Schulfrust bei "Hart aber Fair" Hassliebe zu Paukern

Lehrer sind Mangelware - in doppelter Hinsicht. Zwar machte Plasbergs Schul-Talk klar, dass das Land dringend mehr Unterrichtskräfte braucht. Dennoch bleibt der Ruf der Pädagogen widersprüchlich - für die einen sind sie Witzfiguren, für die anderen Heilsbringer.

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Der Mann aus dem Ländle ist auf Einkaufstour. Nachdem Günther H. Oettinger, Ministerpräsident aus Baden-Württemberg, unlängst während einer Arbeitsmarktdebatte bei Maybrit Illner hoch qualifizierte Einwanderer in sein Bundesland locken wollte, warb er am Mittwoch bei Frank Plasberg nun um Gymnasiallehrer. Einem taxifahrenden Pädagogen aus Berlin mit Einser-Abschluss, der ebenfalls auf dem Talk-Podium saß, wollte er denn auch gleich seine Telefonnummer zur Verabredung eines persönlichen Einstellungsgespräches zustecken.

Moderator Plasberg: "Lockt dieses System die richtigen Lehrer an?"
WDR/Sachs

Moderator Plasberg: "Lockt dieses System die richtigen Lehrer an?"

Zwar meldeten sich im Laufe der Sendung per Telefon und Internet zuhauf arbeitslose Lehrer aus Oettingers Einflussbereich, die selbst vergeblich auf eine ähnliche Offerte ihres Landesvaters warteten – doch verdeutlichte dessen telegener Aktionismus recht schön, dass der Marktwert der Bildungskräfte steigt. Oder auch nicht.

Ein sonderbarer Widerspruch trat nämlich gestern Abend in dem Talk mit dem Titel "Armutszeugnis für die Schule – sparen wir die Zukunft unserer Kinder kaputt?" zutage: Luxusgut und Spottobjekt – der Pädagoge ist hierzulande beides. Und beides mehr denn je. Während auf YouTube immer härtere Mobbingvideos von Lehrern abzurufen sind, von denen bei "Hart aber fair" ein besonders unschönes gezeigt wurde, so werden sie auf dem Arbeitsmarkt immer stärker umworben.

Im Laufe der Sendung ließ Plasberg als Beispiel in einem Einspieler von einem Berliner Englischlehrer berichten, der sich bei seiner Klasse größter Beliebtheit erfreut. Allerdings bekommt er in der Hauptstadt nur 2000 Euro, während Hamburg 3000 bietet. Um ihn zu binden, boten die Eltern der Schüler an, ihm 500 Euro aus eigener Tasche zu zahlen.

Zeigt dieser Fall nun, dass Bildung, die prinzipiell jedem gleich zugänglich sein sollte, endgültig zum Objekt eines freien Marktes pervertiert ist – oder verdeutlicht er nur, dass Lehrer endgültig in der normalen Arbeitswelt samt ihrer komplizierten Verhandlungsabläufe angekommen sind, wie Moderator Plasberg provokant behauptete?

Fest steht auf jeden Fall, dass der Bedarf an Lehrern in den nächsten Jahren drastisch zunehmen wird. Josef Kraus, der ebenfalls anwesende Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Direktor eines Gymnasiums in Bayern, brachte es arithmetisch alarmierend auf den Punkt: "Von bundesweit 800.000 Lehrern gehen demnächst 300.000 in Rente."

Bildungspolitik nach dem Hire-and-Fire-Prinzip?

Vorgesorgt hat man für dieses absehbare Szenario leider nicht. Schließlich galt in Politikerkreisen lange Zeit das Pauker-Bashing als schick. Da muss man gar nicht Gerhard Schröders bekanntes Zitat über die "faulen Säcke" hervorkramen – auch der heute so bildungsbeflissene Oettinger nannte Lehrer vor noch gar nicht langer Zeit pauschal "faule Hunde", wie ihm Plasberg gleich zu Anfang genüsslich unter die Nase gerieben hatte.

Bleibt also die Frage, wie man möglichst schnell Lehrer in Ausbildung bringt – und ob diese Ausbildung hierzulande überhaupt taugt. Quasi als Qualitätsprüferin hatte man Miriam Böhm, Vorstand der LandesschülerInnen Vertretung Nordrhein-Westfalen, eingeladen. Die 17-Jährige beschwerte sich über die zum Teil mangelnde Motivation des Erziehungspersonals an ihrer Schule, räumte jedoch auch ein, dass es gegen mögliche brutale Ausfälle von Seiten der Schüler gewappnet sein müsste.

Aber bereitet die angehenden Lehrer überhaupt jemand auf das potentielle Monster namens Schüler vor? "Nein, sie werden von der Uni entlassen und haben keine Ahnung von Unterricht", meinte dazu Alexander Lohse, der eingangs erwähnte taxifahrende Lehrer mit Einser-Abschluss.

