Schönes neues Fernsehen (2) Kanal voll, Kopf leer

Verblödung ist Programm im deutschen Fernsehen. Die Kritik reagiert pragmatisch, die Zuschauer schalten ein und ab. TV-Macher betrachten die Entwicklung mit Kalkül und Zynismus, dabei ist der kulturelle Flurschaden enorm.


Moderatorin Caroline Beil im Dschungelcamp: Je prolliger, desto besser, je mehr Trash, desto cooler
RTL/Stefan Menne/DPA

Moderatorin Caroline Beil im Dschungelcamp: Je prolliger, desto besser, je mehr Trash, desto cooler

Hans Magnus Enzensbergers zynisch überspitzte These vom "Nullmedium Fernsehen", bereits Ende der achtziger Jahre formuliert, hat sich in der Praxis weithin bestätigt. Das Zapping, das ruhelose Herumsuchen im großen televisionären Weltraum, ist zur zweiten Natur des modernen Menschen geworden. Das Nullmedium ist tatsächlich jene "buddhistische Maschine", die alles und nichts produziert, eine "technische Annäherung an das Nirwana": Ein einziges großes Rauschen.

Daran ändern auch einzelne gelungene oder gar herausragende Sendungen nichts, Features, zeitgeschichtliche Dokumentationen und Fernsehfilme (etwa von Heinrich Breloer oder Oliver Storz), ein spannender "Tatort", gut gemachte Serien wie "Berlin, Berlin" oder segensreiche Wiederholungen von "Loriot", die auch nach zwanzig Jahren frischer wirken als die meisten aktuellen "Comedy"-Stümpereien samt ihren dilettantischen Witzkomparsen.

"Eigentlich machen wir in allen Sendern Privatfernsehen", sagt Cornelia Schwab, Producerin von "Familie Dr. Kleist", einer derzeit sehr erfolgreichen ARD-Serie, die zur besten Sendezeit läuft. Der Unterschied bei der inzwischen fast überall "industriellen TV-Produktion" bestehe nur noch im Ausmaß der "handwerklichen Qualität", die freilich ihren Preis hat - und in jener "Ehrlichkeit", mit der man auf die legitimen Unterhaltungsinteressen der Zuschauer eingehe, ohne bloß zynisch mit ihnen zu spielen.

Eine "Sklerotisierung des Programms" beobachtet der Kölner Medienexperte Professor Dietrich Leder. Gerade die Vielfalt und Unübersichtlichkeit des Fernsehmarkts habe zu jener "Formatierung" und Standardisierung der Programme geführt, in denen nun kaum mehr Platz sei für Wagnis und Experiment - nicht einmal in den "Dritten" der ARD, einst eine Art TV-Labor, in dem auch Harald Schmidt das Laufen lernte. Nahezu alles gehorche der Logik von "Megathema und Prominenz": "Eine fatale Strategie gerade von ARD und ZDF". Schieres Opportunitätsdenken verdränge eine "qualitative Diskussion". Das "Unformatierte, Überraschende, Poröse, Offene" gerate so ins Hintertreffen.

Intellektuelles Bekenntnis zum Trash

Unterdessen ist es auch in Intellektuellenkreisen schick geworden, sich zum kruden TV-Konsum zu bekennen. Je prolliger, desto besser, je mehr Trash, desto cooler: In der RTL-Sendung "Fear Factor" müssen die Kandidaten gekochte Schafsaugen essen und Hähnchenschenkel aus einem mit Insekten gefüllten Becken herausfischen - natürlich mit dem Mund. Die Sendung "Star Search 2" hat vor allem durch "Lippen-Gate" Schlagzeilen gemacht - den offen ausgetragenen Streit darum, ob die TV-Jurorin Alexandra Kamp ihre Lippen aufspritzen (und auch andere Körperteile chirurgisch nachbessern) ließ oder nicht.

Bei "Big Brother 2" waren die Fernsehzuschauer kürzlich Zeuge, wie ein Container-Insasse auch beim siebten oder achten Versuch das Wort "Kieferorthopäde" nicht richtig aussprechen konnte. Der junge Mann hatte das Wort noch nie in seinem Leben gelesen. So geht die Generation Pisa ihren Weg.

