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Performance in Hamburg: Begehbares Unterschichtenfernsehen

Von

"Schwarze Augen, Maria": Tag der offen Tür bei seltsamen Familien Fotos
Erich Goldmann

Der Start schien schon vergeigt, aber ein raffiniertes Psychospiel hat ihn gerettet: Karin Beier hat ihre Intendanz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit einer Performance des Künstlerduos Signa eröffnet. Die Besucher erleben eine verstörende Parallelwelt.

Mit ganz großem Kawumm wollte Karin Beier in ihre Intendanz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg starten: mit dem Sechs-Stunden-Wurf "Die Rasenden", einem Klassiker-Marathon nach Euripides und Aischylos, nach Jean-Paul Sartre und Hugo von Hofmannsthal, mit legendären Figuren der Antike wie Agamemnon und Iphigenie, Orest und Elektra, mit Schauspielstars wie Lina Beckmann und Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr und Götz Schubert. Doch die Pläne endeten mit einem ebenso großen Kawumm: mit einem Unfall, bei dem der eiserne Vorhang den Bühnenboden des Großen Hauses durchschlug.

Die Premiere musste auf den 18. Januar verschoben werden, und so geriet zur Eröffnung der Spielzeit am Wochenende eine völlig anders geartete Produktion in den Fokus: "Schwarze Augen, Maria", eine Performance-Installation des dänisch-österreichischen Künstlerduos Signa, ein zeitgenössisches Experiment, das nicht auf der Bühne des Schauspielhauses stattfindet, sondern in der ehemaligen Elise-Averdieck-Schule. Es ist nicht weniger verstörend als die "Orestie". Den Zuschauern schlug nicht antike Wucht entgegen, sondern eine perfekt simulierte Parallelwelt, die sie Minute für Minute mehr in sich aufsog. Als sie sie wieder ausspuckte, waren auch hier sechs Stunden vergangen.

Ambiente wie im Ostblock der Siebziger

Signa hat in dem Schulgebäude das Haus Lebensbaum eingerichtet, ein Heim für betreutes Wohnen, das die Theaterbesucher zu einem Tag der offenen Tür eingeladen hat. Auf den Böden liegen beigefarbene Teppiche, vor den Fenstern hängen nikotinfarbene Spitzengardinen, ein Geruch nach Kippen und Kantinenfraß, nach Wodka und Birnenbrand, nach Weichspüler und billigem Deo wabert umher. Die Bewohner tragen pinke Plüschpantoffeln und pastellfarbene Jogginghosen, manche auch schmuddelige Schlafanzüge, die ihnen in die Kniekehlen rutschen. Das Ambiente erinnert an runtergerockte Ostblock-Welten der siebziger Jahre. Oder an schlimmste RTL2-Dokumentationen von heute. Begehbares Unterschichtenfernsehen.

Seit zehn Jahren, so die Geschichte, sind im Haus Lebensbaum seltsame Familien einquartiert. Ein seltsamer Zufall hat sie zusammengewürfelt: Die Eltern waren alle in einen Unfall in Altenwerder verwickelt, nahe einem Truckertreff, sie bekamen alle neun Monate nach dem Unfall ein Kind. Und diese Kinder wurden alle noch seltsamer als ihre Eltern. Sie alle haben tiefschwarze Augen, sie alle können Blicken nicht standhalten, sie alle können sich nicht auf Gespräche fokussieren. Und sie alle haben besondere Begabungen: Sie prophezeien die Zukunft. Genauer: die Apokalypse. Einen siebentägigen Sturm, dem nur Auserwählte in einem siebenjährigen Marsch entkommen werden.

Die Theaterbesucher schleichen im Haus umher, wie Detektive, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Sie schauen sich Dutzende Marienfiguren und Kruzifixe und rosafarbene Stofftiere an. Sie sitzen mit Vätern wie dem Ex-Kraftfahrer John auf speckigen Sofas und trinken Oettinger-Pils aus der Flasche. Sie begutachten die Nester, die die Kinder in die Wohnungen gebaut haben. Sie lassen sich von den Kindern beschnuppern und sich Haare ausreißen. Sie hören sich immer wieder ihre quasireligiösen Prophezeiungen an, die wie wirre Wahnvorstellungen wirken, unterbrochen von epileptischen Anfällen.

Ein wenig Licht ins Dunkel bringt Dr. Marius Mittag, ein Facharzt für Psychiatrie, der sich um die Familien und ihre Kinder kümmert. Seine Psychiatrie-Kollegen, kritisiert er im Gespräch mit den Besuchern, pathologisierten alle Abweichungen von der Norm, um diese Abweichungen schnellstmöglich auszurotten. Er hingegen verzichte bewusst auf Medikamente, ja verzichte auf jegliche Art der Behandlung. Er therapiere nicht, er forsche. Eine ähnliche Haltung wünscht er sich von den Besuchern. Sie sollen die Kinder nicht für schwachsinnig erklären, sondern ihnen und ihrer Botschaft zuhören, um zu verstehen: Wahrhaftige Gesundheit schließt das Brüchige und Kranke mit ein.

