, kann der von Crary beschworene Angriff auf die letzten Ruhezonen des Menschen zu einer Art institutionalisiertem Terror gedeutet werden. Google als Guantanamo des sich selbst optimierenden Internetnutzers, so wie ihn zum Beispiel gerade der deutsche Soziologe Heinz Bude in seinem Buch "Gesellschaft der Angst" beschrieben hat?

Eine gewagte Gleichung - die für Crary aufgeht: "Die Externalisierung des Individuums zur unablässig überprüften und regulierten Instanz steht in einem effizienten Zusammenhang mit der Organisation von Staatsterror und dem militärpolizeilichen Paradigma allseitiger Dominanz."

So plakativ Crarys Feindbilder erscheinen mögen, so feinsinnig dringt er in das Wesen des Schlafes und die Folgen seiner möglichen Abschaffung vor. Im Verweis auf den sowjetischen Regisseur Andrej Tarkowsky ("Solaris") zeichnet er nach, wie zentral die menschliche Fähigkeit ist, sich im Schlaf Dämonen und Gespenstern zu stellen. Im Verweis auf den Surrealisten André Breton und dessen Buch "Les vases communicants" zeigt er, wie viel kreative Kraft in der Kollision von Wirklichkeit und Traum liegt: Ohne Schlaf keine Schöpfung.

Das Schlummern ist ja - trotz aller Bemühungen einer neuen "Bioderegulierung" - nicht nur notwendig zur Regenerierung von Körper und Geist. Es ist auch Mittel einer Bewusstwerdung. Sich hinzulegen und die Augen zu schließen, bedeutet laut Crary, sich vertrauensvoll und ungeschützt zu exponieren; es stelle eine der wenigen Erfahrungen dar, "in der wir uns der Fürsorge anderer überlassen".

Kurz: Schlaf ist eine zutiefst demokratische Erfahrung, in der wir trotz rigoroser Passivität unserem Glauben an irgendeine Art von Gemeinschaft Ausdruck verleihen. Noch kürzer: Schlaf ist und bleibt die beste Waffe gegen den Daueralarmismus einer 24/7-Gesellschaft. Brüder, zur Sonne, ins Bettchen!

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Richtig
stahlfahrer 08.10.2014
Glotze ausmachen. Sich besinnen, und dabei dann einschlafen und ausgeruht aufwachen...kann man aber leider nicht verkaufen, sonst gäbe es dafür sicher schon einen Weltmarktführer! Wir sollten mehr über die freien Dinge nachdenken, diese sinnvoll nutzen und uns kicht wegnehmen lassen! Schlaf, Wasser, Luft und vielleicht auch die Liebe gehören sicherlich dazu...;-)
2. weichgespült
henr1 08.10.2014
das klingt ja irgendwie niedlich und doch irgendwie schrecklich weltfern. habe ich denn nur noch im Schlaf die Chance auf Privatheit? was ist mit dem "Privatleben"? ist in dem Buch schon kein Thema mehr? google und co ist ja kein Privat-Vergnügen mehr, die Firmen stellen die Mails auf Cloud und "Any device, anytime and anywhere" um und keiner akzeptiert mehr Arbeitzeiten. "flexibilität" heisst dann, dass ich nicht 8h am Schreibtisch sitzen muss, dafür kann ich und die Kollegen am Abendbrottisch, auf Wanderung, am Strand, im Park Mails lesen und loslassen. Abwesenheitsmeldungen schaffen höchstens einen Zeitpuffer, der Absender weiss ja doch, dass ich es bekommen habe ... und niemand schreibt für eine beantwortete oder auch nur weitergeleitete Mail Überstunden. Ist es denn schon amtlich, dass für Büromenschen 120% das neue Normal ist?! und wenn man wirklich Gut abschneiden möchte 150%?? Wir reden hier nicht von Konsumterror, sondern von einer anderen Art Sklaverei für Computerarbeitskräfte - meilenweit entfernt von gewerkschaftlichem Kampf um 35h-Woche etc. Das empfinde ich als viel existenzieller als eine Eye-Ball-Controll, die ich nötigenfalls noch aus meinem Wohnzimmer stöpseln kann.
3. Der Krug
fürkül 08.10.2014
Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Wer weiß, wielange dieser kapitalistische Traum überhaupt noch andauert. Hinter solchen Absichten, den Mensch noch mehr auszunutzen, steckt ja indirekt der "Traum", dass der Mensch dumm ist und alles mit sich machen läßt. Der Einzelne wird aber immer schlauer - die Tricks und Absichten unserer Eliten werden ihm immer offensichtlicher - da wäre es kein Wunder, wenn die jungen Leute unsere "Eliten" bald mal davon jagen würden.
4. Ständige Erreichbarkeit selbst gewollt
Diskutierender 08.10.2014
Gehen Sie einfach durch die Strassen oder halten sich in einer Runde von Menschen auf. Wie häufig ziehen Menschen ihr Handy, um wieder einmal zu schauen, ob ein Anruf oder eine SMS eingeht. Wie oft ist man in einem tiefergehenden Gespräch, und der Gesprächspartner nimmt einen Anruf an und lässt Sie rüde stehen lässt. Wenn Sie den Gesprächspartner dann darauf hinweisen, dass so etwas extrem unhöflich ist, werden Sie häufig noch pampig abgekanzelt. Meines Erachtens ist die Ständige Erreichbarkeit von den Menschen selbst gewollt. Ich sehe keine bösen Chefs, die Erreichbarkeit am Abend oder am Wochenende einfordern (gut, Einzelfälle wird es geben), aber in den meisten Fällen sehe ich eher, wie süchtig die Menschen nach ihrem Kommunikationsdildo sind. Teilweise wird das Handy schon nicht mehr aus der Hand gelegt. Daher sollte sich bei Klagen über die ständige Erreichbarkeit erst einmal jeder selbst an die eigene Nase packen.
5. Die Welt ist eitel
palart 08.10.2014
Guter Bericht, der mich zum Schmunzeln bringt. Mit 62 hab ich gelernt, dass ein einfaches Leben genügt, um glücklich zu sein. Die Jugend wird natürlich heute geradezu bombardiert mit bunter, marktschreierischer Werbung und meint, jeden Hype mitmachen zu müssen, "in" zu sein, noch dies und jenes kaufen zu sollen und trotzdem bleibt vielen das Gefühl, wie ein Hamster im Laufrad praktisch im Dauerstress an Ort zu treten. Dabei geht ganz vergessen, dass alle nur mit Wasser kochen und die Welt einfach oft eitel ist.
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