Schönheitswahn in Iran Katalognasen unterm Kopftuch

Unterm Schleier blüht der Schönheitswahn: Iranische Frauen brutzeln in der Sonne bis zur Ohnmacht und süffeln Essig als Schlankmacher. Jasmin Tiefensee lebt seit Jahren in Teheran - und kann das alles noch immer nicht fassen. Notizen aus dem Land von tausendundeiner Nasenkorrektur.


Teheran - Im Westen mag man über Magermodels und Essstörungen diskutieren - in Iran gelten Diäten und Schönheitsoperationen als schick und vorbildlich. Es ist unmöglich, dass sich Frauen in Iran treffen und keine Diätrezepte austauschen oder sich über ihre letzte Schönheitskorrektur unterhalten. Schön sein ist in Iran eine der Hauptaufgaben der Frau.

Doch was ist schön in Iran? Schön ist, was ausländische Satellitenkanäle zeigen, schön ist, was Hollywoodfilme zeigen. Und das in einem Land, dessen Frauen schon seit Jahrhunderten für ihre natürliche Schönheit gerühmt werden. Ein Reisender aus dem Westen schrieb einstmals: "Die Schönheit der iranischen Frauen blendet einen so sehr, dass es einem den Verstand raubt." Heute haben viele iranische Frauen den Glauben an ihre Einzigartigkeit verloren.

Der Verschleierungspflicht wegen können Frauen sich nicht wie in westlichen Ländern entfalten. Nur das Gesicht, der Ansatz der Haare und die Silhouette der Figur sind für Fremde wahrnehmbar.

Die Mädchen tragen Schuluniformen und dürfen sich nicht schminken, nicht die Nägel lackieren, die Haare färben, nicht einmal ihre Augenbrauen zupfen. All das holen sie nach der Schulzeit nach.

Und dabei sind sie wenig zimperlich. Wer kein Geld hat, hilft sich mit Methoden, die in Deutschland als krankhaft gelten: Das Essen wird mit selbst gemachtem Essig heruntergespült, damit die Säure das Fett zersetzt, dazu mehrere Liter Wasser am Tag getrunken, da dies das Fett aus dem Körper spülen soll. Dazu kommt exzessiv betriebener Sport - selbstverständlich mit perfekt frisierten Haaren, einem unzerstörbaren Make-up und in einer Duftwolke aus teurem Parfum.

Amir, ein 50-jähriger Ingenieur aus Teheran, berichtet: "Egal um wie viel Uhr ich in den Park gehe, die Frauen sehen so perfekt aus, dass ich mich immer frage, wann sind die aufgestanden? Sie riechen so stark nach Parfum, dass ich immer einen Schal zum Joggen mitnehme, auch im Sommer. Allerdings binde ich diesen Schal nicht um meinen Hals, sondern um meine Nase, um mich vor dem Parfumwolken der Frauen zu schützen."

Auch wenn das Schönheitsideal vieler Iranerinnen nicht mit den Moralvorstellungen der islamischen Sittenwächter übereinstimmen mag - die Regierung unterstützt den Körperkult: In unzähligen Parks stehen Fitnessgeräte, speziell für Frauen gibt es Trainerinnen; eine Stunde am Tag sogar kostenlos.

Neuerdings werden solche Fitness-Parks sogar nur für Frauen angelegt, gegen Blicke sind sie von Außen geschützt. Hier können sich Frauen ohne Verschleierung aufhalten. Die Polizei stellt spezielle Polizistinnen bereit.

Sonnenbänke wurden beschlagnahmt

Reichere Frauen leisten sich Ärzte, die ihnen Essenspläne erstellen. Eine iranische Restaurantkette liefert seit neustem sogar dreimal täglich Diätmenus an die feinen Damen der Oberschicht . Weniger wohlhabende Frauen wickeln sich in Frischhaltefolie und legen sich in die Sonne. Die soll das Fett wegbrennen.

Die vornehme Blässe, die einst schick war in Iran, ist längst außer Mode. Dem Einfallsreichtum im Wettbewerb, sich auf effektivste Weise zu bräunen, dagegen sind fast keine Grenzen gesetzt: Als Ersatz für Selbstbräuner greift man zu einem Mix aus Henna und Joghurt. Der Turbobräuner war in den vergangenen Jahren eine Kombination aus Olivenöl und Kaffeepulver. Das Eincremen mit Babyöl und das gleichzeitige Einsprühen mit Salzwasser gilt als Wundermittel.

Rettungsschwimmerinnen bereitet der Trend Sorge. Die Frauen legen sich stundenlang in die Sonne, ohne etwas zu essen. So kommt es häufig zu Kreislaufzusammenbrüchen. Die Rettungsschwimmerinnen weisen im Schwimmbad immer wieder darauf hin, dass die Damen mindestens einmal in der Stunde kalt duschen und genügend Flüssigkeit zu sich nehmen sollen. Damit wollen sie vermeiden, mehrmals am Tag den Krankenwagen rufen zu müssen. Bis vor kurzem ging der Wahn sogar soweit, dass sich die Frauen nach einem Schwimmbadbesuch noch eine volle Stunde Sonnenbank gönnten.

Einige Frauen haben dies leider mit Verbrennungen und einige angeblich sogar mit dem Tod bezahlen müssen. So kennt jede Iranerin eine Freundin, oder die Freundin einer Freundin, oder die Freundin einer Freundin einer Freundin, deren Körper derartig hohen Dosen an Sonne und Hitze nicht gewachsen war. Vor einiger Zeit hat die Regierung alle Sonnenbänke konfisziert. Offiziell aus hygienischen Gründen.

Auto weg, Katalognase da

Schönheitsoperationen sind in Iran alltäglich geworden. Immer und überall wird davon gesprochen. Die Straßen Teherans sind voll von Frauen und Männern, die ein Pflaster auf der Nase tragen. Da viele Iraner eine große Nase haben, ist die das Objekt der häufigsten Schönheitsoperation. Ebenfalls sehr beliebt ist die Lippenvergrößerung, das Höherlegen der Wangenknochen und die Brustvergrößerung. Häufig wird auch Fett abgesaugt. Da Schönheitsoperationen kostspielig sind, hat schon so mancher Vater sein Auto verkauft, um der Tochter eine Katalognase zu ermöglichen.

Damen- und Herrenfriseure arbeiten in getrennten Salons. Daraus haben sich Schönheitsstudios entwickelt, in denen Frauen ohne Probleme ihren Tag verbringen können. So kommt es vor, dass sich ein Schönheitssalon über drei Etagen erstreckt. Die werden benötigt, weil sich fast alle Kundinnen mehrmals die Woche dort aufhalten: zum Beispiel, weil die Farbe ihres Nagellackes der des Abendkleids angepasst werden muss. Die Veranstaltung, auf der sie sich dann zeigen, findet natürlich nur im Privaten und Verborgenen statt.

Die Haare schließlich werden dem westlichen Vorbild nach blondiert, was bei iranischen Frauen leider zu einer Art Gelbton führt. Da nur der Pony aus dem Kopftuch hervorschaut, wird er mit besonders viel Haarspray toupiert und nach oben gesteckt.

Schließlich ist es geschafft: Mit tief gebräunter Haut, einem Durchschnittsgewicht von geschätzten 45 Kilogramm, einer Hollywood-artig zementierten Schminke und auf 15 Zentimeter hohen Absätzen unterscheiden sich iranische Frauen wirklich fast gar nicht von ihren westlichen Vorbildern.

Fast! Denn leider sehen die Frauen im Westen ja nicht wirklich so aus.



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