S.P.O.N. - Der Kritiker Der christliche Trick

Eine Grundlage des christlichen Glaubens lautet: Wer sich schuldig macht, kann beichten - so verringert sich die Schuld. Aber was ist dann mit dem Holocaust, der Existenzgrundlage des heutigen Deutschlands?


Es ist eine seltsame Sache mit der Schuld: Sie hat eine eigentümliche Dynamik - die Vorstellung, dass sie ewig bleibt und dabei verschwindet, ist eine der Grundlagen des christlichen Glaubens.

Das ist der christliche Trick: dass sich Schuld, indem man sie beschwört oder beichtet, verringert - Gottes Sohn, für uns geopfert, trägt unsere Schuld.

Die christliche Kultur ist schließlich eine Schuldkultur, eine Opferkultur und damit eine Täterkultur - das sind die Begriffe, nach denen menschliches Leid ermessen und sortiert wird, sie geben Halt, selbst wenn die Sinnlosigkeit noch so groß ist.

Schuld funktioniert dabei in beide Richtungen: Man kann sie benutzen, um andere einzuschüchtern, man kann sie benutzen, um sich selbst zu erleichtern.

Sie kann sogar etwas Eitles haben, die Schuld, die aus der tiefsten Selbsterniedrigung und im Eingeständnis der eigenen, Achtung, beliebtes Schuldwort: Fehlbarkeit eine Art Jubelstolz produziert.

Sich erniedrigen also, um sich zu retten. Sich schlecht fühlen, um sich besser zu fühlen. Schwäche zu zeigen, um daraus Stärke oder sogar Macht zu gewinnen, Macht über Menschen, Macht über die Gegenwart, Macht über die Vergangenheit.

Die Schuld ist damit eine narrative und eine politische Strategie, fast mehr noch als eine moralische: Sie steht am Anfang der Erzählung, sie ist der Strang, an dem entlang die Geschichte erzählt wird.

Die Frage ist, wann und warum die Schuld besonders thematisiert wird - am Karfreitag ist das klar, es gehört zur eingeübten (und/oder vergessenen) christlichen Tradition.

Aber was ist mit der anderen, der nicht unbedingt christlichen Schuld, der Schuld, die alles überwölbt: dem Holocaust, der die Existenzgrundlage des heutigen Deutschlands ist?

Es gibt dieses Deutschland nur wegen oder trotz des Holocaust - und es war kein Akt der Vergebung oder der Sühne, dass dieses Deutschland so entstehen konnte, wie es das tat, es war ein Akt des Pragmatismus und der Machtpolitik.

Die Deutschen selbst waren es, die das Reden über den Holocaust mit den christlich geprägten Begriffen verbanden: Das Wort von der Kollektivschuld war so ein Verlegenheitswort, das die Deutschen selbst erfanden, um sich, bekannte Schulddynamik, bald wieder davon zu distanzieren.

Was bedeutet es also, dass gerade jetzt, wo die letzten Überlebenden des Holocaust nach und nach sterben, die deutsche Schuld im deutschen Fernsehen fast im Monatstakt zelebriert wird?

Was bedeutet es vor allem, dass diese Arbeit am großen Grauen mit einer Gründlichkeit geschieht und mit einer gespielten Genauigkeit, die fast etwas Pornografisches hat?

"Wie spielt man Folter, Peter Schneider", fragte die "Bild"-Zeitung den Schauspieler, der die "grausamste Szene" in der grausamen Verfilmung des DDR-Romans "Nackt unter Wölfen" hatte, die am Mittwoch in der ARD lief.

Im Roman geht es um Kommunisten, die kurz vor Ende des Krieges 1945 einen Aufstand im Konzentrationslager Buchenwald vorbereiten, und um ein kleines Kind, das sie beschützen - im Fernsehfilm geht es nur noch um das Kind.

So ist das eben, im Melodram-Land D zur Melodram-Zeit 20.15/2015, so ist das, wenn sich die Deutschen staatlich subventioniert am Holocaust abarbeiten und dabei, das ist so ihre Art, das Plansoll übererfüllen: Das grausamste Grauen muss es sein, grob und voller Brutalitätslust, sie sind ja schließlich die Kinder und Enkel der Täter.

Und auch die Nähe, die das Grauen eigentlich verbietet, weil sie anmaßend ist, wird hier, zack, erzeugt - das ist die Methode "Nico Hofmann", dessen UMUV-Team auch hier verantwortlich war, das ist das süße Gift, das er mit seinen Filmen seit Jahren verbreitet als Monopolist der deutschen Schuld.

Man kann so einen Film nun inhaltlich kritisieren: dass der kommunistische Widerstand (im Gegensatz zum adligen Widerstand, der sonst rauf und runter gefeiert wird), kaum klar und sogar klein gemacht wurde.

Man kann so einen Film formal kritisieren: dass es einfach stumpf und ideenlos ist, immer die gleiche Selbstopferungsszene zu wiederholen zum klebrigen Grauensmoll des Melodrams.

Oder man kann so einen Film als Zeichen sehen: Es ist praktisch immer Ideologie im Spiel, wenn es um Geschichte geht - gegenwärtig leben wir in der Epoche neuer deutscher Macht, dazu passt ideologisch anscheinend die Beschwörung des Grauens ohne Grund.

Das Grauen wird Personen zugeordnet, die man mehr oder weniger verstehen kann in ihrer sehr schematischen Täter- oder Opferhaltung - das Grauen wird damit von der Gesellschaft, von Strukturen, von Interessen getrennt, das Grauen wird privatisiert und damit entpolitisiert.

