Schleichwerbung Sat.1 soll jahrelang kassiert haben

Nach der ARD droht jetzt dem Privatsender Sat.1 ein Schleichwerbungsskandal. Laut Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" kauften sich Pharma-, Versicherungs- und Finanzkonzerne regelmäßig in das Frühstücks- und Vorabendprogramm des Senders ein.


TV-Funktionär Doetz: "Es ist Geld geflossen"
DDP

TV-Funktionär Doetz: "Es ist Geld geflossen"

München - Die Kontakte zwischen Sender und Firmen stellte dem Bericht zufolge die im schweizerischen Tessin ansässige Agentur Connect-TV her. Im Schnitt habe es etwa 20.000 Euro gekostet, eigene Experten oder wohlwollende Berichte mit Hilfe der Agentur bei Sat.1 zu platzieren. Connect-TV habe dazu mit einem Berliner Fernsehproduzenten zusammengearbeitet. An dem nicht legalen Product Placement hätten Connect-TV und Sat.1 zu gleichen Teilen verdient.

Der "Süddeutschen Zeitung" liegen nach eigenen Angaben interne Listen, Briefe, Abrechnungen und Notizen vor, die 130 Beiträge und Interviews von Mitte 2000 bis Mitte 2005 dokumentieren. Zudem seien fünf weitere Projekte bei Connect-TV geplant. Der Gesamtumsatz dürfte laut dem Bericht bislang weit über der Millionengrenze liegen.

Zu den Firmen, die ihre Produkte trotz des gesetzlichen Verbots von Schleichwerbung bei Sat.1 platzierten, gehören der "SZ" zufolge das Finanz-Institut AWD, die Autoservice-Firma Pit Stop, die WWK-Versicherungsgruppe sowie die Pharma-Unternehmen Klosterfrau, Spitzner und Lichtwer. Der Gesetzesverstoß sei sogar intern dokumentiert. So habe Sat.1 die Forderung der Firma Pit Stop nach einem Preisnachlass mit dem Argument abgelehnt, es handele sich um eine "Sonderwerbeform", bei der Pit Stop "in redaktionelle Beiträge im Programm" eingebunden worden sei. Deshalb könnten die sonst bei Werbespots üblichen Rabatte nicht gewährt werden.

Die angeblich beteiligten Firmen selbst sind sich keiner Schuld bewusst. "Die Verwicklung verwundert mich extrem", sagte Pit Stop-Sprecherin Birgit Holm zu SPIEGEL ONLINE. "Wir haben über die Firma Connect-TV normales Presenting im Sinne von 'Pit Stop präsentiert die Autosendung XY' gemacht, aber wir hatten keine redaktionelle Berichterstattung oder Product Placement."

Ähnlich sieht man es auch beim Finanz-Institut AWD. "Wir haben nichts falsch gemacht. Deshalb können wir auch kein Statement geben", sagte Firmensprecher Stefan Suska SPIEGEL ONLINE. "Wenn wir von Firmen etwas abnehmen, dann gehen wir davon aus, dass es Recht und Gesetz entspricht."

Die Firmen Klosterfrau, Spitzner und die WWK-Gruppe prüfen die Vorwürfe derzeit intern und waren gegenüber SPIEGEL ONLINE zu keiner Stellungnahme bereit. Auch Sat.1-Sprecherin Katja Pichler wollte zu dem Bericht noch keinen Kommentar abgeben.

Der frühere Sat.1-Geschäftsführer Jürgen Doetz, der sich als Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) für eine Liberalisierung bei Schleichwerbung einsetzt, räumte auf Anfrage der "SZ" ein, "dass Geld für die Beiträge geflossen ist".

ProSiebenSat.1 beauftragte laut einer Sprecherin interne und externe Sachverständige mit der Prüfung der Vorwürfe. Auch die gemeinsame Stelle Programm, Werbung und Medienkompetenz der Landesmedienanstalten will die Vorwürfe rasch prüfen und gegebenenfalls über ein Bußgeldverfahren entscheiden, wie der Vorsitzende der Direktorenkonferenz, Wolfgang Thaenert, ankündigte. Bei einem Verstoß drohten Sat.1 ein bis zu fünfstelliges Bußgeld sowie die Rückzahlung der aus der illegalen Werbung erzielten Einnahmen.

Thaenert betonte, die gesetzlichen Regelungen seien eindeutig und ausreichend. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats des Bayerischen Rundfunks, Alois Glück, sagte, auch die Gesellschafter der Privat-Sender seien in der Pflicht. "Was von der Führung bei ARD und ZDF verlangt wird, muss auch vom Management und den Gesellschaftern der privaten Konkurrenz eingefordert werden", betonte er.

Erneut äußerten Thaenert und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) Kritik an den Plänen der EU-Kommission, Schleichwerbung bei fiktionalen Sendungen zuzulassen. Bei einer Aufhebung der Trennung zwischen Werbung und Programm stelle sich die Frage, ob diese im Printbereich noch aufrecht erhalten werden könne. "Der Grundsatz der Trennung ist so alt wie das Presse- und Rundfunkrecht", unterstrich Thaenert. Der DJV befürchtet, sollte die EU die Fernseh-Richtlinie lockern, werde sich Schleichwerbung in allen Medien ausbreiten.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.