Schwabinger Kunstfund: Gurlitt sieht sich zu Unrecht verfolgt

Sammlung: Cornelius Gurlitt und der Münchner Kunstschatz Fotos
DPA

Cornelius Gurlitt lebte jahrzehntelang mit mehr als tausend Kunstwerken zusammen. Nun hat er exklusiv mit dem SPIEGEL über seine Sicht der Dinge gesprochen. Das Vorgehen der Justiz gegen ihn und Ansprüche von Behörden und NS-Überlebenden kann er nicht nachvollziehen.

Hamburg - Cornelius Gurlitts Perspektive ist eindeutig: Die mehr als 1000 Kunstwerke, die er in seiner Schwabinger Wohnung aufbewahrte, gehören ihm. Die Kunstwerke seien von seinem Vater rechtmäßig erworben worden, sagte Gurlitt dem SPIEGEL. Zum ersten Mal seit dem Fund des Kunstschatzes äußerte sich Gurlitt damit selbst zu den Vorwürfen. Gegenüber der SPIEGEL-Reporterin Özlem Gezer, die Gurlitt 72 Stunden lang begleitete, wies der 80-Jährige das Vorgehen der Augsburger Staatsanwaltschaft kategorisch zurück. Er sieht sich als Opfer der deutschen Behörden, als zu Unrecht Verfolgter. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im digitalen SPIEGEL.)

Gespräche mit deutschen Behörden lehnt Gurlitt nicht ab, die Rückübertragung der Kunstwerke schon. Dem SPIEGEL sagte er: "Freiwillig gebe ich nichts zurück." Die Behörden streben eine einvernehmliche Lösung mit Gurlitt an - nicht zuletzt, weil ihr Vorgehen, die Beschlagnahmung der Werke, juristisch fragwürdig ist.

Kann Gurlitt sich noch immer auf Nichtwissen berufen?

Gurlitts Wohnung wurde im Februar 2012 wegen möglicher Steuerhinterziehung und Unterschlagung durchsucht. Doch ob Gurlitt steuerrechtlich überhaupt etwas angehängt werden kann, ist fraglich. Er habe der Staatsanwaltschaft "genug" Belege geliefert, die ihn von jedem Verdacht entlasten würden, sagt Gurlitt. Die Beschlagnahmung der Kunstwerke kommentierte er mit den Worten: "Die hätten doch warten können mit den Bildern, bis ich tot bin."

Vordergründig geht es um Verjährungsfristen und die Frage, wo Gurlitt seinen Hauptwohnsitz hat, in München oder in Salzburg. Tatsächlich aber geht es um viel mehr: um Schuld und Verantwortung. Hat Cornelius Gurlitt mit den Bildern des Vaters auch dessen mögliche Schuld geerbt? Wenn nicht: Muss er dann die Verantwortung übernehmen für das fragwürdige Handeln des Vaters, das die Werke in die Hände der Familie Gurlitt spielte?

Verloren im Klein-Klein

Gurlitt ist sich keiner Schuld bewusst. So viel steht durch das Gespräch fest, das SPIEGEL-Reporterin Gezer mit ihm führte. Die Vorwürfe der Steuerhinterziehung und Unterschlagung leuchten ihm nicht ein. Das Unrecht, das jüdischen Verfolgten widerfahren ist, bringt er nicht in Verbindung mit seiner eigenen Geschichte. Sein Vater habe mit den Nazis zusammengearbeitet, um die Bilder zu retten, sagte Cornelius Gurlitt dem SPIEGEL. Er selbst sei nie der Frage nachgegangen, woher die Bilder stammen. Die Bilder, so scheint es, waren einfach immer da, und sie waren sein Lebensinhalt.

Es scheint, als habe Gurlitt den Blick für das große Ganze verloren - sofern er ihn je hatte. Es bedarf keiner Vergangenheitsbewältigung. Die Bilder sind für ihn etwas Persönliches, kein Gut der Geschichte, ganz bestimmt kein Allgemeingut.

Gurlitts Sicht ist der Sicht der Behörden damit näher, als man denken könnte: Denn auch die Behörden haben das große Ganze offenbar nicht gesehen, mindestens aber haben sie sich nicht entsprechend verhalten. Sie haben sich vielmehr in aller Stille in detaillierten juristischen Ermittlungen verloren. Im Klein-Klein. Auch sie haben die Bilder nicht wie historisches Allgemeingut behandelt.

Nachdem Cornelius Gurlitt die Bilder jahrzehntelang für sich gehütet hatte, hielten die Behörden sie weitere 20 Monate lang unter Verschluss. Ein Vorgehen, für das Deutschland auf internationaler Ebene heftig kritisiert wird.

So ist der Versuch, sich gütlich mit Gurlitt zu einigen, aus Sicht der Behörden verständlich. Denn auch sie haben im Fall des Münchner Kunstschatzes offenbar keinen angemessenen Umgang mit der Verantwortung für die Bilder gefunden.

Erstmals gibt Gurlitt im SPIEGEL auch ausführlich Auskunft über seine bislang weitgehend unbekannte Biografie. In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL wird auch ein bislang unbekannter Text dokumentiert, den Gurlitts Vater Hildebrand 1955 zur Entstehungsgeschichte seiner Sammlung verfasste.

han

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insgesamt 295 Beiträge
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1. Naja, einzig die Erbschaftssteuer hat er damals hinterzogen !
iffel1 17.11.2013
Und die ist jetzt verjährt. An Gurlitts Stelle würde ich auf Herausgabe klagen, nur fraglich, wohin damit, ohne das da was wieder geklaut wird - diesmal nicht vom Staat ...
2. Wenn es hieb- und stichfeste
uherm_ 17.11.2013
Beweise gibt, dass Bilder enteignet wurden, dann müssen diese zurück gegeben werden. Falls es genügt, vorsorglich die Stimme zu erheben, dann will ich das gerne auch tun.
3. Gurlitt ist sich keiner Schuld bewusst...
indisbelief 17.11.2013
Und da Staatsanwalt ihm offensichtlich auch nichts nachweisen kann sollte das Thema in einem Rechtsstaat erledigt sein, aber nein...
4. woher
huberwin 17.11.2013
Zitat von iffel1Und die ist jetzt verjährt. An Gurlitts Stelle würde ich auf Herausgabe klagen, nur fraglich, wohin damit, ohne das da was wieder geklaut wird - diesmal nicht vom Staat ...
5. Welche Schuld?
schnuffschnuff 17.11.2013
Zitat von sysopTatsächlich aber geht es um viel mehr: um Schuld und Verantwortung. Hat Cornelius Gurlitt mit den Bildern des Vaters auch dessen Schuld geerbt? Wenn nicht: Muss er dann nicht immerhin die Verantwortung übernehmen für das fragwürdige Handeln des Vaters, das die Werke in die Hände der Familie Gurlitt spielte?
Der Autor bleibt die Antwort schuldig, welche Schuld Hildebrandt Gurlitt auf sich geladen hat.
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