 Autor Enzensberger: Fernsehen als "technische Annäherung an das Nirwana"
STEFAN HESSE / DPA

Autor Enzensberger: Fernsehen als "technische Annäherung an das Nirwana"

Vor Jahren schon staunte der Autor Michael Rutschky über die "kulturell siegreiche Arbeiterklasse", die per Fernbedienung die Herrschaft über das Massenmedium erobert habe, und "Zeit"-Redakteur Jörg Lau stellte ironisch übertreibend und zugleich fast bewundernd fest: "Der entfesselte Pöbel (alle außer uns) dreht hier ohne leiseste Zeichen von Scham die Glücksräder, plaudert von seinen erstaunlichen sexuellen Gepflogenheiten, lässt sich unter mildem Zotengeplapper verkuppeln oder feiert vor Millionen... tränenreich Versöhnung."

Jüngst ging "Tagesspiegel"-Autor Harald Martenstein noch einen Schritt weiter. Anlässlich der Debatte um das RTL-Spektakel "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" - meinte er im vollen Ernst: "Wir haben in Deutschland keine ernsten Probleme mit dem Programmniveau. Wir haben eher ein Problem mit der Kompetenz der Medienkritik." Was die vermeintlich niederen Instinkte des Publikums betreffe, so zeige sich im historischen Kulturvergleich eindeutig: "Wir sind nicht brutaler, sondern zivilisierter als früher."

Fest steht: Weil sich die immer gleiche intellektuelle und moralische Kritik an all den Shows die Zähne ausbeißt, wechseln nicht wenige Kritiker die Grundstellung. Nun wird lieber streng ironisch mitgefiebert als schlecht gelaunt protokolliert, wer wohl als Nächstes bei "Big Brother V" rausgewählt wird. Nicht wenige mögen dabei an das wegweisende Wort von Marcel Reich-Ranicki denken, im Zweifel mache das Fernsehen die Klugen klüger und die Dummen dümmer. Ein schöner Trost für die Klugen.

Harald Schmidt und seine glorifizierte Late-Night-Show lieferten schließlich die Probe aufs Exempel: Hier machte einer Fernsehen, indem er mit dem Fernsehen spielte: Selbstreferentiell, unterhaltsam, intelligent, ironisch. Am Ende war er so unangreifbar wie das Medium und hob sich selber auf.

Vielleicht war es zugleich eine symbolische Zäsur. Nein, die Ironie ist weiß Gott nicht abgeschafft, aber womöglich dürfen wieder einmal ein paar ernste Fragen gestellt werden. Denn Ironie und Dauerspaß zehren immer auch von einer Substanz, die sie selbst nicht geschaffen haben, auf die sie sich aber zumindest implizit berufen. Wenn keiner mehr weiß, was eigentlich ein Kieferorthopäde ist, kann man auch keinen guten Zahnarzt-Witz mehr erzählen. Gerade weil das Fernsehen längst mehr als ein Medium unter anderen ist, sondern das Medium schlechthin, Schule der Nation und Monopolist der Sinnstiftung in einem, ist es möglicherweise doch nicht völlig gleichgültig, was in Zukunft über die Bildschirme flackert.

Aus für den erzieherischen Konsens

Christoph Stölzl, ein gebildeter Hedonist, ehemals Direktor des Deutschen Historischen Museums und später Kultursenator in Berlin, warf jüngst den öffentlich-rechtlichen Sendern vor, "stillschweigend einen erzieherischen Konsens" aufgekündigt zu haben. Auf einer Medientagung in der Evangelischen Akademie Tutzing kritisierte er die Abschiebung von Kultursendungen auf randständige Termine und in Spartenkanäle für Minderheiten als "Pyrrhus-Sieg der Quotenfixierung".

Ihm geht es, man glaubt es kaum, um die "Idee der demokratischen Nation als einer Lerngemeinschaft", in der "alle alles Bedeutende gleichermaßen" betrifft, wenigstens im Prinzip. Es sei der "unschätzbare Vorteil der alten Mischprogramme" gewesen, dass die "Nachbarschaft von Politik, Unterhaltung, Sport und Kultur eine sozial integrierende, die unterschiedlichen Bildungsmilieus versöhnende Wirkung hatte".

 Entertainer Schmidt: Am Ende so unangreifbar wie das Medium selber
AP

Entertainer Schmidt: Am Ende so unangreifbar wie das Medium selber

Die Verwechslung von Demokratie und Demoskopie, so Stölzl, schaffe nicht zuletzt jene Bedingungen, auf die sich die berufsmäßigen Quotenritter anschließend berufen könnten. Das Fernsehen zieht sich eben auch selbst sein Publikum heran: "Ohne Kulturpräsenz zur Prime Time, so könnte man überspitzt sagen, auch keine Entwicklung von Talenten, die, mit allen Wassern des Entertainment gewaschen, dennoch die ernsten, großen Themen an den Mann und an die Frau bringen."

