"Scholl2017" vom Zentrum für Politische Schönheit Ethik und Ekel

Das Zentrum für Politische Schönheit wollte in München mit "Scholl2017" über den Widerstand in der Gegenwart reflektieren und erntete aggressiven Spott. Warum hat das Feuilleton so ein Problem mit der Moral?

Patryk Witt

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Ambivalenz ist das Wesen der Kunst. Ambivalenz auszuhalten, ist eine Voraussetzung für das Überleben in der Moderne. Ambivalenz auszuleuchten, ist, zum Teil wenigstens und idealerweise, eine Aufgabe der Kritik.

Was passiert aber, und was bedeutet es, wenn bei einer Künstlervereinigung wie dem Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) regelmäßig und mit immer größeren allergischen Reaktionen manche derjenigen, die eigentlich erklären sollten, was geschieht, ihre Ruhe, ihre Contenance, ihre Würde verlieren und vor lauter Ambivalenz nur noch zum Brüllen finden?

Man hat das ZPS, das Aktionskunst macht und sich gesellschaftlich-moralisch (Achtung, dazu kommen wir später noch) in einer Tradition sieht mit Helden der Humanität wie Elie Wiesel oder Rupert Neudeck und künstlerisch-ästhetisch unter anderem mit Christoph Schlingensief, schon vieles vorgeworfen - faschistoid seien sie, antimodern oder vor allem ein Eitelkeitsprojekt ihres sichtbarsten Kopfes Philipp Ruch.

In München nun, wo das Zentrum am Donnerstag Abend in den Kammerspielen ihre aktuelle Aktion mit einer Kandidatenkür präsentierte, wurde eine andere, brachialere Variante der Anfeindung deutlich - sehr vehement und ziemlich enthemmt - was mehr über den Zustand und das Selbstverständnis mancher Journalisten und Feuilletonisten aussagt als über das Wesen der Zentrums-Kunst.

Ruch wolle das Publikum "verarschen", fauchte einer noch vor dem Beginn der Aktion, ein anderer rief Ruch später bei der Pressekonferenz zu, er sei ein "Granatenarschloch" - wobei sich eben einerseits die Frage stellt, ob manche Journalisten in dieser Zeit der tiefen Sinn- und Legitimationskrise der Publizistik überhaupt noch ihre Rolle kennen oder verstehen, und man sich andererseits fragt, warum diese Leidenschaft und Härte sonst kaum zu finden ist: Man könnte so ja zum Beispiel auch manchen Leitartikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einfach mal zusammenbrüllen.

Anleitung zum Widerstand

Was hatte sie also so gereizt? "Scholl2017" heißt die Aktion, es geht in einem höheren Sinn darum, Anleitungen zum Widerstand zu geben, und konkret, Menschen zwischen 14 und 24 Jahren zu finden, die in der Tradition der Geschwister Hans und Sophie Scholl Flugblätter gegen eine Diktatur ihrer Wahl verteilen, eine öffentliche Kandidatensuche, den Gewinnern winkt eine Reise in die von ihnen bevorzugte Diktatur.

Man könnte nun überlegen, was es heute heißt, Widerstand gegen eine Diktatur zu leisten, in dieser Gesellschaft, die sich mehr und mehr von den Problemen der Welt abschottet, und in anderen Gesellschaften, Türkei, Saudi-Arabien, China, die politisch ab und zu symbolisch kritisiert werden, tatsächlich aber natürlich als wirtschaftliche und geopolitische Partner behandelt werden.

Man könnte überlegen, wie sinnvoll und nötig es bei einer solchen Aktion, die in gewisser Weise auch auf das eigene Scheitern zielt, ist, ein bayerisches Ministerium zu erfinden, für Bildung, Kultur und Demokratie, in dessen Namen zu der Aktion aufgerufen wird - ob diese Ebene der Verwirrung nicht wegführt von der Frage, wie Einzelne Widerstand leisten können, wie es die Scholls vor 75 Jahren taten, als sie die Flugblätter gegen Hitler in der Münchner Universität platzierten.

Das Gedenken als Kunstwerk

Man könnte ästhetisch oder politisch argumentieren, so wie man das auch bei den anderen Aktionen konnte, als das Zentrum etwa die Kreuze der Toten an der deutsch-deutschen Grenze abmontierte und an die europäischen Außengrenze brachte - die Reaktion war eine Empörung über das angeblich geschändete Gedenken an diesen deutschen Toten, während das aktuelle und politisch geduldete Sterben an den Außengrenzen in dieser Argumentation weniger schockierend wirkte.

Diese Aktion war auch deshalb so gelungen, weil sie den Raum der Kunst radikal erweiterte und die Diskussion über das Gedenken selbst zu einem Kunstwerk machte, das man nach den Regeln der Kritik beschreiben konnte - eine Sprache also, die sich dem Raum der Politik entzieht, was dann für manche, die Walter Benjamins Text über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" noch aus dem Proseminar kannten, gleich danach klang, als wolle man die Politik ästhetisieren und das sei eben, jetzt und für immer, Faschismus.

Abgesehen davon, dass - bei aller Verehrung für ihn - diese etwas mechanische Deutung Walter Benjamins nicht für alle Zeiten und eins zu eins auf heute anzuwenden ist und, ja, die Politik auch mit ästhetischen Mitteln oder mit Worten wie Schönheit konfrontiert werden kann, ohne dass man gleich ein Nazi ist: Woher kommt in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft der Hang, die Kunst nach Regeln zu beurteilen, die man selbst nicht einhält, und den brennenden Kern, den eigentlichen Skandal zu übersehen?

