Schmidt und Heidenreich im WDR Geheimwaffe Hochamt

Keine Sternstunde des deutschen Fernsehens: Zum 50. Jubiläum des WDR kommentierten Elke Heidenreich und Harald Schmidt angestaubte Schnipsel aus der Klamottenkiste des Senders. Hätte lustig sein können, war es aber nicht.

Von Reinhard Mohr


Es ist wie im richtigen Leben: Wenn die Sonne scheint, die sommerwarme Luft zart vibriert und das Meer sich nur ganz leicht an der Oberfläche kräuselt, während die Möwen kreischend über dem weißen Sandstrand schwingen, dann fällt einem gar nichts mehr ein. Wenn es schön ist, ist der einzige Gedanke: Wie schön!

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"Herr Schmidt sieht fern": Wortwitz gegen Plaudertasche
Wenn es aber gar nicht schön ist, sondern ziemlich schlecht oder sogar recht schrecklich, dann toben die Gedanken im Kopf wie bei einer Kissenschlacht im Kinderzimmer.

Wenn zum Beispiel Elke Heidenreich 90 Minuten lang fünfzig Jahre deutsche Fernsehunterhaltung kommentiert - so geschehen gestern Abend anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Westdeutschen Rundfunks (WDR) -, dann schießen dem Zuschauer zuweilen ganz hässliche und sehr böse Gedanken durchs Gehirn: Muss die oberste Verkaufsleiterin der vereinigten deutschen Buchverlage ("Lesen!"), die die Hausfrauisierung der Literaturkritik auf ein historisches Rekordniveau gebracht hat, nun auch noch beweisen, dass sie viel weniger witzig ist als sie selber glaubt?

Muss sie, nach den fiktiven und peinlich banalen "E-Mails", die sie seit einigen Wochen im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" platzieren darf ("Liebe Susanne Osthoff, Deutschland ist böse auf Sie! Sie sind nicht dankbar genug und auch noch so störrisch, sich im Irak wohler zu fühlen als in Bayern..."), nun auch noch schlecht Akkordeon spielen? Vor allen Leuten? Ja, sie musste offenbar.

Zum Trost für alle anderen war auch noch Harald Schmidt da, auf der Bühne des Düsseldorfer "Kom(m)ödchen", just dort, wo vor über zwanzig Jahren seine Kabarettkarriere begonnen hatte. Und eigentlich lautete der Titel der Sendung ja auch "Herr Schmidt sieht fern" und keineswegs: "Hier plappert uns Frau Heidenreich wieder mal die Ohren ab".

Aber es lag nicht einmal vornehmlich an der allgegenwärtigen rheinischen Plaudertasche, die einst als Hausfrau "Else Stratmann" bekannt wurde, dass man über die Fernsehgewohnheiten und Fernsehurteile von Harald Schmidt (und nur das interessierte jene, die das Dritte Programm eingeschaltet hatten) sehr wenig erfuhr. Es lag daran, dass dies eine reine Werbeveranstaltung des WDR war, ein Pontifikalamt der offiziellen Selbstfeier, und so flimmerten in gefühlt endloser Zeitausdehnung 50 Jahre WDR-Fernsehunterhaltung vorbei, wirr zusammengeschnittene Schwarzweißbilder aus jenen Zeiten, "als das Frauenbild noch stimmte" (Schmidt) und der repräsentative SPIEGEL-ONLINE-Leser noch gar nicht geboren war.

Es war die Zeit von Hazy Osterwald und Willy Millowitsch, von Willy Schneider, dem ewig singenden Weinberg, und Chris Howland, der Grimassen schneidenden deutsch-britischen Damenhandtasche, von Joachim "Blacky" Fuchsberger, Roy Black und dem aus Holland emigrierten Rudi Carrell. Minutenlang sah der gequälte Fernsehkonsument gestern Abend noch einmal dem Kölner Volks-, Karnevals- und Boulevardgott Millowitsch in "Der Etappenhase" bei der schweren Unterhaltungsarbeit zu, verfolgte gepeinigt die frühen Gesangsversuche von "Tagesschau"-Sprecherin Dagmar Berghoff und die Anfänge des männlichen TV-Sternchens Michael Schanze.

Harald Schmidt aber zeigte Haltung. In bewundernswerter Nonchalance trotze er diesem ständig wiederkehrenden fürchterlichen Flimmerkistenschnipselschwall und betonte ein ums andere Mal, dass jene historischen Fernsehabende mit Millowitsch & Co. für ihn zu Zeiten ein "wahres Hochamt" gewesen seien, Augenblicke allerhöchsten Menschenglücks daheim in Nürtingen: "Da wurden die Wohnzimmertüren geschlossen und die Kerzen angezündet".

Nachdem Schmidt, den solche Abende nur noch härter gegen die Welt und sich selbst gemacht haben, zum dritten Mal seine ironische Geheimwaffe "Hochamt" in Stellung brachte, schien auch Elke Heidenreich etwas zu merken. Doch es half nichts. Ihre Art, alle Dinge der objektiven Welt einer persönlich gefärbten Verbiederung à la Else Stratmann zu unterziehen, wirkte auf jeden Ansatz eines intelligenten, ironisch-zynischen Schmidteinander wie eine Kelle Billigmehl in der Weißweinschwitze. Statt Schmidt neugierig und geschickt auszufragen dämpfte sie seine analytische Formulierungslust nach Leibeskräften und verhinderte so die schlimmsten Frechheiten. Er ließ sich nichts anmerken und machte gute Miene zum provinziellen Possenspiel.

Als "Herr Schmidt sieht fern" dann doch irgendwann zu Ende war, Frau Heidenreich sich brav verbeugte und der Abspann längst lief, da hörten wir Harald Schmidt noch schnell zwei Worte sagen: "Unerträgliche Scheiße". Es war nicht ganz klar, ob er damit die letzten zehn Jahre WDR-Unterhaltung meinte, die man - gnädig - weggelassen hatte. Oder die famose Sendung, die gerade zu Ende ging.



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