Schwangerschaftsabbrüche Untenrum unfrei

Eine Frauenärztin wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie "Werbung" für Abtreibungen gemacht haben soll. Wird Zeit, dass der Staat den Paragrafen 219a abschafft - und sich aus dem Uterus raushält.

Demonstrantinnen vor dem Amtsgericht in Gießen
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Demonstrantinnen vor dem Amtsgericht in Gießen

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In Hamburg hat letzte Woche ein Bagger ein Hakenkreuz ausgebuddelt. Man war sich wohl ziemlich schnell einig, dass das heute nicht mehr so ganz passt, so etwas rumliegen zu haben, und wumms, fünf Tage später war das Ding zerstört. Ein anderes Nazirelikt hält sich etwas hartnäckiger, und es sieht nicht danach aus, dass es demnächst entfernt wird: die skandalöse Unfreiheit im deutschen Abtreibungsrecht. Der Straftatbestand des Paragraf 219a des StGB ("Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft") hat seine Ursprünge im Paragraf 219 des Reichsstrafgesetzbuchs, mit dem die Nationalsozialisten sich im Juni 1933 jeden potenziellen Nachwuchs sichern wollten. Noch immer treibt diese Idee Unfug mit den Uteri.

Es gibt einen einzigen positiven Aspekt an der erstinstanzlichen Entscheidung des Gießener Amtsgerichts, das letzten Freitag die Frauenärztin Kristina Hänel zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilte, weil sie angeblich "Werbung" für Abtreibungen gemacht hat. Man wundert sich fast, dass die Strafe in Euro gezahlt werden soll und nicht in Reichsmark, so unzeitgemäß ist dieses Urteil. Das Positive ist: Jetzt wird darüber geredet. Und ironischerweise ist es genau das, was das Gericht verhindern wollte. Die Vorsitzende Richterin begründete das Urteil mit den Worten: "Der Gesetzgeber möchte nicht, dass über den Schwangerschaftsabbruch in der Öffentlichkeit diskutiert wird, als sei es eine normale Sache."

Süß, eigentlich. Ab wann auch immer etwas als "normale Sache" gilt - selten hört man so konkret, dass der Staat wünscht, etwas möge ein Tabu bleiben. Man würde meinen, das Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden, sei eine "normale Sache". Leider nein. Oder nur so lange, bis man ungewollt schwanger ist. Dann ist es in Deutschland immer noch so, dass Abtreibung rechtswidrig ist, aber in bestimmten Situationen straffrei bleibt, nämlich wenn sie - in Fällen, wo keine medizinischen oder kriminologischen Gründe vorliegen - in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis durchgeführt wird und die Schwangere eine dreitägige Zwangspause verstreichen lässt, nachdem sie sich in einer staatlich anerkannten Stelle hat beraten lassen.

Die Beratung muss stattfinden, egal wie sicher die Frau sich ihrer Sache ist: In dem Moment, in dem sie entscheidet, ob sie eventuell (noch) ein Kind bekommen will, wird sie selbst behandelt wie eine dumme Göre, die zur Strafe in die Ecke muss. Nicht mal alle Beratungsstellen finden diese Regelung sinnvoll.

Vormoderner moralischer Zeigefinger

Das Gießener Urteil und die dazugehörige Botschaft an Frauen werden noch bizarrer, wenn man sich anschaut, wie die "Werbung" auf der Webseite der Frauenärztin ausgesehen hat. Wir reden nicht von einer "Heute wieder Abtreibung"-Leuchtschrift im Praxisfenster oder von Stempelkarten, mit denen man jeden zehnten Abbruch kostenlos bekommt. Wir reden über eine PDF-Datei, in der die Unterschiede zwischen medikamentösem und chirurgischem Schwangerschaftsbruch erklärt werden und welche Nebenwirkungen die Methoden haben.

Da stehen Hinweise wie: "Beim chirurgischen Abbruch mit Vollnarkose dürfen Sie 6 Stunden vorher auf keinen Fall essen, trinken oder rauchen." Oder: " Sie sollten bequeme Kleidung tragen sowie Damenbinden, Socken und ein Badehandtuch für Ihren Aufenthalt im Ruheraum mitbringen." Eine Skizze erklärt, wo von der Arztpraxis aus das nächste Parkhaus ist. Man hat schon schlimmeres Teufelszeug gesehen.

Doch diese Informationen an die Frau zu bringen, mit Verweis auf das eigene Leistungsspektrum als Ärztin, war dem Gericht zu viel. Das ist verrückt. Die ohnehin schon absurde Rechtslage wird dadurch vollends zur Farce. Jede gute Arztpraxis oder Klinik erläutert heute auf ihrer Webseite, welche Leistungen sie erbringt und üblicherweise kann man sich behandeln lassen, egal wie man in die Lage gekommen ist, dass man die Behandlung braucht.

Na, wenn das mal gut geht!

Ich kann als Mutprobe rückwärts einen Berg runterrodeln und mir legal alle Körperteile eingipsen lassen, die ich mir dabei breche. Ich kann auf LSD versuchen mit dem Schnellkochtopf Suppe zu kochen, und wenn das schiefgeht, wird jedes Krankenhaus mich behandeln. Aber wenn beim Sex das Kondom kaputtgeht oder die Spirale versagt oder was auch immer passiert, und es dabei zur Befruchtung kommt, erlaubt sich der Staat zusätzlich einen vormodernen moralischen Zeigefinger: So einfach machen wir es euch nicht! Als müsse man Frauen, wenn man ihnen Rechte gibt, immer noch ein bisschen erziehen oder sie vor ihrem eigenen emanzipatorischen Übermut schützen.

