Schweizer Populist Freysinger: Politiker schmückt Büro mit Reichskriegsflagge

Aufregung um Freysinger: Schöne Flagge in der Schweiz Fotos
SRF

Kunstsinnige Politiker sind selten, Oskar Freysinger von der populistischen SVP sieht sich gern als solchen. Ein TV-Film über den schon als "Pissoir-Poet" geschmähten Schweizer liefert dafür ein fragwürdiges Argument: In seinem Büro hängt die deutsche Reichskriegsflagge. Aus ästhetischen Gründen.

Sion/Hamburg - Gerade erst wurde der 52-jährige Oskar Freysinger in den Staatsrat gewählt, das Exekutivgremium des Kantons Wallis. Doch noch bevor der SVP-Politiker sein neues Amt am 1. Mai aufnimmt, hat er in der Schweiz für gehörige Aufregung gesorgt.

Unter dem Titel "Oskar, der Rattenfänger" sendete das Schweizer Fernsehen SRF am Sonntagabend eine Reportage über Freysinger, für die der kräftige Mann mit dem Zopf auch die Türen zu seinem Privatbüro öffnete. Darin stapelt sich das Papier, in der Ecke steht eine Gitarre - soweit nicht überraschend, schließlich lässt Oskar Freysinger seine künstlerische Ader selten unerwähnt. Doch dann schwenkt die Kamera an die Bürodecke - und dort hängt in schwarz-weiß-rot eine große deutsche Reichskriegsflagge (hier die Szene).

Die Fahne symbolisiere das wilhelminische Deutschland, sagte Oskar Freysinger in dem Beitrag, der in der renommierten SRF-Reihe "Reporter" gezeigt wurde. Er habe sie aus einer Ausstellung, so Freysinger: "Da war ein U-Boot ausgestellt und dann hatten sie auch die Flagge auf diesen Schiffen. Mir hat die Flagge gefallen". Im Film folgt keine Nachfrage des Reporters Roland Huber, nach einem Schnitt diskutiert er mit Freysinger über dessen Haltung zu Fremden (hier der komplette Film).

Oskar Freysinger, der 2003 für die SVP in das Schweizer Bundesparlament, den Nationalrat, gewählt wurde, war einer der lautstärksten Befürworter eines Bauverbots für Minarette, das 2009 per Volksabstimmung beschlossen wurde. 2011 warb er an der Seite des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders für ein europaweites Netzwerk antiislamischer Parteien - in Deutschland auf Veranstaltungen der Partei Die Freiheit. Eine Versammlung in der Berliner Stauffenbergstraße begrüßte er der "NZZ am Sonntag" zufolge mit den Worten: "Da muss ich hin, da herrscht bestimmt Bombenstimmung."

"Pinkel-Poet" mit Hollywood-Ambitionen

Während und nach der Ausstrahlung des "Reporter"-Films taten Zuschauer unter anderem via Twitter ihre Irritation über Freysingers Büroschmuck kund: "Neonazis schwenken sie auf Demos, bei Freysinger hängt sie im Keller: die kaiserliche Kriegsflagge", schrieb der User @FabianEberhard zum Beispiel.

Die Zeitung "Tages-Anzeiger" fragte nach bei dem angehenden Kantons-Regierenden. Freysinger sagte demnach, er habe die Flagge "vor etwa 15 Jahren beim Besuch einer U-Boot-Ausstellung in Lübeck gekauft." Ihm hätten die Farben und die Symbole gefallen: "Das ist ein dekoratives Element, das ich nicht mit einer Ideologie in Verbindung bringe." Von der verbreiteten Verwendung der Reichskriegsflagge in Neonazi-Kreisen will er nichts gewusst haben: "Ich habe die Flagge aus rein ästhetischen Überlegungen gekauft, ich fand sie irgendwie schön."

In Geschmacksfragen lag Freysinger freilich schon zu Anfang seiner Parteikarriere daneben. Ein Gedicht über einen Parteikollegen brachte ihm beim Boulevardblatt "Blick" den Beinamen "Pinkel-Poet" (andernorts auch "Pissoir-Poet") ein; die vermeintliche Ausgrenzung der SVP kommentierte er mit sexistischen Reimen ("Dornwittchens klitzekleines Fuzzi ist wohl zu eng für Bortoluzzi").

