"Schmidt & Pocher"-Finale Mit Hitlers Schergen in den Sendeschluss

Harald Schmidt und Oliver Pocher wollten als Talk-Duo zur Legende werden - sie wurden ein schlechter Witz zu später Stunde. Fast zwei Jahre lang quälten sie sich und ihr Publikum. Konsequent. Bis zur letzten Sendung. Endlich ist es vorbei.

Von Reinhard Mohr


Als wir im Mai 2007 an dieser Stelle mit einer zugegeben ziemlich bösen Polemik auf die Eilmeldung reagierten, dass der damals 29-jährige Comedian und Media-Markt-Werbeträger Oliver Pocher Partner in Harald Schmidts Late Night Show werden würde, war alles noch Prognose und schlimme Ahnung.

"Harald Schmidt goes Aldi" - so lautete die Befürchtung. Schmidt & Pocher - das sei, als würde man "Aldi-Brause ins Champagner-Regal stellen".

An diesem Morgen, wenige Stunden nach der letzten regulären Sendung von "Schmidt & Pocher" in der ARD, kann man das Ergebnis des Laborversuchs für die Nachwelt endgültig festhalten: Die wundersame Mixtur von Clownerie und Kabarett, Stand-up und Papperlapapp war schlicht ungenießbar.

Zusammen waren die beiden schlechter als jeder für sich alleine. Harald Schmidt gelang es manchmal nur unter Mühen, seine offensichtliche Lustlosigkeit nicht in einen Sekundenschlaf am Schreibtisch kippen zu lassen. Auch auf ihn wirkte Oliver Pocher eher wie ein Schlaf- denn als Aufputschmittel. Jugend kann so ermüdend sein.

Junge, Junge, das bringt Quote!

Das Ganze erwies sich jedenfalls als ein typisches Minusgeschäft, auch wenn die Einschaltquoten bei der jungen Zielgruppe leicht angestiegen waren. Aber was heißt das schon, wenn es um die Marke "Late Night" geht?

Am Anfang stand eine jener legendären Chef- und Altherrenideen: Das Programm, mithin das Publikum, sollte verjüngt werden. Dass damit die Sendung selbst, die auch zuvor schon mehr schlecht als recht vor sich hin dümpelte, spürbar verbessert würde, hat ja niemand behauptet. "Jung" reichte als Qualitätsmerkmal, gern auch ein bisschen "frech". Irgendwie Viva-mäßig. Aber nicht zu sehr, versteht sich.

Diese unsichtbare Geschmacksgrenze bekam Pocher bei seiner Handvoll Entgleisungen rasch zu spüren. Da saßen die alten Herren wieder auf ihrem öffentlich-rechtlichen Sofa und nahmen übel. Nazometer, Stauffenberg-Parodie, Lady Bitch Ray im Spermawahn - das ging zu weit.

In Wahrheit war es viel schlimmer: Es war nicht lustig. Es war bieder und geistlos. Zäh und langweilig.

Exakt auf diese Weise brachten Schmidt & Pocher auch ihr letztes Stündlein über die Zeit. Ein müdes Ballgeschiebe voller Querpässe und Rückgaben. Zweikampfverhalten - Fehlanzeige. Da ging keiner mal volles Risiko nach vorn, kein Steilpass nirgends.

Selbstredend langweilig

Wie schon so oft in den vergangenen beiden Jahren machten sie aus der Not eine Untugend und sprachen über sich selbst. Ein ziemlich alter Theatergag, wenn einem so gar nichts mehr einfällt zur Welt da draußen.

Klar, dass in Pochers kurzem Stand-up der Frühling vorkommt, Poldis Backpfeife in der Rückwärtsbewegung, Madonnas afrikanische Kindersuche, Verona Pooth und ihr toller Franjo, der jetzt an ihrer Stelle "Werbung für Pflaumenmus" machen muss - ein erster Höhepunkt des abgedroschenen Flachsinns zu nachtschlafender Stunde.

Um dennoch ein bisschen Stimmung in die Bude zu zaubern, streift sich das Paar in Trennung rote Armbinden über - ein Wink mit dem Nazi-Schlagbaum, der die ARD-Hierarchen noch mal so richtig in Wallung bringen soll. Ein witzloser Einspieler über "Angela Merkel in Rüsselsheim" alias Marilyn Monroe, die vor US-Soldaten mit dem Busen wackelt - und schon beginnt das öffentliche Werkstatt-, besser: Kantinengespräch über die künftigen Engagements.

"Ich nehm' das Beste von hier mit", antwortet Pocher todernst auf Schmidts Frage nach dessen wöchentlicher Late Night Show auf Sat.1, die im kommenden September starten soll. Während die Zuschauer noch darüber grübeln, was in diesem Fall "das Beste" sein könnte, gibt Schmidt schon Paroli: "Wieso, ich bleibe!"

