Schriftenerfinder Erik Spiekermann "Das kleine a sieht sehr menschlich aus"

Seinen Ideen kann man nicht entkommen: Durch seine zahllosen Schriften und Leitsysteme hat der Kommunikationsdesigner Erik Spiekermann die Optik des deutschen Alltags geprägt wie kaum einer sonst. Jetzt zeigt das Berliner Bauhaus-Archiv einen Querschnitt durch sein Lebenswerk.


Ein Klassiker unter den Berliner Museen ist das "Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung" mit seinen Ausstellungen des Bauhaus-Designs - die Möbel, die Architektur- und Bühnenentwürfe, die Fotos, Bilder und Keramiken der berühmten Bauhaus-Meister und ihrer Schüler muss man einfach mal im Original gesehen haben. Aber das Bauhaus-Archiv heißt auch noch "Museum für Gestaltung". Und diesem Zusatznamen macht die derzeitige Sonderausstellung "erik spiekermann.schriftgestalten" endlich einmal Ehre.

Erich Spiekermann, geboren 1947, Kommunikationsdesigner, Typograf und Schriftentwerfer, Unternehmer, Honorarprofessor und Ehrendoktor, der im Februar 2011 vom Rat für Formgebung für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Designpreis ausgezeichnet worden ist, gilt in der Grafik-, Design- und Typografie-Szene als einer der ganz Großen.

Aber auch jeder, der den Namen Spiekermann noch nie gehört hat, ist seiner Arbeit unbewusst - zum Beispiel einer Schrift oder einem Logo - schon begegnet. Bei der Deutschen Bahn zum Beispiel. Für deren Kommunikation hat er Layout und Design entworfen. Wer in Berlin die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, kennt die Fahrgast-Informationssysteme - von Spiekermann - oder steht an gelben Bushaltestellen mit dessen Schrift und gelb-grünen Logos. Spiekermann hat für den Düsseldorfer Flughafen nach der Brandkatastrophe 1996 innerhalb von sechs Wochen ein ganzes Leitsystem neu gestaltet und installiert, er hat Logos für das ZDF, für Audi und VW entworfen und die Erscheinungsbilder vom britischen Magazin "Economist" bestimmt. Und für die "Inszenierung einer Botschaft in der Fläche", so beschreibt er Typografie, hat er viele neue Schriften entwickelt, u.a. für Apple und Adobe.

Das alles ist in einem Querschnitt durch das Lebenswerk des Kommunikationsdesigners nun in einem großen Raum im Bauhaus-Archiv zu sehen. Die Gestaltung der Ausstellung kommt natürlich vom Tausendsassa Spiekermann. "In Arbeit" sei das "ausgeartet" schreibt er in seinem Blog, und mit dick aufgetragener Bescheidenheit schreibt er weiter, sein eigenes Archiv habe den Namen nicht verdient, "doch am Ende haben wir etwas zusammengestückelt, das zumindest zur Eröffnung 700 Besucher anzog - so viele kommen sonst nicht in diese heiligen Hallen".

Auch jetzt, nach der Eröffnung, kommen so viele Besucher, dass es mit den dicht an dicht in der Mitte des Raumes hängenden rund 30 Schriftfahnen, den schräg stehenden Stellwänden, einigen Büchervitrinen oder den originalen Bus-Haltestellen-Säulen ziemlich eng in der Ausstellung werden kann. Und man muss schon Glück haben, wenn am interaktiven "Forschungstisch" gerade keiner steht, der sich vom dargestellten Spiekermannschen Netzwerk aus Designbüros und Grafikdesignern in aller Welt beeindrucken lässt.

Was die Deutsche Post nicht wollte, wird heute im MoMa ausgestellt

Aber nicht nur über seine internationalen Verbindungen staunt man. Welche Konzentration und Geduld muss einer aufbringen, der eine Schrift entwickelt. Das genau ist in der Schau zu sehen: wie Spiekermann immer wieder und weiter an Strichstärken, an Serifen, Ober- und Unterlängen, Rundungen und Anschlüssen zeichnerisch feilt und feilt. Nach viel Vernunft und Verstand sieht das aus, nach Geduld, Präzision und viel Mechanik. "Alles hat eine Riesenbedeutung", sagt Spiekermann, "ob die Buchstaben nun klein oder groß, fett oder mit Serifen sind, ob rot oder grün, alles nimmt man unbewusst wahr und alles prägt sich gänzlich unbemerkt ein."

Was am Ende bei ihm dann als fertige Schrift herauskommt, erscheint perfekt: Man hat den Eindruck, genau so und kein bisschen anders müssen die Buchstaben aussehen - so, als seien sie untereinander in bester Harmonie, als hätten sie eine Haltung und einen Charakter. Er liebe besonders das kleine a hat Spiekermann mal gesagt: "Es ist die schönste Figur, weil es sehr menschlich aussieht, nach vorne schreitend nach links blickt, ich seh' da unheimlich viel Leben drin."

