Schlingensiefs "Parsifal" Bilderflut, Bilderwut

Nie zuvor wurde eine Premiere der Wagner-Festspiele in Bayreuth mit größerer Spannung erwartet als Christoph Schlingensiefs "Parsifal"-Inszenierung. Doch der Provokations-Profi enttäuschte die Sensationsgierigen: Statt skandalösen Ideen präsentierte der Regisseur gut verträgliche Pop-Ästhetik.

Von , Bayreuth


Fast schien er enttäuscht in seinem artigen, grau glänzenden Anzug: Mit Jubel hatte Christoph Schlingensief offensichtlich nicht gerechnet, so gerührt wirkte sein Rehhagel-Winke-Winke beim Schluss seines "Parsifal" in Bayreuth. Aber nur auf den ersten Blick: Der Schock-Regisseur kostete einfach die Verwunderung des Publikums aus, das nicht recht wusste, ob es soeben grandios auf den Arm genommen worden war oder einer Sternstunde der Amok laufenden Phantasie beigewohnt hatte.

Immerhin: Langweilig war keine Sekunde des knapp sechs Stunden (inklusive Pausen) währenden Erlösungs-Marathons. Wann immer sich wohl bekannte Löcher im gedehnten Bühnengeschehen auftaten, füllte sie Filmfan Schlingensief mit opulenten, meist schwarzweißen Rückprojektionen, die mehr oder weniger sinnig die quellende Musik be- und gelegentlich auch überfrachteten.

Die Inszenierung vor der "Parsifal"-Premiere war ein Coup für sich: Schlingensief, als bewährte Skandalnudel in den Bayreuther Theater-Schmortopf geworfen, ließ es wochenlang im deutschen Feuilleton köcheln und sieden. Er streute mit sicherer Hand Meldungen und Scherze aus, ließ es krachen und zelebrierte anschließend Versöhnung, sinnierte hier und polterte da, wurde krank und wieder gesund - ein Rumpelstilzchen des Medienhypes, das in seiner Unberechenbarkeit schon wieder berechenbar ist. Und so wussten alle, noch bevor sich der Vorhang hob, wo es mit diesem Erlöserdrama, dem finalen "Bühnenweihfestspiel" von Richard Wagner, lang gehen sollte.

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Wagner-Festspiele: Schlingensiefs "Parsival"-Premiere

Hasenjagd war angesagt: Zur Errettung und Erlösung des todeswunden Königs Amfortas sollte der urdeutsche Hase, ein Lebens- und Friedenssymbol von Albrecht Dürer bis Joseph Beuys, das optische Zentrum in Schlingensiefs Gralswelt abgeben. Das war die erste Nachricht aus der Festung Schlingensief, die an die Öffentlichkeit drang. Skurril, putzig, überraschend: Vorteil Schlingensief in der Frühphase vor der Aufführung, als alle noch an den großen Krach mit Wolfgang Wagner, Gralshüter des künstlerischen Erbes auf dem Grünen Hügel, glaubten.

Gurnemanz in Guantanamo

Amfortas, schwer verletzt vom Speer des Zauberkönigs Klingsor, siecht und leidet. Sterben darf er nur, wenn ihn ein unschuldiger, "durch Mitleid wissend" gewordener Ritter erlöst: Parsifal. Der Gral, jenes Gefäß, in dem Joseph von Arimathia das Blut des am Kreuz sterbenden Jesus auffing, ist im Besitz der Gralsritter. Der heilige Lebenssaft bringt Amfortas Linderung, verhindert aber auch sein Sterben. Qual ad infinitum.

Das Leiden Amfortas' ist für Schlingensief das Leiden der Welt: Seine Gralsburg und die Heimat der Gralsritter erscheint als modifizierte brasilianische Favela mit Guantánamo-Appeal inklusive Maschenzaun und Stacheldraht. Ein Wachturm über allem: In diesem Knast regiert der schlachterprobte Gurnemanz, von Schlingensief als eine Mixtur aus Rübezahl und Obelix angelegt, mit langer Mähne in wenig kleidsamem Tierfell, fern aller Zivilisation und dennoch ein Held.

In seltsam optischem Gegensatz trifft der ersehnte Parsifal in diese unwirtliche Rumpelkammer ein: Rein weiß, nachthemdlich gekleidet, erscheint er als blonder Jesus und muss erst mit blutiger Berührung aus den Wunden der anderen als einer der ihren gekennzeichnet werden.

Die Burgbewohner selber mutieren bei Schlingensief zu einer Weltversammlung der Religionen: Über alle Kontinente verteilt der Regisseur das Leiden und die Suche nach Erlösung. Folgerichtig verändert sich der Gral in eine Reihe von Symbolen, taucht in einer buddhistisch anmutenden Rückprojektion als klassisches Gefäß auf, wird wieder zum Plüschhasen, dann zur Skulptur und landet schließlich beim Schlussaufzug im Sarg.

Um den mythischen Speer zu holen, der Amfortas' verwundete und der zur Heilung nötig ist, begibt sich Parsifal ins Zauberreich des Klingsor, der hier mit Lendenschurz und Hornschmuck als Prototyp des vitalen, schwarzen Mannes dargestellt ist. Und siehe da: Seine Festung gleicht der Gralsburg verblüffend. Wachturm, Düsternis, Gefanngene auch hier. Klingsors omnipräsente Helferin Kundry erscheint Parsifal zunächst als geliebte Mutter Herzeleide, doch der Zauber verliert mit einem Kuss den Bann.