Dabei sind die Konzentrationslager eben genau das Ergebnis von institutionellen und ideologischen Kräften, die wir gut verstehen können, so beschreibt das der in England lehrende deutsche Historiker Nikolaus Wachsmann - das KZ ist das, was dabei herauskommt, wenn man das Gefängnis, die Armee und die Fabrik kombiniert.

Sein Buch "KL: A History of the Nazi Concentration Camps" erscheint Mitte April. Ostern und der ganze Erlösungstrick sind dann schon vorbei.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
carlitom 03.04.2015
1.
Äh, nein. Das Beichten ist katholisch und nicht per se christlich (und Deutschland mit Sicherheit nicht mehrheitlich katholisch). Da die Grundlage der These schon so falsch ist, braucht man den Rest nicht mehr zu lesen.
diefreiheitdermeinung 03.04.2015
2. Was will er uns eigentlich sagen ?
ich bin zwar nicht ganz blöd aber eigentlich ist es mir nicht gelungen Sinn und Zweck von Herrn Diez' Kolumne an irgendetwas Bedeutsamen festzuhalten. Es sei denn, dass er eigentlich die christliche Religion für all das Böse an den Deutschen verantwortlich machen wollte aber wegen Karfreitag und Ostern es wahrscheinlich nicht wagte in die Blasphemie abzugleiten. So bleibt dann nur noch die völlig falsche Behauptung die BR Deutschland gäbe es nur wegen des Holocaust. Das ist Unsinn. Die BRD gibt es weil das 3. Reich einen Weltkrieg verloren hat (den hätte es auch ohne Holocaust verloren) und weil die Siegermächte es sich so ausgedacht haben. Aber wie gesagt, was Herr Diez wirklich sagen will bleibt mir heute am Karfreitag irgendwie schleierhaft aber ich bin sicher es wird nicht wenige Diez-Jünger geben, die nun wahrscheinlich einen Sturm der Entrüstung über mich brausen lassen. Also ich bitte um Vergebung für meine Schuld .....
aussächsischersicht 03.04.2015
3. Lieber Herr Diez,
das mit der Existenzgrundlage kann man wirklich in mehrerer Hinsicht arg missverstehen: - Glauben Sie im Ernst, dass Deutschland heute wirtschaftlich vom Holocaust existiert!? Das ist schon ziemlich heftig. - Moralisch: Finden Sie das nicht ein bisschen sehr verengt!? Klar gibt es daran nichts schönzureden. Aber man darf halt nicht übersehen, dass die Entstehung des Hitlerfaschismus mit einem sehr durchsichtigen Versuch zur Beendigung oder generellen Einschränkung der deutschen Staatlichkeit verbunden war, nämlich dem Unfrieden von Versailles. Hitler war sicher ein Imperialist von Fleisch und Blut mit allen bekannten Verbrechen, aber so gut wie keiner der Konflikte, die er als Hebel nutzte, war von ihm geschaffen worden. Diplomatisch formuliert war es eher so, dass schon lange bestehende Konflikte durch Versailles, Saint-Germain etc. noch mal so richtig angeheizt wurden. Unsere ganze Existenz auf dieses Kapitel und die Vorkapitel aufzubauen könnte zwar manchem der Opfer aus dem Herzen sprechen, aber eigentlich nur den richtig Rachsüchtigen. Der normale Mensch wird eher - und das nennt man dann Völkerverständigung - versuchen, konstruktive Schlussfolgerungen für die Zukunft zu suchen - und das bedeutet, sich darüber klar zu werden, dass zu Konflikten immer zwei Seiten gehören (man also die andere Seite jeweils zumindest anhören muss). Und, als Nachgeborener muss ich Ihnen ganz klar sagen, dass ich die (moralische wie materielle) Vollinanspruchnahme meiner Person für Ereignisse vor meiner Zeit einzig aufgrund meiner Nationalität als eine Handlung ansehe, die allen Kriterien des Begriffes "Rassismus" gerecht wird. Dazu haben Sie einfach kein Recht, also überlegen Sie sich gefälligst, was für Schlagworte mit welcher Wirkung Sie verwenden.
jozu2 03.04.2015
4. Holocaust als Existenzgrundlage?!?
Sehr geehrter Herr Diez! Wie kommen Sie dazu ganz Deutschland nach christlichen Maßstäben zu beurteilen? Es gibt in Deutschland viele Kirchensteuerzahler, aber nur wenige echt gläubige. Und dann betreiben Sie auch noch Rosinenpickerei! Wenn es um die Schuld Deutschlands geht, greifen Sie auf das AT zurück: die heutigen Deutschen sind schuld am Holocaust, weil "die Sünden der Väter werden gerächt bis ins dritte Glied", aber die Vergebungsmechanismen wollen Sie nicht gelten lassen?!? Generell bitte ich bzgl. unserer Großeltern zwischen Nazis und Deutschen zu unterscheiden. Nicht jeder Deutsche war ein Nazi - das ist eine Behauptung aus der amerikanischen Besatzungspropaganda. Für mich kann ich jedenfalls feststellen, dass ich keine Schuld habe - und dazu brauche in nicht beichten zu gehen!
Hornblower, 03.04.2015
5. Heute am Karfreitag
interessiert mich nur unsere Schuld, die uns Christus und jedem anderen, vor allem aber seinen Landsleuten vergeben hat. Man versuche es mal ganz ohne Schuld, wer schafft denn das? Keiner, da die möglichen Anlässe in die Trilliarden gestiegen sind. Vielleicht steht zu Beginn der Erzählung die Schuld, es kann aber auch die schwatzhafte Person von nebenan gewesen sein.
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