Ansonsten wogte das Gespräch ermüdend hin und her. "Pardon, aber es war nicht spannender!" - so hätte sich der Fußballreporter Werner Hansch früher bei seinen Zuhörern entschuldigt, wenn in der Partie VfL Bochum gegen Arminia Bielefeld wieder mal eine halbe Stunde lang rein gar nichts passierte.

Studiogast Ingolf Lück, der zuletzt beim ARD-"Satiregipfel" schon vor lauter Reden nicht wusste, was er sagen sollte, passte sich diesem Niveau mühelos an. Er ward recht zügig entlassen.

Abrücken mit der SA

Dann das Finale: "Heil Hitler! ist ein Begriff, den wir zum Glück nicht mehr hören müssen" - so leitete Harald Schmidt den Schlussakt ein, zu dem man eigens ein paar Darsteller des uralten Musicals "Frühling für Hitler" von Mel Brooks auf die Showbühne gebeten hatte.

Zum Abschied noch ein hübsches SA-Ballett, dessen Hakenkreuze natürlich künstlerisch verfremdet waren: Man trug symbolisierte Brezeln am Arm. Billiger hätte man sich die kleine Provokation nicht denken können.

Es sollte wohl ein letzter Gruß an die Geschmacksrichter in den öffentlich-rechtlichen Verwaltungsräten sein, doch die waren kurz nach Mitternacht längst eingeschlafen. Nur wir hielten die Wacht - bis zum letzten bitteren Augenblick.

"Das deutsche Fernsehen beendet jetzt sein Programm", versprach Harald Schmidt am Ende. Dann erschien der gute alte Sendeschluss auf dem Bildschirm. Leider nur für ein paar Sekunden.

Man kann einfach gar nichts mehr glauben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
Josef Ritter, 03.04.2009
1. Unsinn
Zitat von sysopHarald Schmidt und Oliver Pocher wollten als Talk-Duo zur Legende werden - sie wurden ein schlechter Witz zu später Stunde. Fast zwei Jahre lang quälten sie sich und ihr Publikum. Konsequent. Bis zur letzten Sendung. Endlich ist es vorbei. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,617147,00.html
Das war Qualitätsfernsehen. Die laut GG öffentlich rechtliche Information. Keine Seifenoper wie Rote Rosen, Marienhof, Verbotene Lieben oder Lindenstraße.
faustjucken_de 03.04.2009
2. Ging an mir Vorrüber...
Komisch, diese beiden Pfeifenköppe, Schmidt und Mediamarkt-Verkäufer Pocher sind sowas von an mir vorrüber gegangen... die Verrisse sind wohl besser als der Inhalt...
pmach 03.04.2009
3. Schmitt wieder alleine?
weiss nicht. Die Idee, ihm einen gleichberechtigten Partner zur Seite zu stellen, find ich an sich nicht schlecht. Denn vor Pocher wars eigentlich auch größtenteils langweilig, nur eben nicht so furchtbar peinlich. Meine Idee: KURT KRÖMER. Schmitt und Krömer wären das absolute Idealpaar für so eine show, die sich dann auch thematisch teilen sollte. Schmitt macht Polit-Talk, Krömer macht Witzig- und gut is!
ray4901 03.04.2009
4. Erlösung für alle
Fast endlose Agonie - ein Tod ohne Aufmerksamkeitwert. Nur der Mohr schreibt, wohl im Pflichtauftrag, eine dazu passend müde Abschiedsstory. Er hat auch schon lebendiger geschrieben. Ein Satyre-Höhepunkt ist ja sein Vergleich der Sendung mit dem minderen Ruhrderby Bochum-Bielefeld auch nicht gerade. Das hätte sogar Pocher noch knapp geschafft. Beim Kolumnisten - und auch bei Schmidt - ist die Frage aber immerhin noch erlaubt: "steckt noch was in ihnen drin?". Wir werden sehen. Bei Pocher erübrigt sich sogar diese Frage, Er kann Poldi leidlich nachahmen, allerdings mehr wegen naturgegebener äusserlicher Deckungsgleichheit. Komik für den Tribünengang.
kokojambo 03.04.2009
5. War doch ganz nett...
Kann man als TV-Kritiker eigentlich auch mal eine Show geniessen, oder muss man immer gleich alles in kleinste Detail kritisieren? Natürlich war die Show über lange Zeiten ziemlich öde, viele der Witze haben meine Mundwinkel völlig kalt gelassen, aber mal ehrlich: So ging es mir bei Harald Schmidt solo in den Jahren vor Pocher auch. Und warum jeder auf dem Pocher rumhackt weiß ich auch nicht. Der Typ ist jung, noch längst nicht so erfahren wie Dirty Harry, hat sich dafür in seiner Zeit bei der ARD schon entwickelt. Bleibt nur zu hoffen, dass beide was aus der Show mitnehmen und in Zukunft anwenden ;-) k
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