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Schwulen-Aktivist Praunheim: "Ein Skandal ist etwas Fruchtbares"

Rosa von Praunheim hat mit dem Outing homosexueller Prominenter die Gesellschaft empört - und verändert. In dem neuen Interviewbuch "Skandal!" spricht der Regisseur über die Lust am Tabubruch, seinen Hass auf Bigotterie und den höheren Sinn von Provokationen.

Frage: Herr von Praunheim, im Dezember 1991 offenbarten Sie auf dem "Heißen Stuhl" des Fernsehsenders RTL, dass Hape Kerkeling und Alfred Biolek homosexuell seien. Kerkeling kommentierte das später mit den Worten: "Sensiblere Naturen als ich hätten sich in einer Kurzschlusshandlung womöglich mit dem Föhn in die Badewanne gelegt." Hatten Sie zuvor darüber nachgedacht, welche fatalen Konsequenzen das Outing haben könnte?

von Praunheim: Das Outing war eine dringend notwendige politische Aktion im Angesicht des Todes von vielen Freunden. Ein verzweifelter Aufschrei in der Aids-Krise. Kerkeling habe ich vorher angerufen. Ich habe ihn gefragt, wann er sich endlich outen würde. Er hat geantwortet, dass er es nicht vorhabe. Also habe ich es für ihn gemacht. Es war ein radikaler Schritt, für den ich büßen müsste, das war mir klar. Aber es war ein richtiger Schritt - mit dem ich Solidarität von Kerkeling und Biolek einforderte: Bekennt euch zu eurem Schwulsein! Als Schwule hatten sie eine besondere Verantwortung, weil es in unserer Community die meisten HIV-Positiven gab.

Frage: Trotzdem: Ob homosexuell, hetero- oder bisexuell - das ist Privatsache. Deshalb gab es massive Kritik an Ihnen. Jutta Oesterle-Schwerin, damalige Sprecherin des Lesbenrings, sagte, nicht einmal Personen, die Politik gegen Homosexuelle machen, würden jemanden gegen seinen Willen outen.

von Praunheim: Ich wusste, was ich tat. Mit Biolek und Kerkeling habe ich keine hilflosen Wesen geoutet, sondern Sympathieträger, beliebte Narren der Gesellschaft, die niemand so leicht steinigen konnte. Ich wusste, dass es ihnen nicht schaden würde. Im Gegenteil: Stünden sie selbstbewusst zu ihrer Sexualität, steigerte das ihre Popularität. Und die Gesellschaft sähe Homosexuelle mit anderen Augen und verfolgte das Thema Aids mit größerer Aufmerksamkeit. Wer wie Kerkeling und Biolek berühmt ist und zu einer Gruppe gehört, die diskriminiert, gemobbt und verprügelt wird, hat kein Privatleben im herkömmlichen Sinn. Sein Privatleben ist immer politisch. Er darf keine Angst vor dem Karriereknick haben und sich anpassen. Er hat die Pflicht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe das Outing übrigens nicht erfunden: Angeregt haben mich die Aids-Aktivisten in den USA, die dort Poster mit homosexuellen Stars wie Jodie Foster an die Wände klebten. Aber auch von Herbert Grönemeyer kam ein Impuls. Er sagte 1985 bei einer meiner Aids-Benefizveranstaltungen: "Solange sich keine populären Menschen aus dem Showgeschäft bekennen, wird sich nicht viel ändern."

Interview-Buch "Skandal"

Interview-Buch "Skandal"

Frage: Der Schauspieler Phil Zwickler, der in Ihrer Aids-Trilogie mitgespielt hat, hat einmal gesagt: "Ich weiß, was von Praunheim will. Er will, dass ich vor laufender Kamera sterbe." Gab es für Sie keine Grenze?

von Praunheim: Ich kenne die Grenzen. Aber es war mir zum Beispiel wichtig, solidarisch mit HIV-Positiven zu sein, die sich selbst geoutet haben. Zu meinen Benefizveranstaltungen habe ich gegen den Willen der Aids-Hilfe eine Gruppe von Betroffenen eingeladen und sie von ihren Erfahrungen erzählen lassen. Ich fand es gut, dass nicht länger über HIV-Positive getuschelt wurde: "Guck mal, wie der aussieht, der ist so abgemagert." Ich wollte, dass die HIV-Positiven selbstbewusst mit dem Virus umgehen und sagen: "Ich habe HIV, lebe damit und rede mit anderen darüber." Ich wollte, dass sie politische Forderungen stellen, sich gegen ihre eigene Ausgrenzung wehren. Und dass ein offener gesellschaftlicher Dialog zustande kommt. Denn Schweigen ist gleich Tod. Nur wenn wir ohne falsche Scham über Aids sprechen, können wir die vielen Naiven, die vielen Verantwortungslosen dazu bringen, sich zu schützen. Das ist heute besonders wichtig: Wegen der neuen Medikamente halten sich viele für unsterblich.