"Wenn es eine Möglichkeit gibt zu polemisieren, dann nutze ich sie", sagte er in einem Zeitungsporträt 2010. Seit längerem spricht er davon, dass Hollywood interessiert sei an der Verfilmung seines Romans "Die Schachspirale". Der Schweizer Autorenverband verweigerte ihm hingegen 2005 die Aufnahme, weil er ihre "gesellschaftspolitischen und ethischen Grundvorstellungen" nicht teile.

Der Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Ronnie Bernheim, wies gegenüber dem "Tages-Anzeiger" auf die Vorbildfunktion hin, die Freysinger als Politiker und Lehrer (für deutsche Sprache in einem französischen Gymnasium im Wallis) habe. Doch Freysinger will davon nichts wissen: "Die Fahne ist nicht verboten. Sie bleibt hängen."

feb

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 137 Beiträge
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1. Nun ja,
mactor2 26.03.2013
es soll ja auch Leute geben die sich Hirschbilder über Ihr Sofa hängen, Lava-Lampen schön finden oder Perserteppich dekorativ finden. Der Herr findet also ne "alte" deutsche Fahne dekorativ. Na und? Was soll dieser unwichtige, künstliche Aufschrei?
2.
kästchen 26.03.2013
Zitat von sysopSRFKunstsinnige Politiker sind selten, Oskar Freysinger von der populistischen SVP sieht sich gern als solchen. Ein TV-Film über den schon als "Pissoir-Poet" geschmähten Schweizer liefert dafür ein fragwürdiges Argument: In seinem Büro hängt die deutsche Reichskriegsflagge. Aus ästhetischen Gründen. Schweizer Politiker Freysinger findet die Reichkriegsflagge schön - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/schweizer-politiker-freysinger-findet-die-reichkriegsflagge-schoen-a-890999.html)
OH man. Nur weil etwas nicht verboten ist, ist es noch lange nicht zumindest sittenwidrig. Aber Walliser waren und sind schon immer etwas komisch... eingekesselt von Bergen, das ist schlimmer als ein Brett vor dem Kopf. Schränkt wohl den Horizont etwas ein. Meine Meinung als "Flachland"berner :)!
3. Diese
chip01 26.03.2013
Flagge ist ein teil unserer Geschichte. Sie ist erlaubt und sollte hängenbleiben. Das hat nichts mit hakenkreuzen zutun. lächerlich
4.
Dirk Ahlbrecht 26.03.2013
Zitat von sysopSRFKunstsinnige Politiker sind selten, Oskar Freysinger von der populistischen SVP sieht sich gern als solchen. Ein TV-Film über den schon als "Pissoir-Poet" geschmähten Schweizer liefert dafür ein fragwürdiges Argument: In seinem Büro hängt die deutsche Reichskriegsflagge. Aus ästhetischen Gründen. Schweizer Politiker Freysinger findet die Reichkriegsflagge schön - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/schweizer-politiker-freysinger-findet-die-reichkriegsflagge-schoen-a-890999.html)
Schön, liebe SPIEGEL-Leute, daß Ihr die Leser darüber infomiert habt, daß bei Oskar Freisinger im Büro eine Reichskriegsflagge hängt. Wann folgt Euer Bericht darüber, daß auf der Trauerkundgebung für den von türkischstämmigen Migranten erschlagenen Deutschen Daniel S. das Zeigen der Deutschlandfahne seitens der Polizei verboten wurde?
5. Donnerwetter Tadellos
ein-berliner 26.03.2013
Zitat von sysopSRFKunstsinnige Politiker sind selten, Oskar Freysinger von der populistischen SVP sieht sich gern als solchen. Ein TV-Film über den schon als "Pissoir-Poet" geschmähten Schweizer liefert dafür ein fragwürdiges Argument: In seinem Büro hängt die deutsche Reichskriegsflagge. Aus ästhetischen Gründen. Schweizer Politiker Freysinger findet die Reichkriegsflagge schön - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/schweizer-politiker-freysinger-findet-die-reichkriegsflagge-schoen-a-890999.html)
Der Mann gehört zu den unheimlichen Monarchisten. Wäre mal was: König / Kaiser der Schweiz. Hinweis für die Faschistenjäger: Das letzte deutsche Reich hatte eine andere Reichskriegsflagge.
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