Die praktische Seite kommt während des Studiums also zu kurz; zumal es in dieser Zeit keine Instanz gibt, die die praktische Qualität der angehenden Lehrer überprüft. Oft schleppt man sich eben auch nur so durchs Bildungssystem, weil es ja sonst nichts zu tun gibt. Das gestand vorsichtig auch Lehrerfunktionär Kraus ein: "Wir brauchen mehr Praktika mit Mentoren, die einem 22-Jährigen sagen können: Mach lieber was anderes."

Schon zu Anfang der Sendung hatte Frank Plasberg ja polemisch gefragt: "Lockt dieses System die richtigen Lehrer an?" Ob in der Ausgestaltung des Schulwesens nach Marktgesichtspunkten die Zukunft liegt, darf jedoch bezweifelt werden.

Besonders drastisch wurde das gestern am Beispiel des Berliner Einser-Pädagogen aufgezeigt. Der fand zwar als Ersatzlehrer Anstellung, sollte sich aber über die Ferien selbst über die Runden bringen, um dann nach der Sommerpause wieder angestellt zu werden.

Bildungspolitik nach dem Hire-and-Fire-Prinzip – wie soll ein Lehrer so Verantwortung übernehmen können? Da erscheint das Taxifahren tatsächlich als saubere und grundsolide Alternative.



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Seite 1
Schneemann_, 21.08.2008
1. 1er Pädagoge arbeitslos - was stimmt da wohl nicht?
Ich bin kein Pädagoge, sondern lediglich hochqualifiziert und musste nun 350 KM von meiner Lieblingsstadt wegziehen ... und zwar mit Frau und 3 Kindern, 2 davon bereits schulfplichtig. Sonst wär ich jetzt auch arbeitslos oder könnte Taxi fahren. Wieso stellte dem jungen Mann da (ohne Familie) gestern abend niemand die Frage, ob man bei derartiger Unflexibilität nicht auch einen Teil Mitschuld an der eigenen Misere trägt?
detommy 21.08.2008
2. Sendung
Die Sendung habe ich ebenfalls verfolgt und konnte zum 1er Pädagogen nur den Kopf schütteln. Da waren Worte zu hören wie "einen Berliner verpflanzt man nicht". Und das in dem Alter... Und keine Spur der Selbstkritik. Der ein oder andere bekommt dann doch was er verdient...
bcdb 21.08.2008
3. #
Zitat von Schneemann_Ich bin kein Pädagoge, sondern lediglich hochqualifiziert und musste nun 350 KM von meiner Lieblingsstadt wegziehen ... und zwar mit Frau und 3 Kindern, 2 davon bereits schulfplichtig. Sonst wär ich jetzt auch arbeitslos oder könnte Taxi fahren. Wieso stellte dem jungen Mann da (ohne Familie) gestern abend niemand die Frage, ob man bei derartiger Unflexibilität nicht auch einen Teil Mitschuld an der eigenen Misere trägt?
Weil es die vornehme Aufgabe des Staates ist, gut bezahlte Arbeitsplätze dort zu schaffen, wo sich der potentielle Arbeitnehmer befindet. Wir leben schließlich in einer sozialen Marktwirtschaft. Alles andere wäre neoliberaler Manchesterkapitalismus. Flexibilität ist mit der Würde des Menschen nicht zu vereinbaren, weil der Staat das Individuum nicht aus seinem sozialen Umfeld reißen darf. Nun ernsthaft: Sie haben vollkommen Recht.
funker alois 21.08.2008
4. Einser Pädagoge als Taxifahrer
Der in der Hauptstadt Taxi fahrende Einserpädagoge hat sich gestern Abend mein uneingeschränktes Mitleid hart erarbeitet! Seine Fahrgäste sind sicher selten aufmüpfige Bengel eines Hauptstadtgymnasiums sondern eher des Deutschen nicht voll mächtige Leute oder Englisch sprechende Touristen oder Geschäftsleute - und für Deutsch und Englisch ist er ja Einserpädagoge.
bcdb 21.08.2008
5. #
Zitat von funker aloisDer in der Hauptstadt Taxi fahrende Einserpädagoge hat sich gestern Abend mein uneingeschränktes Mitleid hart erarbeitet! Seine Fahrgäste sind sicher selten aufmüpfige Bengel eines Hauptstadtgymnasiums sondern eher des Deutschen nicht voll mächtige Leute oder Englisch sprechende Touristen oder Geschäftsleute - und für Deutsch und Englisch ist er ja Einserpädagoge.
Ich kenne ja einige Lehrer und merkwürdigerweise sind die alle "Einserpädagogen". Ist das eigentlich eine besondere Leistung oder ist ein Schnitt von 1,3 oder 1,7 nicht eher die Norm?
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