Ein spinnerter Schwärmer ist er allerdings nicht, auch nicht, wenn seine Referate, zum Beispiel über ein kleines g, schon mal recht blumig ausfallen können. Langweilig sind seine Vorträge mit vielen schnellen Worten, auch mit Polemik und Selbstironie, und immer mit Leidenschaft vorgetragen, jedenfalls nie. Schon weil Spiekermann laut und ehrlich sagt, was er denkt.

"Typografieminister" wäre er gern geworden, schon allein, um bestimmte Schriften zu verbieten. "Arial" wäre dabei gewesen, die zum Beispiel sei "Umweltverschmutzung", sagt Spiekermann. Wahrscheinlich hätte er dann 1984 an der Deutschen Post Rache geübt, für die er damals eine Schrift entwickelt hatte, die sie dann nicht haben wollten. Dabei war er mit seiner "FF Meta" der Entwicklung ein Jahrzehnt voraus, denn die 1991 veröffentlichte "Meta" hatte bereits eine digitale Zukunft und wurde zu einer der meist verkauften Schriften der letzten zwanzig Jahre. Stinksauer war er damals und stolz ist er heute über eine späte Genugtuung: Gerade hat das New Yorker Moma "Meta" in die Designabteilung aufgenommen und ausgestellt.

Alle seine Schriften, die seit 1979 entstehen, und wie sie in Büchern, Zeitschriften, Infoblättern und auf Webseiten aussehen und demnächst sogar auf den Ferntrassen Europas, ist in der Schau zu sehen. Fotos zeigen, wie Spiekermanns Stadtlogos wirken und wo oder wie seine Leitsysteme eingesetzt werden. Sein Produktlogo "Tscho" wird auf ganzen Schokoladenpackungen in einer kleinen Vitrine demonstriert. Und sieben Grundsätze des Büros "edenspiekermann" sind in Schrift und in daneben stehende Zeichnungen umgesetzt. Der siebente heißt: "Bezahlen Sie uns. Unsere Arbeit bringt Ihnen Erfolg, also investieren Sie in unsere Zukunft."

Das kann man nur unterstützen. Denn wie würde die Welt ohne Spiekermann wohl aussehen?


"erik spiekermann. schriftgestalten". Berlin. Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. Bis 6. Juni.



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
the_flying_horse, 12.04.2011
1. Künstler im Stillen
Schriftenerfinder sind so die Künstler im Stillen - jeder sieht sie bzw. ihre Arbeit aber niemand nimmt sie so richtig wahr. Aber ihre Arbeit ist enorm wichtig... dieser Beitrag in einer anderen Schriftart geschrieben, wäre vielleicht völlig unleserlich...
Eva B, 12.04.2011
2. ...
Zitat von the_flying_horseSchriftenerfinder sind so die Künstler im Stillen - jeder sieht sie bzw. ihre Arbeit aber niemand nimmt sie so richtig wahr. Aber ihre Arbeit ist enorm wichtig... dieser Beitrag in einer anderen Schriftart geschrieben, wäre vielleicht völlig unleserlich...
Umso beeindruckender ist es, sich ein Referat eines Schriftgestalters über seine Arbeit anzuhören. Der Laie wird über das umfassende historische und technische Hintergrundwissen staunen. Und wer Aufträge für die Gestaltung von Kommunikationsmitteln vergibt, bekommt eine Vorstellung vom Aufwand, der in einer hochwertigen Schrift steckt - und damit mehr Verständnis für die Kosten.
gertpablo 12.04.2011
3. Spiekermann ist ein Fanatiker
Man sollte es tunlichst vermeiden mit ihm über Schrift zu reden, sonst kommt man zu nichts anderem. Der kann sich stundenlang über die Spannung einer Kurve unterhalten. Seine Ehrung war längst überfällig. Aloha
quasisozusagen 12.04.2011
4. 90er Jahre Design
Von den Spiekermann-Schriften gibt es keine mehr, die noch aktuell aussieht. Meta und Officina sehen extrem nach 90er-Jahre aus, das "g" der Meta ist eine Krankheit. Unit ist nicht ganz so schlimm, wirkt aber durch die schmalen Buchstaben extrem verkniffen und ist kaum zu benutzen. Die neueren Serifvarianten, bei denen er nur Art Director war, sind nicht viel besser. Meta Serif hat wieder das kranke "g", Unit Slab ist zu schmal und zu verkniffen (sogar für seine eigene Design-Firma mussten sie die stretchen). Richtige Klassiker sind das alle nicht. Schriften auf dem Level kommen heute 5 pro Jahr raus. Frutiger dagegen sieht noch nach 35 Jahren frisch aus.
Fackus 12.04.2011
5. eigentlich ganz simpel
Serifenschriften sind Gift fürs Auge, die anderen sind gut lesbar. Da braucht man keinen Typoerfinder dazu.
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