Morddrohung nach AfD-Satire "Angst ist das Lieblingsgefühl des Internets"

Der Comedian Schlecky Silberstein drehte ein Satirevideo über die Ereignisse in Chemnitz. Als ein AfD-Abgeordneter seine Adresse veröffentlicht, folgt eine Morddrohung. Wir haben mit Silberstein gesprochen.

SPIEGEL ONLINE

Ein Interview von , Charlotte Schönberger und Leonie Voss (Video)


Was ist passiert? Der Blogger und Comedian Schlecky Silberstein dreht für das junge Angebot von ARD und ZDF "Funk" für das Format "Bohemian Browser Ballett" ein Satirevideo über die Ereignisse in Chemnitz. Reporter, Rechtsextreme, AfD-Sympathisanten und linke Party-Demonstranten werden darin parodiert. Mehrere AfD-Politiker entrüsten sich über das Video. Der Abgeordnete Frank-Christian Hansel taucht mit einem Kameramann vor der Haustür von Silbersteins Firmenpartner auf und filmt das Klingelschild. Das Video mit den Adressdetails wird von der AfD Berlin auf Facebook geteilt, daraufhin geht per Mail eine antisemitische Morddrohung bei der Firma von Silberstein ein. Der Comedian macht die Vorgänge in einem Blogeintrag öffentlich. In einer Pressemitteilung bestärkt die AfD heute ihren Umgang mit Silberstein. Dort heißt es unter anderem, seine "peinliche Opferhaltung" sei eine Schutzbehauptung. " Die AfD soll mit allen erdenklichen Methoden mundtot gemacht werden."

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt man sich, wenn ein AfD-Abgeordneter mit dem Kamerateam vor der Tür steht?

Schlecky Silberstein: Da sackt einem schon das Herz ab. Es ging dabei ja nicht darum, bei uns nachzufragen, was wir so machen. Der Abgeordnete hätte ja Gelegenheit dazu gehabt. Man wollte damit vielmehr demonstrieren, dass man jetzt einen Schritt weitergeht.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen das Angst?

Silberstein: Ich habe grundsätzlich erst mal keine Angst, aber eine große Portion Sorge. Denn ich weiß nicht, was etwa in den geschlossenen WhatsApp-Gruppen diskutiert wird, über die sich die rechte Szene vernetzt. Einschüchterung funktioniert so ziemlich gut.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Ereignis etwas an Ihrem Umgang mit der Partei verändert?

Silberstein: Ja. Ich habe bisher nicht zu den größten AfD-Kritikern gehört. Es hat mich gestört, wenn man besorgte Bürgern pauschal als "Nazis" bezeichnet. Aber wenn jemand bewusst in die Privatsphäre eines Künstlers eindringt, um ihn einzuschüchtern, dann hat das für mich eine starke faschistische Tendenz. Ich wollte zeigen, dass man nicht noch weitergehen kann. Das Problem sind ja nicht die Nazis, das Problem sind die vielen Menschen, die ihren Mund halten. Das sind die, die ihre Ruhe haben wollen und keinen Ärger. Deswegen habe ich mich entschlossen, die Sache in einem Blogeintrag öffentlich zu machen. Ich wollte signalisieren: Es bringt nichts, den Schwanz einzuziehen, auch wenn es stressig wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie treten in der Öffentlichkeit auf, Ihre Videos sind populär: Haben Sie damit gerechnet, dass so etwas passieren kann?

Silberstein: Ich rechne sogar damit, dass noch viel mehr passieren kann. Es gibt einen klaren Trend zur Autokratie nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das hat den einen einfachen Grund, dass Autokratien heute auch Social-Media-Phänomene sind. Denn die Programmatik rechter Parteien baut auf Angst auf, und Angst ist das Lieblingsgefühl des Internets. Dort wird sich immer das durchsetzen, was besonders viel Angst schürt.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Ereignisse in Chemnitz und Köthen die Kommunikation im Internet verändert?

Silberstein: Ja. Die Stimmung ist aggressiver geworden. Viele Menschen bewegen sich nur noch in ihren Filterblasen. Ich hatte schon vor einigen Monaten den Eindruck, aus meiner eigenen nicht mehr herauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die Gesellschaft damit umgehen?

Silberstein: Nur mit Aufklärung. Links und rechts sollten nicht nur verstehen, dass die eigene Wut durch soziale Medien getriggert wird. Sondern auch, wie Filterblasen funktionieren. Dass in den sozialen Medien keiner ein Interesse daran hat, eine Mitte zu schaffen. Das würde differenzierte Betrachtungen und wenig klickbare Äußerungen bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Sie sich unabhängig davon positionieren wollen, wird das doch durch diesen Blogeintrag schwer - er trägt die Übeschrift "Ein Hauch von '33".

Silberstein: Beim "Bohemian Browser Ballett" haben wir eine eiserne Regel: Wir teilen in alle Richtungen aus, uns soll keiner nachsagen können, wir hätten eine einseitige politische Agenda. Der AfD unterstelle ich jetzt, dass sie eher Lust auf Autokratie hat. Da gibt es klare Vorbilder in der Türkei und den USA. Jeder, der den Staat umbauen und die Institutionen schwächen will, ist mein Gegner. Ich positioniere mich immer in die Richtung, in der Menschen Interesse an der Demokratie haben.

SPIEGEL ONLINE: Auf Twitter haben Sie über die Demonstrationen in Chemnitz geschrieben: "Uns fehlen nur noch 1000 Tweets zum Thema, dann hört die Fremdenfeindlichkeit in Chemnitz auf." Was hat Sie gestört?

Silberstein: Ich habe mich über den Trend, laut gegen rechts zu sein, geärgert. Für mich war das zu großen Teilen eine Selbstvergewisserung. Es ging darum, zu zeigen: Ich habe ein reines Herz. Aber das ist das Einfachste, was man machen kann. Es bedeutet keinen Aufwand. Deswegen echauffiere ich mich über Menschen, die bloß laut sein wollen. Laut sein kann jeder, aber das reicht nicht. Veränderung funktioniert nur über eine Wahl, keine Demo.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem "Bohemian Browser Ballett" und über Ihre Blogeinträge versuchen Sie, Kritik über Satire zu formulieren. Funktioniert das?

Silberstein: Ja. Ich glaube daran, dass man Menschen mit Satire einholen kann. Außerdem richte ich mich nicht an AfD-Wähler oder -Sympathisanten, sondern an Protestwähler und Wechselwähler, aus der Generation meiner Eltern zum Beispiel. Und es geht um die, die gar nicht wählen gehen. Die müssen wissen: Wenn ich nichts mache oder mich wegducke, mache ich mich mitschuldig. Diese Menschen sind viel gefährlicher als die AfD.

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