Frage: Für die Aufmerksamkeit, die Sie erregten, mussten auch Sie einen Preis zahlen. So wurden Sie von Boulevardmedien angegriffen, die "Bild"-Zeitung titelte scheinheilig: "Pfui, Rosa! Schwulen-Verrat im TV".

von Praunheim: Ich war Freiwild: Einige Medien haben Berufsverbot für mich gefordert, andere zur Jagd auf mich aufgerufen und meine Adresse abgedruckt. Die Medien lieben den Verrat, aber sie bestrafen den Verräter. Egal. Viel wichtiger war mir, dass mein Outing die Art und Weise verändert hat, wie Medien über Schwule berichten. Vorher tauchten Schwule meist nur im Zusammenhang mit Drogen, Mord und Aids-Tod auf; Stars mussten eine Vorzeige-Verlobte präsentieren. Als Folge von meinem Outing waren Schwule plötzlich normal und wurden wohlwollend dargestellt.

Frage: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie vor allem deshalb Prominente geoutet hätten, weil Sie ein Selbstdarsteller seien?

von Praunheim: Das ist Unsinn. Ich war schlicht der Einzige, der bereit war, sich dafür an den Pranger stellen zu lassen. Außerdem war es wichtig, dass die ängstlichen, unsicheren Schwulen eine Identifikationsfigur hatten. Eine Bewegung braucht Gesichter. Ich habe meines gern hingehalten.

Frage: Sie sind immer besonders kritisch mit der eigenen Szene umgegangen. Als Ihr Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" 1973 in der ARD gesendet wurde, schaltete sich nicht nur der BR aus, auch viele Homosexuelle waren empört. Im Film heißt es unter anderem: "Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger." Für viele sind Sie ein Nestbeschmutzer.

von Praunheim: Das will ich auch sein. Mein Film entstand aus einer unglaublichen Wut auf die Schwulenszene heraus - die oberflächlich und ängstlich war, keinen Mut hatte, etwas zu verändern. Ich habe ihnen zugerufen: Ihr flüchtet euch in Glamour, Sex und Drogen, statt für eure Sache zu kämpfen! Ihr müsst euch ändern! Normalerweise erwarten die Zuschauer, dass man eine Minderheit in Schutz nimmt und so tut, als gehörten ihr nur gute Menschen an. Doch ich war so wütend auf die träge und feige Schwulenszene, dass ich auf keinen Fall einen Film hätte machen können, der nur um Toleranz wirbt. Ich musste die Schwulen angreifen. Das war produktive Provokation: Viele Schwulengruppen wurden daraufhin gegründet; Schwule wurden selbstbewusster und begannen tatsächlich für ihre Sache zu kämpfen.

Frage: Der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger behauptet, Skandale hätten fast ausschließlich negative Folgen; die Wahrheit sei zwar erkennbar, habe aber keine Chance, sich durchzusetzen. Wie sehen Sie das?

von Praunheim: Für mich ist ein Skandal etwas Fruchtbares. Er regt auf und dazu an, sich für ein Thema leidenschaftlich zu engagieren. Ohne Reibung, ohne Tabubrüche gibt es keinen Fortschritt. Entscheidend ist für mich, dass der Skandal Öffentlichkeit herstellt: Die Leute diskutieren plötzlich über ein Thema, regen sich darüber auf - das ist immer bereichernd. "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche halte ich deshalb für ein wichtiges Buch, weil eine Frau darin sehr offen über ihre Sexualität spricht, was immer noch nicht selbstverständlich ist. Doch nicht nur liberale, auch reaktionäre Ansichten wie etwa die der Antifeministin Eva Herman können eine produktive Diskussion in Gang setzen. Generell gilt: Je heftiger die Auseinandersetzung, desto größer der Nutzen.

Frage: Lässt sich ein Skandal planen und steuern?

von Praunheim: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Skandale weder kalkulieren noch kontrollieren lassen. Sie verselbständigen sich. Doch zunächst einmal muss ein Skandal von den Medien und der Gesellschaft als solcher wahrgenommen werden - ein großer kann unbeachtet bleiben, ein winziger kann zum Rücktritt eines Politikers führen. Ob das geschieht, hängt auch von der Nachrichtenlage ab. Als Jugendlicher wollte ich unbedingt einmal der britischen Königin Elizabeth II. ins Bein beißen. Wahrscheinlich hätte ich damit für eine kurze Zeit Aufmerksamkeit erregt, doch wenn zur gleichen Zeit ein Krieg ausgebrochen wäre, hätte ich es bestimmt nicht auf die Titelseiten geschafft. Die Medien lassen sich nicht manipulieren und können genauso wenig selbst die Gesellschaft manipulieren. Ich kann mich nicht an meinen Schreibtisch setzen, ein Skandalkonzept entwerfen und die Zahl der Schlagzeilen berechnen. Gott sei Dank.

Frage: Eine erstaunliche Position für jemanden, der so gezielt Aufmerksamkeit erregt.

von Praunheim: Natürlich versuche ich mit meinen Aussagen, Auftritten und Filmen eine Wirkung zu erzielen. Aber die Resonanz darauf kann ich nicht beeinflussen. Außerdem bin ich, anders als Sie unterstellen, kein reflektierter Mensch, ich handle spontan, intuitiv. Dabei kann der Schuss manchmal auch nach hinten losgehen. So wie bei meiner zweiten Outing-Aktion im Fernsehen.

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