Oder, anders gesagt, dient die oft hyperventilierende Kritik am ZPS dazu, eben die Diskussion über die ja tatsächlich glühende Scham zu vermeiden, die etwa das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer bedeutet? Ruch selbst bezieht sich bei seinem Tun oft auf Varian Fry, der Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten gerettet hat, Ruchs Antrieb ist das Das-darf-nie-wieder-Geschehen - das heute offensichtlich weitgehend zu Schulterzucken und immer öfter auch zu aggressiven Anwandlungen führt.

In Zeiten des Merkeltums

Und in vielem ist das nun die eigentlich interessante Wirkung einer Aktion wie "Scholl2017": Der öffentliche Raum, in dem diese Aktion stattfindet, ist naturgemäß der mediale, wir leben nun mal in einem medialen Zeitalter, und der latente Selbsthass mancher Medienmenschen, der sich gegenüber dem Zentrum in Vorwürfen wie "Eitelkeit" oder "Manipuliation" äußert, ist vor allem deshalb so problematisch, weil er eben nicht dazu führt, ein Gespräch über die bei diesen Aktionen angesprochenen Skandale zu beginnen.

Und die Skandale sind ja real. Aber in diesen Zeiten des Merkeltums, also des Phlegmas, der scheinbaren Einigkeit und des gedankenleeren Konsens, haben sich viele wieder angewöhnt, diese Skandale wegzuschieben, und denen, die sich nicht damit abfinden wollen, das scheinbar schlimmste Schimpfwort dieser Tage an den Kopf zu werfen: Moral. Es ist der alte Max-Weber'sche Trick, denen, die "das Gute" wollen, Gesinnungsethik zu unterstellen, so nennen sie das dann, als sei damit alles erklärt und alles gesagt und die Moral wieder dorthin verbannt, wo sie hingehört, ins Asyl der verblendeten Romantiker.

"Die Zeit" etwa, die wohl eine Verweichlichung der eigenen Mitte fürchtet, hat vor einer Weile die "Gutmenschen" zum Ziel gehabt, unter anderem auch Philipp Ruch, dem mangelnder Humor und mangelnde Ambivalenz vorgeworfen wurde. Aber was bedeutet das für eine Epoche wie diese und was bedeutet es für Journalisten, wenn sie ohne den Begriff der Moral hantieren wollen? Die Frage nach der Moral hält eine Gesellschaft lebendig, weil Moral ja etwas ist, einerseits beständig ist, die Werte eben, die man die unveräußerlichen nennt, und gleichzeitig eine ständige Diskussion erfordert, wie diese Werte nun heute anwendbar sind.

Martin Schulz hat neulich die Kanzlerin dafür angegriffen, dass sie mit ihrer Ich-mache-alles-für-alle-Haltung das Wesen der Politik zerstören würde, weil sie das Gespräch, den Diskurs, den Streit unmöglich mache. Da war, bei aller SPD-typischen Verzagtheit und Verzweiflung, etwas Wahres dran.

Streiten also kann man ja und soll man ja, gern über die Aktionen des ZPS. Aber konstruktiv sollte dieser Streit eben sein, man sollte wenigstens den Versuch machen, die Kunst - und die Ambivalenz - zu nutzen, um die eigenen Gegenwart sichtbar zu machen.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Darmok Jalad 30.06.2017
1.
Ich finde dass die Leute vom ZPS das Herz am rechten Fleck haben aber leider schlechte Künstler sind. Die Aktionen haben Botschaften die ich ohne weiteres unterschreiben würde sind aber leider in der Ausführung plump bis dumm.
mettwurstlolli 30.06.2017
2. Bin kein Kunstexperte
Aber die Namen von zwei Menschen, die für ihren Widerstand gegen eine Diktatur sterben mussten, für eine mehr oder weniger hipstermäßige Kunstaktion zu missbrauchen, finde ich geschmacklos. Das Abmontieren von Gedenkkreuzen an der ehemaligen Grenze und die Verschleppung von Flüchtlingsleichen übrigens auch. Kann da nichts "künstelrisches" und erst recht nichts "schönes" dran finden.
sponor 30.06.2017
3. Danke
Es gibt offenbar noch Menschen, die es sich nicht zeitgeistgemäß ... im Zynismus trifft es nicht, das erforderte zu viel Meinung... in bräsiger, kurzsichtiger Empathiefreiheit(?) eingerichtet haben.
kleinbürger 30.06.2017
4. streiten
zitat : "Streiten also kann man ja und soll man ja, gern über die Aktionen des ZPS. Aber konstruktiv sollte dieser Streit eben sein, man sollte wenigstens den Versuch machen, die Kunst - und die Ambivalenz - zu nutzen, um die eigenen Gegenwart sichtbar zu machen". wie sagte mao schon in seinem bergversteck : wenn man regeln für das streiten festlegt dann lohnt das streiten nicht.
rapidus 30.06.2017
5. endlich wieder deutsche Sprache im Spiegel, danke
nach so vielen einfältigen, eingängigen, einfachen Spiegel Artikeln nun eine erfrischend durchreflektierte Auseinandersetzung mit dem Zentrum für Politische Schönheit und eine Auseinandersetzung mit der Auseinandersetzung - das krönt diesen Tag.
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