Parsifal durchschaut das Spiel, findet den Speer, doch er tauscht ihn im Gerangel mit Klingsor gegen einen stilisierten Bischofsstab ein: Seine Waffe des Heils wird der Segen und die selbstlose Liebe, er durchbricht den martialischen Teufelskreis. Dass Parsifal am Ende Klingsor mit einer Rakete sozusagen auf den Mond schießt, dürfte als klassischer Schlingensief-Gag in die Bayreuther Festspielgeschichte eingehen.

Ethno-Eintopf für die Weltbevölkerung

Festspielleiter Wolfgang Wagner (l.), Ehefrau Gudrun, Tochter Katharina (M.): Amüsiert und erleichtert
AP

Festspielleiter Wolfgang Wagner (l.), Ehefrau Gudrun, Tochter Katharina (M.): Amüsiert und erleichtert

Man kann Schlingensief angesichts seiner überbordenden Bilderflut, die jeden Winkel des Bühnengeschehens mit visuellen Reizen ausfüllt, dramaturgische Unentschlossenheit vorwerfen. Die konkreten Wunden der Welt wabern als Hintergrund-Film zu Amfortas' Siechtum, und zum Finale verwesen dann tatsächlich, wie angekündigt, auf einer bühnengroßen Gaze-Leinwand zwei Hasen. Graffiti-ähnlich gepinselte Parolen vom "Friedhof der Kunst" und Grabsteine mit Mona Lisa und Van Gogh mögen holzschnittartig wirken, aber was ist an einer ohnehin rästelhaften Welt, wie sie Wagners "Parsifal" auffächert, schon präzise?

Schlingensiefs Anspruch, ein populärer Kunst-Macher zu sein, kehrt die Formel des englischen Pop-Kritikers Nik Cohn um: Cohn vertrat die These, Pop mache Klischees zu Mythen. Schlingensief macht Mythen zu Klischees. Seine Figuren repräsentieren Klischees zuhauf, sie bedienen unsere Vorstellungen und führen sie gleichzeitig ad absurdum. Die Zauber- und Verführungs-Kundry verändert sich nahezu pausenlos, sie wird vom gefesselten Opfer zur Operettendiva in Hermelin, von der weiß gewandeten Braut zur Mama Africa mit grotesk überpolstertem Steiß. Eine für alle.

Wer alledem überhaupt nichts abgewinnen konnte, für den zauberte ein durchweg brillantes Ensemble musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Allen voran Star-Dirigent Pierre Boulez, selbst Komponist und Interpret ein Veteran des Provokativen, der während des wochenlangen PR-Feuerwerks den Fels in der Brandung gab. Als intimer "Parsifal"-Kenner präparierte er mit unnachgiebiger Präzision alle Nuancen der Partitur heraus, gab ein atemberaubend flottes Tempo vor und trieb das Orchester zu bestechender Höchstleistung an. Zu Recht sprang das Premieren-Publikum zu Standing Ovations auf, als der altgediente Avantgarde-Maestro lässig-locker auf die Bühne kam.

 Regisseur Schlingensief: Skandalnudel im Bayreuther Theater-Schmortopf
DDP

Regisseur Schlingensief: Skandalnudel im Bayreuther Theater-Schmortopf

Fast alle seiner musikalischen Kollegen konnten ähnlichen Jubel einheimsen, allen voran der überragende Robert Holl (Gurnemanz) und John Wegner als Klingsor. Die Bayreuth-Debütantin Michelle De Young litt offenbar ein wenig an Nervosität - völlig überflüssig, denn ihre Kundry hatte ebenso Power und Finesse wie enorme Wandlungsfähigkeit im Ausdruck. Endrik Wottrich (letztes Jahr in Bayreuth als Erik im "Holländer" gefeiert) lieferte einen stellenweise anämischen Parsifal, dessen Stimme etwas belegt und forciert klang - er hatte sich vor der Inszenierung deutlich vom Medientrubel distanziert und sang daher wohl leicht schmollend.

Alexander-Marco Buhrmeesters Amfortas bestach durch makellose Stimmfülle und exzellentes Spiel - inmitten dieser multikulturellen Vexiershow keine geringe Leistung. Alle, auch die zahlreichen Statisten, agierten in rustikalen, phantasievollen Kostümen von Tabea Braun, die sich einen Kessel Ethno-Buntes für die Weltbevölkerung hatte einfallen lassen.

Ob Schlingensief mit dieser Inszenierung sein Heil gefunden hat, weiß nur er selbst. Manchmal allerdings schien es, als traute der Theaterprovokateur seinem visuellen Furor selber nicht so ganz. Das exzentrische Spiel der Gegensätze, die Häufung der Themen, Motive und Anspielungen geriet zunehmend zur Last, die die Inszenierung beschwerte. Dennoch sorgte die Bilderwut insgesamt für blendende Unterhaltung, und als am Ende der Erlöser Parsifal ins Nirvana eines weißen Lichts abmarschierte, da strahlten alle amüsiert und erleichtert.



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