Eine höhere Sicht der Dinge

Dr. Mittags Kollegen haben bei den Kindern Autismus diagnostiziert, Dr. Mittag jedoch spricht von einem neuen Phänomen: dem Teiresias-Syndrom, benannt nach dem blinden Seher der Antike. Es bildet sich nicht in einem einzelnen Menschen ab, wie eine Krankheit, es ist ein gemeinschaftliches Syndrom. Ein zwischen-seelischer Vorgang. Wer mit ihm in Berührung kommt, steckt sich an: Er verliert seine gewohnten Sinne, gelangt dafür aber zu einer höheren Sicht der Dinge. Wie Teiresias.

Ganz ähnlich ergeht es dem Theaterbesucher in dieser Produktion - vorausgesetzt, er macht alles richtig: Er darf sich nicht als Zuschauer verstehen, sondern als Teilnehmer. Seine Rolle: Er ist Besucher des Tages der offenen Tür. Wenn er sich darauf einlässt, verliert er seine gewohnten Sinne, sieht dafür aber mehr. Er verliert den passiven Blick auf die Dinge, aber dafür begreift er sie, in einem ganz wörtlichen Sinn. Er nimmt keine intellektuell abgehangenen Botschaften mit, wie sonst meist im Theater, sondern Erfahrungen.

Frühere Signa-Produktionen unter Beiers Kölner Intendanz, etwa "Die Erscheinungen der Martha Rubin" oder "Die Hades Fraktur", waren vielleicht noch spektakulärer, noch verwirrender, noch verstörender als "Schwarze Augen, Maria". Aber das mag auch daran liegen, dass viele Besucher inzwischen Erfahrungen mit Signas Parallelwelten gesammelt haben. Und daran, dass die neue Parallelwelt die Besucher nicht ganz so exzessiv zum Saufen einlädt wie manch frühere. Denn der Alkohol, so viel ist gewiss, fördert die intendierte Verwischung von Realität und Fiktion.

Unabhängig davon, hat Signa erneut ein beeindruckend detailverliebtes Setting geschaffen. Das geht so weit, dass die Brötchen, die den Besuchern des Tages der offenen Tür gereicht werden, ganz offenbar schon früh morgens geschmiert wurden: Die Käsescheiben sind in der Mitte verschwitzt und an den Rändern trocken nach oben gebogen. Die Darsteller scheinen ihre Rollen nicht zu spielen, sondern zu leben, allen voran Arthur Köstler als Ex-Kraftfahrer John und Sebastian Sommerfeld als Dr. Marius Mittag. Er beherrscht seine Rolle so gut, dass er morgen in jeder deutschen Psychiatrie anfangen könnte, ohne dass es jemandem auffiele. Kein Wunder, denn Sommerfeld arbeitet zwar zurzeit als Schauspieler, hatte aber jahrelang einen anderen Job: Er war Klinikarzt in psychiatrischen Abteilungen.

Auch das macht "Schwarze Augen, Maria" zu ganz großem Illusionstheater.


Signa: "Schwarze Augen, Maria". Weitere Termine in der ehemaligen Elise-Averdieck-Schule in Hamburg vom 19. bis 24. November, 3. bis 8. und 11. bis 15. Dezember sowie 15. bis 19. und 22. bis 26. Januar, Karten unter Telefon 040/248713. www.schauspielhaus.de

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Performance!
EvilGenius 18.11.2013
---Zitat--- Er darf sich nicht als Zuschauer verstehen, sondern als Teilnehmer. Seine Rolle: Er ist Besucher des Tages der offenen Tür. ---Zitatende--- Diese Art von "Theater" nennt man landläufig auch "Live-Rollenspiel". Aber dann wäre es wohl keine Kunst mehr...
2. Klingt spannend...
demokrat_de 18.11.2013
Auf diese Art des Theaters wäre ich sehr gespannt. Leider doch räumlich weit weg.
3.
thelix 18.11.2013
Zitat von demokrat_deAuf diese Art des Theaters wäre ich sehr gespannt. Leider doch räumlich weit weg.
Ich kann es nur empfehlen, ich habe die Signa-Truppe bisher dreimal in Köln erleben dürfen. Eine wirklich SEHR intensive Erfahrung, die man übrigens mit Live-Rollenspielen auf keinen Fall vergleichen kann. Bei Signa gibt es nämlich praktisch keine Tabus, daher sollte man sich vor einem Besuch mental ein wenig darauf vorbereiten... das meine ich ernst! *ggg*
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