Schönheitswettbewerbe für Kinder "Eine geschmacklose Vorstellung von Glamour"

Schönheitswahn made in USA: Mädchen lassen sich die Haare färben, die Haut bräunen und falsche Zähne einsetzen, um an Kinder-Beautywettbewerben teilzunehmen. Die Fotografin Ilana Panich-Linsman hat einige von ihnen begleitet.

Ilana Panich-Linsman

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Panich-Linsman, Sie haben die elf Jahre alte Emily fotografiert, die mit ihren Freundinnen regelmäßig an Schönheitswettbewerben teilnimmt. Auf einem Ihrer Fotos sieht man, wie ein Mann einem jungen Mädchen in den Mund fasst. Was macht der da?

Panich-Linsman: Das ist Emilys Freundin Sienna, und der Mann setzt ihr falsche Zähne ein, damit die Jury ihre Milchzähne nicht sieht.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht seltsam aus. Auch die Outfits der Mädchen - knappe Kleider, Bikinis, Stöckelschuhe - und das ganze Make-up wirken verstörend.

Panich-Linsman: Ich finde das auch sehr unnatürlich. Auch Emily hat einmal ein sehr provokatives Outfit getragen. Die Mutter hat sie bewusst in dieses bikiniartige Ding gesteckt. Sie wollte sehen, wie viele Punkte Emily damit machen kann. Manche Jurymitglieder honorieren es, wenn die Mädchen knappe Outfits anziehen. Die Mutter hat gar nicht gemerkt, dass sie ihr Kind damit sexualisiert. Sie glaubt, sie würde Emily damit in eine Erwachsene verwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet Emily das?

Zur Person
  • Bonnie Berry
    Ilana Panich-Linsman, geboren 1984, hat in New York und London Fotojournalismus studiert. Sie arbeitet als Fotografin und Multimediaproduzentin in Austin, Texas. Ihre Auftraggeber sind unter anderem "New York Times", "Wallstreet Journal", "Washington Post" und "Boston Globe".
Panich-Linsman: Sie glaubt, sie würde sich so anziehen wie die Frauen in den Musikvideos, und findet das nicht schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Warum lässt Emilys Mutter sie da mitmachen?

Panich-Linsman: Sie sieht darin eine Freizeitbeschäftigung für ihre Tochter, ein Hobby, das Emily im Leben voranbringen soll. Sie hofft, dass Emily dadurch berühmt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Wettbewerbe eher eine Freizeitbeschäftigung für die Mutter oder für Emily?

Panich-Linsman: Emilys Mutter ist sehr stolz auf ihre Tochter. Ich glaube, sie will ihr etwas bieten.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Panich-Linsman: Aufregung und Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Machen Emily die Wettbewerbe Spaß?

Panich-Linsman: Während der einzelnen Disziplinen verbringt sie viel Zeit mit den Freundinnen aus ihrem Team. Das macht ihr schon auch Spaß. Ich glaube, man sollte die Wettbewerbe nicht so Schwarz und Weiß sehen. Ich frage mich nur, warum unser Land so auf Schönheit fixiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Panich-Linsman: Was die Teilnehmer dieser Wettbewerbe unter Schönheit verstehen, ist Oberflächlichkeit und Glamour. Genau das habe ich auch bei der Arbeit an meiner Fotostrecke erlebt: eine oberflächliche, geschmacklose Vorstellung von Glamour.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft nimmt Emily an den Wettbewerben teil?

Panich-Linsman: So oft, wie es sich die Familie leisten kann. Etwa alle drei Monate.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel kostet Emilys Familie denn eine Teilnahme?

Panich-Linsman: Um die 1500 Dollar. Das sind Kosten für die Anfahrt, für das Hotel, für die Kleidung, das Make-up und einen Coach, der Emily beibringt, wie sie sich richtig hinstellt und bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie läuft so ein Wettbewerb ab?

Panich-Linsman: Ich war bei zweien davon in Connecticut dabei. Alle Kinder und Mütter sind im gleichen Hotel unterbracht. Sie besetzen es regelrecht. Viele Mädchen gehören einem Team an, Emily ist bei den "Heavenly Angels". Die Mädchen unterstützen sich gegenseitig, machen sich Mut, schmücken die Hotelzimmer. Am Tag des Wettbewerbs präsentieren sich die Mädchen dann in verschiedenen Outfits, und die Jury notiert, was ihnen daran gefallen hat und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Behandeln sich die Mädchen als Konkurrentinnen?

Panich-Linsman: Die Mädchen sind sehr freundlich zueinander. Aber wenn die Punkte verteilt werden, verschwindet die Freundlichkeit. Auf einmal sind dann alle ganz ernst. Emily hat sogar mal geweint, obwohl sie einen Preis bekommen hat. Aber sie war nicht zufrieden mit sich.

VIDEO: Amerikas Kinder im Schönheitswahn

SPIEGEL ONLINE
Das Interview wurde geführt für das Fotoportal seen.by.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
flesh 28.04.2015
1. Wie die Mutter, so die Tochter
In der Fotostrecke fallen natürlich besonders auch die hübschen Mütter auf.
MatthiasPetersbach 28.04.2015
2.
Mir gehts da wie überhaupt bei den Models: "Schön" ist anders. Weder die klamotten noch die Frisuren noch das Makeup noch alles andere würde ich mit irgendeinem anderen Ausdruck wie "schön" verbinden - das ist ne Freakshow der Künstlichkeiten und schlicht potthässlich. Unabhängig vom Alter. Bei den Kindern fällts nur mehr auf.
tegele 28.04.2015
3.
ganz schrecklich wenn Kinder Eltern haben die die träume der Eltern oder der Mütter leben sollen , dadurch ihre Kindheit verlieren und womöglich das ganze weitere leben zerstören
Sibylle1969 28.04.2015
4. Ist schon irgendwie pervers
Da wird kleinen Mädchen schon früh beigebracht, dass Mädchen unbedingt gut aussehen und mit ihren (eigentlich noch nicht vorhandenen) sexuellen Reizen kokettieren müssen. Spaß hin oder her, aber ich finde das too much. Ich empfehle den Film "Little Miss Sunshine" zu dem Thema.
blob123y 28.04.2015
5. Auf den Philippinen machen die das
seit wenigstens 30 Jahren.
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