Schriftsteller Henry Jaeger ist tot

Seine ersten Werke hatte der Autor im Gefängnis auf Toilettenpapier verfasst. Der Schriftsteller und ehemalige Chef der berüchtigten "Jaeger-Bande" ist im Alter von 73 Jahren im Tessin gestorben, teilte seine Lebensgefährtin mit.


Im September 1956 war Jaeger in Deutschland wegen einer Serie von bewaffneten Raubüberfällen und Einbrüchen zu einer zwölfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden.

In der Haft begann er zu schreiben. Nach ersten Stilübungen und Kurzgeschichten auf Toilettenpapier erhielt er 1959 eine offizielle Schreiberlaubnis und den Auftrag, die Gefangenenzeitschrift "Die Brücke" redaktionell zu leiten. Sein 1961 in der Haft fertig gestellter Erstlingsroman "Die Festung" erzählt die Geschichte einer sozialen Randgruppe der restaurativen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren. Er fand große Aufmerksamkeit und wurde 1970 verfilmt.

Nach zahlreichen Gnadengesuchen wurden 1963 die letzten vier Jahre von Jaegers Strafe zur Bewährung ausgesetzt. In dieser Zeit arbeitete er als Volontär und dann als Lokalredakteur bei der "Frankfurter Rundschau". Mit zwei weiteren in viele Sprachen übersetzten Büchern - dem noch in Haft geschriebenen und 1963 erschienenen Roman "Die Rebellion der Verlorenen" und dem 1964 herausgegebenen Gefängnisroman "Die bestrafte Zeit" - etablierte sich Jaeger als Autor und als engagierter Anwalt sozial Benachteiligter.

Weitere Werke sind "Der Club" (1969), "Hellseher wider Willen (1977), "Onkel Kalibans Erben" (1981) sowie der Krimi-Thriller "Amoklauf" (1982). Das 1989 herausgegebene Bergarbeiterdrama "Glückauf Kumpel oder Der große Beschiss" wurde später verfilmt und 1995 unter dem Titel "Tod auf der Halde" im ZDF gesendet. Sein jüngstes Werk "Schnee" - ein Krimi aus dem Drogenmilieu - präsentierte Jaeger 1995 auf der Frankfurter Buchmesse.



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