Es ist kein Wunder, denn bei jedem Recht, das Frauen für sich erstreiten, läuft es so. Jede Freiheit, jedes bisschen neue Selbstbestimmung wird von warnenden Stimmen begleitet, die sagen: Na, wenn das mal gut geht! Als Frauen arbeiten und wählen wollten, wurden sie gewarnt, doch bitte nicht ihre Kinder und Ehemänner verhungern und verlottern zu lassen. Als die Pille danach in Deutschland rezeptfrei erhältlich wurde (wie in fast jedem anderen EU-Land), wurde der CDU-Politiker Jens Spahn nicht müde zu behaupten, das sei gefährlich, denn: "Das sind keine Smarties." Auch hier: In einer Situation, in der Frauen die Möglichkeit bekommen wollen, Notfallverhütung anzuwenden, um den Zeitpunkt ihrer Fortpflanzung selbst zu bestimmen, labert ihnen jemand aufs Peinlichste mit dämlichen Kindersüßigkeiten-Vergleichen rein.

Mehr Informationen sorgen nicht für mehr Abtreibungen

Der Staat sollte sich aus dem Uterus raushalten. "Gebärmutter" ist nicht die Funktionsbeschreibung eines ganzen Menschen, sondern ein Organ. Jede Frau hat das Recht, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden, und vielleicht ist das die intimste Entscheidung, die sie je treffen wird. Trotzdem hat so gut wie jeder und jede eine Meinung dazu oder zumindest eine Befürchtung: Sind Frauen, die abtreiben, nur zu blöd zum Verhüten? Nein, denn kein Verhütungsmittel, außer Enthaltsamkeit, ist sicher. Wenn Abtreibungen leichter zugänglich werden, treiben dann ganz viele Frauen ab?

Nein. Kanada hat Schwangerschaftsabbrüche bereits 1988 entkriminalisiert, und es treiben dort seitdem nicht mehr Frauen ab - aber sie tun es stressfreier und sicherer. Sind Abtreibungen nicht trotzdem für jede Frau ein Trauma? Nein. Je besser die Versorgung, desto weniger Komplikationen gibt es bei den Eingriffen. Es gibt Frauen, die den Eingriff körperlich und psychisch sehr gut wegstecken. Dass es Frauen gibt, die Jahre später noch leiden, ist kein Grund, ihr Recht einzuschränken: Es ist immer noch ihr Körper.

Auch der Deutsche Juristinnenbund und der Deutsche Ärztinnenbund fordern inzwischen die Abschaffung des Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch. Alle, die daran zweifeln, ob das gut ist, können sich etwa ansehen, dass es in anderen Ländern auch funktioniert - und wie erbärmlich es den Frauen geht, deren Abtreibungsrechte eingeschränkt werden, siehe Polen. Um einschätzen zu können, was die eigenen Möglichkeiten sind, braucht man Zugang zu Informationen.

Das gilt für Abtreibungen genauso wie für politische Meinungen.

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insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
thobar 28.11.2017
1. Selbstbestimmungsrecht des Mannes
finde auch, dass das Gesetz umgekehrt lauten müsste um Abtreibungen in einem gewissen Rahmen zu entkriminalisieren. auch finde ich es richtig, dass Frauen darüber ob Sie abtreiben wollen, da es ihr Körper ist. wenn der Erzeuger allerdings frühzeitig äußert nicht Vater werden zu wollen, sollte er im Sinne der Gleichberechtigung von den väterlichen Pflichten ( selbstredend auch Rechten ) befreit werden, falls sich die Frau für das Kind enteidet.
andreas.f 28.11.2017
2. Es geht nicht nur...
Es geht nicht nur um den Körper der Frau, sondern auch um den Körper und das Leben des werdenden Kindes. Das wird im Artikel leider nicht behandelt.
Ultras 28.11.2017
3. Wieder mal nur die eine Perspektive
Frau Stokowski schafft es regelmäßig nicht, auch mal andere Perspektiven als die eigene einzunehmen. Was ist z.B. mit Würde und Leben des Kindes, geschützt durch Art. 1 GG? Was ist, wenn der Vater das Kind gerne behalten würde? Was ist, wenn der Vater das Kind nicht wollte und dann trotzdem für den Unterhalt des Kindes aufkommen muss, das zu Beginn keiner der beiden wollte? Auch wenn die Kolumnistin, und davon bin ich überzeugt, gute Absichten hat, aber wenn man zu solch sensiblen Themen schreibt, muss man stets auch wenigstens den Versuch unternehmen, die Gegenseite zu verstehen, egal wie schwer das fällt. Das geht Frau Stokowski leider regelmäßig ab.
Abglanz 28.11.2017
4.
Es ist selten, doch hier bin ich ganz Ihrer Meinung. Wann man Schwanger wird und die damit verbunden Strapazen auf sich nimmt, sollte jede Frau für sich selbst entscheiden dürfen. Ein Kind ist kein Pappenstiel und die Schwangerschaft selbst auch nicht.
trulala 28.11.2017
5. Na, na, wir Männer werden das niemals zulassen
Warum nur erwarte ich jetzt, dass vor allem wieder nur männliche Nutzer mit den absurdesten Gegenreden kommen werden... noch immer ist Emanzipation in dieser Frage weit entfernt, solang nicht auch wir Männer für diese Selbstverständlichkeit streiten.
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