Schwulen-TV TIMM "Kein anderer Sender würde sich trauen, das auszustrahlen"

Gute Serien, schwule Nachrichten, knackige Jungs im Aquarium - aber bitte kein Porno! Deutschland bekommt seinen ersten Homo-Fernsehsender. TIMM-Chef Frank Lukas erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie er mit dem Fall Haider umginge - und wieso Mark Medlock ganz okay ist.


SPIEGEL ONLINE: Herr Lukas, Sie betonen gern, dass TIMM nicht ein schwuler Sender ist, sondern ein Sender für Schwule. Wo liegt der kleine Unterschied?

Lukas: Gegenfrage: Hat RTL ein Geschlechtsteil? Außerdem klingt schwuler Sender nach "schlüpfrig plus betroffen', also nach Porno, Aids, Diskriminierung - und das war's dann. Wir bringen aber ein Vollprogramm mit dem Anspruch, ein relevantes Angebot für schwule Männer zu machen. Wir zeigen auch Sendungen, in denen Schwulsein gar nicht thematisiert wird, die britische Comedy-Serie "Nighty Night" etwa. Die ist herrlich böse – aber kein anderer Sender würde sich trauen, die auszustrahlen.

SPIEGEL ONLINE: Warum verzichten Sie bewusst auf Schlüpfriges?

Lukas: Ich glaube nicht, dass sich unser Publikum über Pornos definiert. Und auch nicht über Quizspielchen, bei denen Moderatoren Buchstaben umdrehen und sich dabei ausziehen. Andererseits erwarten schwule Zuschauer natürlich eine gewisse Sexyness – zu Recht, denn uns vereint ja die Liebe zu Männern. Dem kommen wir nach, etwa mit attraktiven Moderatoren und sexy Serien wie "Queer as Folk" und "Noah's Arc". Und in der Nachtschleife läuft ja auch unser Männeraquarium.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Lukas: Unsere Sendung mit dem meisten Sex. Da schwimmen Männer in Badehose durchs tiefblaue Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Aha. Also eine Art schwul-aquanautische Variante der "Sexy Sport Clips" auf DSF?

Lukas: Nein, viel ästhetischer. Wir haben sehr aufwändig vor einer BlueBox unter Wasser gedreht. Einfach schöne Männer, die unter Wasser paddeln und an der Kamera vorbeischwimmen; selbst wenn es da Fleisch zu sehen gibt – allerdings schön knackiges Fleisch.

SPIEGEL ONLINE: Wegen männlicher Badenixen braucht aber niemand einen Sender für Schwule, oder?

Lukas: Was heißt "braucht"? Letztlich regelt sich der Fernsehmarkt über Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage existiert: Das merken wir derzeit an vielen Mails, Anrufen und Briefen. Und unser Angebot lautet: Der schwule Zuschauer muss bei uns nicht suchen, sondern er findet. Wir sammeln das für unser Publikum relevante Material - Serien, Filme, Dokus - und zeigen es.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ein reines Marktargument. Sind die Schwulen tatsächlich so sehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen – oder verspießt -, dass Sie keine andere Mission mehr haben, als Geld zu verdienen?

Lukas: Natürlich geben wir mit der Gründung von TIMM auch ein gesellschaftspolitisches Statement ab. Wir propagieren mehr als einen einzigen Lebensentwurf. Abgesehen davon gibt es ja durchaus politische Dinge, über die man sprechen muss und für die es sich zu streiten lohnt: zum Beispiel das Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Adoption. Über dieses Thema diskutieren wir in unseren Talkshows, es käme auch in unseren News-Sendungen vor – aber wir würden es nicht dauernd problematisieren. TIMM ist kein Betroffenheitssender von Berufsschwulen für andere Berufsschwule.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Anspruch, ein Vollprogramm zu machen. Mit "TIMM Today" produzieren Sie ein tägliches Magazin- und Nachrichtenformat. Wie sehen eigentlich Nachrichten für Schwule aus?

Lukas: Bei uns gibt es keine "Tagesschau"-Kopie. Wir fragen uns: Was interessiert unsere Zielgruppe an einer bestimmten Geschichte? Ein aktuelles Beispiel wäre der Fall Jörg Haider. Wie ist das da mit dem Outing? Wir klären die rechtliche Lage, interviewen vielleicht noch Rosa von Praunheim zum Thema Zwangsouting. Das könnte unser Aufmacher sein. Dazu kleinere politische Meldungen aus dem In- und Ausland. Und natürlich jede Menge Service auch in rechtlichen Fragen oder zum Thema Reise. Wenn ich nach Kuba oder Südafrika fahre, will ich doch wissen: Was darf ein schwules Paar da? Dürfen wir Händchen halten in der Öffentlichkeit?

SPIEGEL ONLINE: Der Fall Haider ist eine einfache Vorlage für sie. Wie gehen Sie mit der Bankenkrise um?

Lukas: Das ist schon schwieriger, stimmt. Wir sprachen schon mit einem schwulen Hartz-IV-Empfänger dazu, denkbar wäre auch ein schwuler Experte. Aber wir werden nicht künstlich Relevanz herstellen. Dazu gibt es viel zu viele andere spannende Themen. Und alles muss sich einspielen. Wir werden bei unserem Publikum auch genau nachfragen, was ankommt und was nicht. Nach 100 Tagen machen wir vielleicht eine Sendung mit dem Titel: "Hau den Lukas". Da können die Zuschauer dem Programmdirektor mal genau sagen, wo es langgehen soll.



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