Es käme ja heute auch niemand auf die Idee, etwa die Schulpflicht, die einst unter Zwang eingeführt wurde, in Frage zu stellen, nur weil sie nicht dem freien Spiel von Lust und Laune entspricht. Man ahnt schon das genervte Stirnrunzeln der Fernsehgewaltigen (in Tutzing sah man es), wenn sie derart antiquiert romantische, ja naiv-optimistische Vorstellungen hören - "Aufklärung mit sinnlichen Mitteln", das Fernsehen mit "Kulturquote", gar die "Selbstbindung an ein sittliches Programm, das den Menschen in seinem Möglichkeitssinn" ernst nimmt, kurz: Fernsehen als ein anderes Wort für "in die Ferne sehen". Ach Du lieber Gott.

Quatsch mit Soße, hört man sie schon murmeln. Sekunden später aber sagen sie laut: Das machen wir doch alles! Und dann zählen sie ihre schönen, bildendenden und kulturvollen Sendungen auf und beschwören die laufende "Informationsoffensive". Dass etwa "aspekte" und "Kulturweltspiegel", die kulturellen Flaggschiffe der Sender, seit Jahren immer weiter ins beginnende Nachtprogramm geschoben werden, spielt da keine Rolle; offenbar auch nicht, dass die Rosamunde-Pilcher-Soße immer häufiger auch über einst ansehbare Fernsehfilme gegossen wird und die Eigenwerbung für selbst produzierte "Events" überhand nimmt.

Bildung und Wissen als Spartenprogramm für die Elite

Stölzls Grundsatz-Kritik trifft die ganze Gesellschaft im fortgeschrittenen Medienzeitalter. Plötzlich erscheint das alte kulturkritische Ressentiment gegenüber dem Fernsehen in neuem Licht: Die Kritik an Geschmacklosigkeit und schleichender Verblödung ist hier im Kern nicht mehr moralisch, sondern pragmatisch, nicht vorrangig ästhetisch, sondern ganz rational: Wenn tatsächlich immer mehr "Dumme" auf diese Weise nur noch dümmer werden sollten und die wenigen Klugen, falls sie noch zuschauen, jedenfalls nicht mehr klüger würden, dann wäre der Bildungssaldo negativ, und die ganze Gesellschaft trüge den Schaden davon - politisch, ökonomisch, kulturell.

 Ehemaliger Berliner Kultursenator Stölzl: Fernsehen mit "Kulturquote" als beherzte Utopie
DPA

Ehemaliger Berliner Kultursenator Stölzl: Fernsehen mit "Kulturquote" als beherzte Utopie

Genau danach sieht es derzeit aus. Ausgerechnet die "Bild"-Zeitung, der man einen Mangel an Gespür für Themen jedenfalls nicht vorwerfen kann, lancierte Ende April die Serie "Berlin - wie dumm sind wir?", in der groteske Beispiele alltäglicher Unwissenheit präsentiert wurden. Dreißig Prozent der Zuschauer von "Tagesschau" und "heute", so eine aktuelle Umfrage, verstehen schon die normalen Nachrichten nicht mehr oder vergessen sie umgehend, und die Klagen über schreibunkundige Lehrstellenbewerber sind leider keine Erfindungen bösartiger Unternehmer.

So droht die entscheidende Ressource einer modernen Gesellschaft - Bildung, Wissen, Kreativität - selbst zum Spartenprogramm für eine kleine Elite zu werden. Der Zynismus der abgebrühten Fernsehmacher, ihre Spekulation auf vermeintliche Massenbedürfnisse könnte eines Tages zum Bumerang werden: Eine Gesellschaft, die sich selber dumm macht, verliert die Fähigkeit, sich kritisch, also realistisch wahrzunehmen und, wo notwendig, zu verändern.

Vielleicht können am Ende all die arbeitslosen Analphabeten eines Tages nicht einmal mehr ihre Programmzeitschrift studieren, um ihren Lieblings-Gruselschocker zu finden. Von Stellenanzeigen ganz zu schweigen. Irgendwann werden dann am Samstagabend nur noch diejenigen vor dem Fernsehapparat sitzen, die im wirklichen Leben draußen sowieso keine Chance mehr haben.

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